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Alle Kategorien > Change Management > Andere Arten von Veränderungsprojekten > ein etwas ungewöhnliches Projekt
Anzahl Nachrichten: 2 - Seiten (1): [1]
Autor: Alexandros Tallos
Erstellt: 10.02.2009 - 01:11
Betreff: ein etwas ungewöhnliches Projekt
Hallo und guten Abend,
mein Name ist Alexandros Tallos und ich komme aus Dortmund. Ich bin mir sicher, dass bis heute niemand mit ähnlich verrückten Fragen auf Sie zugekommen ist, aber ich freue mich, wenn Sie ein offenes Ohr und Wort für mich erübrigen können.

Nach etlichen Jahren der Selbstständigkeit habe auch ich Mitte 2008 eine finanzielle Bruchlandung hingelegt, die meine "Seele" bis heute noch nicht verkraftet hat. Aus Zeitvertreib spiele ich seit ca 8 Monaten das Online Spiel "World of Warcraft". Am Anfang war es ein reiner Zeitvertreib, mittlerweile bin ich der Gildenleader (Vorsitzender der Spielergemeinschaft) auf einem der vielen Server weltweit.

Und so eine "Gemeinschaft" von bis zu 100 Spielern bringt natürlich auch eine Menge Probleme und Arbeit mit sich. Je länger ich diesen "Job" jedoch mache und je intensiver ich mich mit den "virtuellen" Problemen herumschlage, desto klarer wird mir, dass das, was ich hier erlebe, nichts anderes ist, als ein Abbild der Realität mit all den Fascetten, die man halt im "echten" Leben auch so erlebt.

Es kommt mir vor wie das Führen einer kleinen Firma und das "Optimieren" von Firmenführungen gehört vermutlich zu Ihren Stärken. Ich finde es absolut spannend, zu erleben, wie auch hier die unterschiedlichen "Menschentypen" in der Altersstruktur 15-40Jahren miteinander interagieren und wie völlig unterschiedliche Motivationen bei den einzelnen Spielern vorherrschen. Einer kommt nur ins Spiel, weil er sich nach der Arbeit entspannen will, ein anderer versucht Macht im Spiel zu erlangen, welche er im echten Leben wohl niemals haben wird und einem dritten ist es einfach nur wichtig zu spielen und er schert sich überhaupt nicht um die sozialen Prozesse in dem Spiel, während einer vierten Person (natürlich eine Frau ) das soziale Miteinander das Wichtigste in diesem Spiel zu sein scheint.

Kurzum - ich finde es furchtbar spannend, diese verschiedenen Motive zu beobachten und zu sehen, wie sich das auf das "Gemeinsame" - nämlich das Spiel selber auswirkt.

Ein wichtiger Punkt noch bevor ich zu den Fragen komme: Es ist innerhalb dieses Spiels wichtig, Spielergemeinschaften von mindestens 25 Spielern zu bilden, da man sonst bestimmte Spielziele NICHT erreichen kann.

Diese Spielergemeinschaften lassen sich in aller Regel recht schnell zusammenfinden, wenn es um das gemeinsame Ziel geht, nämlich bestimmte Spielziele gemeinsam zu erreichen. Ab diesem Zeitpunkt passieren zZ ganz erstaunliche Dinge. Die einen Spieler fangen auf einmal an Kritik an den Offizieren (Spielleitern) zu üben, andere verlassen die Gilde (Spielergemeinschaft) und wieder andere sind unmotiviert und lassen sich nicht mehr oft online sehen.

Es werden ganz unterschiedliche Gründe dafür aufgeführt, warum diese Situation im Moment so ist, wie sie ist - und ganz ehrlich - wie ich mich im Moment mit meiner Lebenspartnerin stundenlang darüber streite, wer nun besser nicht mehr zu dieser Spielgemeinschaft gehören soll und besser durch einen anderen zu ersetzen sei, erinnert mich doch sehr stark an die Zeit, als wir ähnliche Diskussionen noch über die Angestellten in meinem Unternehmen hatten. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich hier so ins Zeug lege, denn ich möchte lernen, wie ich diese Situationen besser meistern kann - zum Wohle aller Beteiligten.

