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Anzahl Nachrichten: 2 - Seiten (1): [1]
Autor: Gregor
Erstellt: 10.02.2008 - 17:02
Betreff: Business Reengineering - noch aktuell?
Hallo Herr Berner

Ich schreibe gerade meine DA über das Thema Business Reengineering und vergleiche hierbei die amerikanische mit der europäischen Literatur. Zur Zeit bearbeite ich einen Punkt in welchem ich den Stellenwert des BR heute analysieren möchte. Ich habe zwar dazu einige empirische Studien im Internet gefunden, welche mir Zahlen über durchgeführte BR-Projekte liefern, habe aber sonst nur wenig Informationen bzw. "schwammige" Aussagen über BR heute. Viele Texte, Artikel etc. stammen aus den Jahren 1990-1997. Mich würden auch ihre Einschäzungen zu diesem Thema interessieren. Ist BR in der radikalen "Hammer und Champy"-Form heute noch aktuell?

Hat das radikale "Hammer und Champy"- Modell überhaupt den Weg über den Teich nach Europa (deutschsprachiger Teil)gefunden? Oder wurden hier nur Teile aus ihrem Konzept verwendet. Diese Frage stellt sich mir deshalb, weil alle von mir gefundenen BR-Projekte im deutschsprachigen Europa zumindest einen großen Unterschied zum Begründermodell aufweisen. All die von mir gefundenen europäischen Projekte setzen nach Abschluss des eigentlichen BR-Projektes auf eine kontinuierliche Weiterverbesserung der Organisation, was bei Hammer und Champy ja an und für sich nicht vorgesehen ist. Und als letzte Frage; glauben Sie, dass diese radikale Form einer Um bzw. Neustrukturierung, wie sie Hammer und Champy beschreiben, in Europa überhaupt erfolgreich durchführbar ist?

Freundliche Grüße

Gregor

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Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 20.6.2005
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 10.02.2008 - 17:02
Betreff: re: Business Reengineering - noch aktuell?
Hallo Gregor,

es ist schon eine ganze Weile her, dass ich "Business Reengineering" gelesen habe. An vieles erinnere ich mich nicht mehr, aber ich weiß, dass ich damals schon den Eindruck hatte, dass das Buch viel Hype und Verbalradikalismus darbot, um es nicht härter zu formulieren. Von daher wäre meine Gegenfrage, ob BR jemals irgendwo auf der Erde so "radikal" umgesetzt wurde, und wenn ja, wie gut das den betreffenden Unternehmen bekommen ist. Die Erfolgsquoten, die Hammer & Stanton ein paar Jahre später in "Die Reengineering Revolution" berichteten, waren ja nicht gar so berauschend.

Das wirkliche Verdienst von Hammer & Champy lag meines Erachtens nicht darin, dass sie eine umsetzbare Methodik geliefert hätten, sondern darin, dass sie die Aufmerksamkeit der (Business) Welt auf die Bedeutung der "Ablauforganisation" und vor allem der Prozesseffizienz gelenkt haben. Das hatten zwar vor ihnen schon viele andere Studien u.a. über das japanische Management getan (zum Beispiel Abegglen / Stalk: Kaisha), und es gab hochintelligente Weiterentwicklungen wie zum Beispiel das BCG-Konzept "Time-Based Management" (Stalk / Hout); trotzdem waren es wohl vorrangig die Fanfarenstöße von Hammer / Champy, die bewirkten, dass die Welt begann, sich zu reengineeren.

Mittlerweile ist die Reengineering-Welle wieder abgeebbt wie alle Management-Moden. Deshalb ist es auch nicht wirklich überraschend, dass Sie aus jüngerer Zeit nur noch sporadische Veröffentlichungen hierzu finden. Aber der Kerngedanke, dass Abläufe immer wieder überdacht und optimiert werden müssen, hat den Wechsel der Moden überstanden und ist in das Standard-Repertoire von Management und Beratung eingezogen. Nur heißt es dort oft nicht mehr "Business Reengineering", sondern zum Beispiel "Process Redesign", "Process Efficiency", "Process Quality" ....

Ironie des Schicksals: Von der Verbal-Revolution ist tatsächlich vor allem die schrittweise Reformpolitik, das "Continuous Improvement" übrig geblieben. Es ist schwierig, angesichts dieser "Sozialdemokratisierung der Revolution" nicht an die Politik zu denken.

Von daher müssten Sie meines Erachtens, wenn Sie die heutige Praxis des Reengineering untersuchen wollen, zunächst einmal prüfen, was daraus geworden ist und unter welchen "Decknamen" es sich heute verborgen hält. Denn in der Managementpraxis ist es ja durchaus nicht so, dass es ein geordnetes Verhältnis zwischen Begriffen und Realitäten gibt. Schon weil jede große Beratungsfirma darauf angewiesen ist, von Zeit zu Zeit eine neue Sau durchs Dorf zu treiben, werden ähnliche Ansätze unter unterschiedlichsten Namen verkauft. Die Kreativität in Bezug auf eindrucksvolle Begriffe ist deutlich größer als in Bezug auf bahnbrechende Ideen.

Darüber hinaus fürchte ich, dass Publikationen zu Einzelprojekten hier keine geeignete Referenz für Ihre Fragestellung sind. Man muss ja sehen, dass solche Veröffentlichungen stark interessengeleitet sind: Entweder wollen Berater mit Referenzprojekten neue Kunden gewinnen, und/oder es wollen Interne sich profilieren bzw. ihren Absprung in eine neue Karriere vorbereiten. Weder das eine noch das andere ist verwerflich – aber beides führt zu einer tendenziösen Berichterstattung: Sie werden sehr viel mehr Berichte über Referenzprojekte finden als über gescheiterte oder mäßig erfolgreiche Vorhaben.

Ein Literaturvergleich würde daher eher dokumentieren, was die Berichterstatter an ihren Heldentaten besonders hervorhebenswert fanden – sei es, weil sie glauben, dass ihnen in ihrem Projekt Außergewöhnliches gelungen ist, oder dass es für potenzielle Kunden besonders attraktiv sein könnte. Damit aber vergleichen Sie als Untersucher weniger, was wirklich stattgefunden hat, als was subjektiv für berichtenswert erachtet wurde. Was durchaus ein lohnendes Thema sein könnte – aber ein ganz anderes als das Ihre.

Was also tun? Falls Sie keine vergleichenden Studien finden, die schon von der Auswahl der untersuchten Projekte her sicherstellten, dass ein repräsentativer Querschnitt von völlig erfolglosen bis extrem erfolgreichen Projekten analysiert wurde, wäre meine Empfehlung, eher über Experteninterviews an Ihr Thema heranzugehen. In fast jedem mittleren oder großen Unternehmen werden Sie Menschen finden, die eigene Erfahrung mit Reengineering-Projekten gemacht haben. Fragen Sie sich zu denen durch und machen Sie ein Interview mit ihnen! Ich bin mir sicher, dass Sie dann schon nach 15 Interviews mehr wissen als nach dem Studium sämtlicher weltweiten Veröffentlichungen!

Viel Erfolg und
freundliche Grüße

Winfried Berner
Anzahl Nachrichten: 2 - Seiten (1): [1]
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