- Ist es überhaupt möglich Menschen mit so verschiedenen Motiven dieses Spiel zu spielen dauerhaft unter "einen Hut" zu bringen?

- Braucht es (grade wegen der vielen jungen Spieler) eine "starke Hand", um Unstimmigkeiten sozusagen "von ober herab" zu unterbinden?
Dazu ein Beispiel: Es wird von der Führungsebene eine Veränderung im Spielablauf beschlossen - als Test. Bei der nächsten Spielrunde jedoch fangen einige Spieler plötzlich an sich wütend über diese Veränderung aufzuregen und im Anschluss wurde auch von Spielern, die an diesem Abend nicht dabei waren, gerügt, dass "die da oben" wieder mal etwas verändert hätten und man die Spieler nicht darüber informiert hatte. (Dieses Szenario erlebe ich jeden Tag wenn ich mir die Kommentarte von BILD Lesern auf der Online Seite anschaue...)
Ich gebe diesen Spielern Recht, dass man Entscheidungen und auch Test öffentlich machen sollte, aber die Art der Anfeindungen nahm schon die Ausmasse einer Rebellion an.
- Auch hier wieder eine schwierige Entscheidung: Gesteht man den Spielern öffentliche Kritik zu, geht das mit einer starken Unruhe der Spielergemeinschaft einher - unterbindet man Kritik bemüht man sich eigentlich einem diktatorischen Mittel.

Mir fallen dazu noch eine Menge an Fragen ein, aber ich will zunächst einmal abwarten, wie Sie auf dieses "außergewöhnliche Projekt" reagieren.

Es würde mich wirklich freuen, wenn Sie hier mit Rat und Tat weiterhelfen, denn auch ich werde sicherlich eines Tages wieder "meinen Mann" in der Wirtschaft stehen und möchte dann besser gewappnet sein, als das letzte Mal

mfG
A.Tallos
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 13.02.2009 - 17:47
Betreff: re: ein etwas ungewöhnliches Projekt
Hallo Herr Tallos,

zunächst meine Hochachtung für das mutige Bekenntnis zu Ihrer unternehmerischen Bruchlandung! Und auch zu Ihrer Entschlossenheit, daraus zu lernen. Mit beidem könnte man auch sehr viel defensiver und mutloser umgehen.

Gern gebe ich Ihnen ein paar Anregungen zum Nachdenken und Überprüfen.

Führung unter erschwerten Bedingungen

Eine offensichtliche Parallele gibt es in der Tat zwischen Ihrer Spieler-Community und einer Firma: In beiden Fällen haben Sie es mit Menschen zu tun, die Ihre Wünsche und Bedürfnisse in das soziale System mitbringen, auf das sie sich da eingelassen haben, und sie dort realisieren sollen. Und dieses System reagiert auf seine Weise auf die Verhaltensweisen der einzelnen Mitspieler, einschließlich derer des Spiel- oder Gildenleiters.

Es gibt aber auch einen ganz entscheidenden Unterschied zu einer Firma: Die Mitglieder erhalten für Ihre Teilnahme (vermutlich) keine Bezahlung. Damit entfällt das, was ich einmal als "die friedensstiftende Wirkung regelmäßiger Gehaltszahlungen" bezeichnet habe, die das Führen in Unternehmen (relativ) einfach machen. Da sie keine materielle Gegenleistung für ihre Teilnahme erhalten, steigen die Erwartungen an die Befriedigung jener anderen Bedürfnisse, die die Teilnehmer mitbringen; Sie haben ja selbst einige Beispiele genannt. Und entsprechend steigt auch die Bereitschaft, recht kompromisslos für die eigenen Vorstellungen zu kämpfen – und den Bettel hinzuschmeißen, wenn sie nicht erfüllt werden.

Insofern sind Ihre Teilnehmer in ihren Verhaltensmustern wahrscheinlich eher mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern von NGOs vergleichbar als den Angestellten von Wirtschaftsunternehmen. Eine überraschende Parallele, ich weiß, aber vergleichen Sie Ihre Erfahrungen mal mit dem, was ich in dem betreffenden Artikel geschrieben habe. So erklären sich auch die "erstaunlichen Dinge", die Sie beschrieben haben, wie Kritik üben, die Gilde verlassen oder "unmotiviert sein". (Diese Leute sind übrigens nicht wirklich "unmotiviert"; sie sind nur frustriert darüber, dass ihre durchaus vorhandene Motivation ins Leere läuft.)

In solch einem Umfeld ist das Führen ungleich schwieriger als in einer Firma. Zumal ich vermute, dass Ihnen die Mitgspieler keinen Bonus dafür geben, dass Sie die Arbeit ebenfalls freiwillig und (vermutlich) ohne Vergütung machen. Sie wollen ihre eigenen Bedürfnisse erfüllt sehen und scheren sich vermutlich einen Dreck um die Ihren. Die gute Nachricht daran ist: Wenn Sie es unter solchen Bedingungen schaffen, erfolgreich so führen, sind Sie gut gerüstet für das Führen in einem (eigenen oder fremden) Unternehmen.

Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen wichtig

Ein Punkt ist beim Führen von "Freiwilligen" besonders wichtig, nämlich die Nachvollziehbarkeit von Entscheidungen. Im Rahmen von Arbeitsverträgen sind die (meisten) Mitarbeiter bereit, einen gewissen Grad an Willkür zu ertragen, wenn auch möglicherweise kopfschüttelnd, zähneknirschend oder mit resigniertem Achselzucken: Es ist zwar vielleicht frustrierend und ärgerlich, aber man braucht halt das Geld.

Im Umgang mit Freiwilligen entfällt diese Kompromissbereitschaft. Mit willkürlichen Entscheidungen (genauer: Entscheidungen, die als willkürlich empfunden werden) lösen Sie damit einen mittleren Volksaufstand aus – ungefähr das, was Sie in der Erläuterung zu Ihrer zweiten Frage beschrieben haben. Lesen Sie sich dazu am besten mal die Artikel Reaktanz und Widerstände durch; dann werden Sie verstehen, was sich da als Reaktion auf Ihre Regeländerungen emotional abgespielt hat.

Konkret zu Ihrem Fragen:

- Ist es überhaupt möglich Menschen mit so verschiedenen Motiven dieses Spiel zu spielen dauerhaft unter "einen Hut" zu bringen?

Ja, es geht, auch wenn es – siehe oben – nicht ganz einfach ist. Nicht nur relativ junge Verbände wie greenpeace und attac, sondern auch sehr alte wie beispielsweise der Bund Naturschutz in Bayern beweisen, dass eine gemeinsame Sache stark genug sein kann, sehr viele Menschen (im BN ca. 171.000) über lange Zeit zusammenzuhalten. Sofern dieses gemeinsame Anliegen stark genug dafür ist.

- Braucht es (grade wegen der vielen jungen Spieler) eine "starke Hand", um Unstimmigkeiten sozusagen "von ober herab" zu unterbinden?

- Auch hier wieder eine schwierige Entscheidung: Gesteht man den Spielern öffentliche Kritik zu, geht das mit einer starken Unruhe der Spielergemeinschaft einher - unterbindet man Kritik bemüht man sich eigentlich einem diktatorischen Mittel.

Eine starke, mutige und konsequente Führung ja, eine "starke Hand" im Sinne einer autoritären Führung, die keine Kritik duldet, nein. Mit "diktatorischen Mitteln", wie Sie es selbst genannt haben, lösen Sie in einem Freiwilligen-Umfeld zuerst eine Rebellion aus, und bei deren Unterdrückung einen Massenexodus. Aber das heißt keineswegs, dass Sie nun Kreide fressen und den Pudding an die Wand nageln sollen. Ein Führer, der es allen recht zu machen versucht, und sich dabei wie ein Fähnchen im Wind dreht, wird binnen Kurzem nicht mehr ernst genommen und links liegen gelassen. Verdientermaßen.

Nachvollziehbarkeit heißt vor allem eines: Die Leute müssen das Problem verstehen, bevor Sie mit dessen Lösung konfrontiert werden. Wer eine Änderung vorgegeben bekommt, ohne dass er das Problem sieht, welches damit gelöst werden soll, wird – genau wie es die Reaktanztheorie vorhersagt – mit hoher Wahrscheinlichkeit unwillig, ärgerlich oder sogar wütend reagieren. Nachträgliche Erklärungen können diese Verstimmungen allenfalls mildern, aber in der Regel nicht völlig ausräumen.

Nachvollziehbarkeit heißt zum zweiten: Kenntnis der Alternativen, wie das Problem gelöst werden könnte (einschließlich der Option, gar nichts zu tun), und Auseinandersetzung mit diesen Alternativen. Und sie heißt drittens: Verstehen der Gründe, die ausschlaggebend für die letztliche Entscheidung sind. (Wobei Verstehen nicht zwangsläufig heißen muss, auch einverstanden zu sein.)

Wozu streiten?

Das heißt praktisch: Falls Sie eine Änderung der Spielregeln für erforderlich halten, erklären Sie Ihrer Community als erstes das Problem. Beschreiben Sie dann, welche Lösungsoptionen es gibt und welche Sie warum bevorzugen. Laden Sie dann zu Stellungnahmen / Anregungen / Alternativvorschlägen ein. Steuern Sie die anschließende Diskussio neher mit Fragen als durch ein massives Verfechten Ihrer Position (Beispiel: "Bei Ihrem Vorschlag macht mir Sorgen … Wie können wir erreichen / verhindern, dass …?")

Treffen Sie Ihre Entscheidung, wenn sich ein "Konsent" abzeichnet, das heißt eine Lösung, mit der die meisten Mitspieler leben könnten, oder wenn die Gegenpositionen hinreichend klar geworden sind. Erläutern (= erklären) Sie Ihre Entscheidung dann noch und weben Sie um Zustimmung, aber diskutieren Sie sie nicht mehr. Akzeptieren Sie auch, dass manche Menschen anderer Meinung sein werden und nicht zu überzeugen sind. Sie werden merken, wie das das Klima verändert.

Ein Wort noch zu den "stundenlangen Streitereien" mit Ihrer Partnerin. Wozu beziehen Sie sie eigentlich überhaupt in Ihre Entscheidungen ein? Meines Erachtens gibt es hier nur zwei sinnvolle Alternativen: Wenn Sie sich sicher sind, was Sie tun wollen, dann tun Sie es. Dann können Sie Ihre Partnerin über Ihre Entscheidung informieren, wenn Sie wollen, und, falls sie eine andere Sichtweise hat, dies zur Kenntnis nehmen. Aber darüber noch zu streiten, macht wenig Sinn. Ihre Partnerin darf ja eine andere Sichtweise haben und muss nicht mit Ihrer Sicht einverstanden sein.

Wenn Sie Ihre Entscheidung hingegen querprüfen wollen, weil Sie sich nicht hundertprozentig sicher sind, macht es erst recht keinen Sinn zu streiten. Dann sollten eigentlich die Punkte am interessantesten für Sie sein, an denen Ihre Partnerin anderer Meinung ist. Dann sollten Sie mit größtmöglicher Neugier und Sorgfalt zu verstehen versuchen, welche Gründe sie dafür hat, die Sache anders zu sehen. (Was wiederum nicht heißt, dass Sie sich diese Gründe zu eigen machen müssen; es heißt lediglich, sie zu verstehen und zu prüfen. Dann (und erst dann) können Sie entscheiden, ob diese Gründe gewichtig genug sind, um eine andere Entscheidung zu treffen, oder nicht.) Wenn Sie verstanden haben, dann entscheiden Sie: so oder so. Oder noch anders.

Streiten geht von der – in diesem Fall vermutlich falschen – Annahme aus, dass Sie sich einigen müssten. Aber das müssen Sie ja gar nicht, da es keine Entscheidung über das gemeinsame Leben, etwa über Ihren Wohnort oder Ihr Urlaubsziel, ist, sondern allein Ihr Verantwortungsbereich. Also entscheiden Sie allein – aber dort, wo Sie es für sinnvoll halten, unter der bestmöglichen Nutzung der sozialen und analytischen Intelligenz Ihrer Partnerin.

So viel mal für den Moment – ich denke, das liefert Ihnen einigen Stoff zum Nachdenken.

Viel Erfolg beim Spiel wie beim unternehmerischen Neuanfang
und freundliche Grüße

Winfried Berner
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