Kaum etwas ist so verkorkst, dass man nicht daraus lernen könnte.
Aus der derzeitigen Krise des Radsports zum Beispiel kann man viel über Unternehmenskultur und Kulturveränderung lernen sowie darüber, weshalb sich Menschen verhalten, wie sie sich verhalten. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Auch bei der Tour de France geht es letztlich um Kulturveränderung: Wir (genauer: viele von uns) wollen, dass sich eine größere Zahl von Menschen – in diesem Fall Leistungssportlern – künftig anders verhält als sie sich heute zu verhalten scheint.
Was also müsste man tun, um den Radsport / den Leistungssport generell wieder einigermaßen dopingfrei zu bekommen? Dazu häufen sich derzeit die Vorschläge, und sie reichen, wie üblich, von freiwilligen Selbstverpflichtungen bis zu härteren Strafen. Doch die gemachten Vorschläge sagen meist mehr über das Weltbild ihrer Urheber als dass sie zur Lösung des Problems beitragen. Die Empfehlungen gleichen sich, gleich ob es um Lebensmittelskandale, Korruptionsaffären oder illegale Giftmüllentsorgung geht. Ein geordneter Zusammenhang zwischen Lösung und Problem ist indes selten zu erkennen.
Wenn wir Verhalten verändern wollen, ist es wichtig, nutzlosen Aktionismus zu vermeiden. Bevor die erste Maßnahme eingeleitet wird, müssen wir verstanden haben, weshalb sich unsere Zielgruppe heute (überwiegend) so verhält wie sie sich verhält. Dabei heißt es als erstes, von populären, aber nutzlosen Erklärungsmustern Abstand zu nehmen. Gleich ob "kriminelle Energie", "Dummheit" oder "bodenloser Leichtsinn" – solche "Erklärungen" erklären nichts, sondern erlauben uns nur, zu verurteilen oder zu entschuldigen. Was wir verstehen müssten, ist, weshalb das unerwünschte Verhalten aus der Sicht der jeweiligen Akteure subjektiv sinnvoll war. Denn wenn es das nicht wäre, hätten sie es nicht getan: Niemand tut etwas, das er (zum Zeitpunkt des Handelns) als unsinnig betrachtet.
Nur wenn wir verstanden haben, weshalb das heutige, unerwünschte Verhalten für die Akteure (oder jedenfalls für einen relevanten Teil von ihnen) subjektiv sinnvoll und logisch ist, können wir darüber nachdenken, wie sich die Rahmenbedingungen des Handelns ändern müssten, damit ein anderes Verhalten subjektiv sinnvoll wird.
Aber wie könnte Doping ein subjektiv sinnvolles Verhalten sein?
Um das zu verstehen, lade ich Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment ein.
Nehmen wir an, Sie wären ein junger, aufstrebender Radsportler. Sie haben schon früh angefangen, Rennrad zu fahren; schon bald haben Sie erste Jugendrennen gewonnen. Man hat Ihnen großes Talent bescheinigt, Sie haben all die Jahre hart trainiert und schon bei den ersten Anläufen vordere Plätze bei anspruchsvollen Amateurrennen belegt. Ein Profirennstall wurde auf Sie aufmerksam; man sagte Ihnen, wenn Sie sich weiter so entwickelten und weiter so konsequent trainierten, könnten Sie in die absolute Weltspitze vorstoßen. Freudig nahmen Sie das Angebot an, ins Profilager zu wechseln. Auch dort schlugen Sie sich auf Anhieb achtbar, und es gelang Ihnen in den nächsten zwei Jahren, Ihre Leistung noch weiter zu steigern. Doch würde Ihnen und Ihrem Umfeld auch immer klarer, dass Sie wohl kaum in die absolute Spitze vordringen würden, wenn Sie nicht noch einen deutlichen Leistungsschub hinbekommen würden.
Je mehr Zeit verstrich, desto schmerzlicher wurde Ihnen bewusst, wie groß der Unterschied zwischen den "Wasserträgern", zu denen Sie zählten, und den Top-Fahrern ist: finanziell, in der öffentlichen Aufmerksamkeit wie in der privaten Bewunderung, ja selbst in der internen Hackordnung des Rennstalls. Immer wurmte Sie das Gefühl, dass Sie sich in genau der gleichen Weise quälten wie die ganz Großen, aber nur einen Bruchteil der Belohnung zurückbekommen. Ihr ganzes Leben hatten Sie in den Radsport investiert, auf viele Freuden und Erfahrungen Ihrer Altersgenossen verzichtet, um immer nur zu trainieren, trainieren, trainieren ... In Ihrer Heimatgemeinde nervten Sie zunehmend die Fragen von Kindern und Jugendlichen, ob Sie auch bei der Tour de France mitführen und ob Sie sie vielleicht gewinnen würden. Und obwohl er nichts sagte, wirkte Ihr Vater so, als sei er ein wenig enttäuscht von Ihnen. Sogar Sie selbst empfinden zunehmend ein Gemisch aus Frustration, Wut und Verzweiflung: Hatte man Ihnen nicht immer ein außergewöhnliches Talent bescheinigt? Hatte man Sie nicht mit dem Versprechen ins Profilager gelockt, Sie könnten es bis ganz an die Spitze schaffen? Hatten Sie sich nicht selbst in Ihren Träumen im Gelben Trikot gesehen? Sollte der ganze Einsatz, die ganze Plackerei, die ganze Qual wirklich umsonst gewesen sein?
Vermutlich setzt der Einsatz von Doping im Leistungssport oft schon ein paar Jahre früher ein und nicht erst an dem hier beschriebenen Scheidepunkt. Doch an der Logik ändert sich dadurch nichts. In einer Welt, in der alle unterhalb der Top Ten kaum wahrgenommen werden, wo das Einkommensgefälle zwischen den Spitzenleuten und dem Mittelfeld exorbitant ist, in der ein Michael Schumacher vergöttert und ein Ralf Schumacher zum Verlierer gestempelt wird, sind die Anreize extrem groß, dem eigenen Glück ein wenig nachzuhelfen. Sie sind noch größer, wenn Grund zu dem Verdacht besteht, dass (manche) andere (auch) deshalb an der Spitze stehen, weil sie die richtigen Mittel und Wege dafür gefunden haben. Und sie sind noch ein Stück größer, wenn der direkte und indirekte Druck aus der Umgebung wächst. Das heißt keineswegs, dass alle Leistungssportler dopen. Aber es heißt, dass es vermutlich für manche Sportler mehr Mut und Risikobereitschaft braucht, um nicht zu dopen, als dafür, es zu tun. In München auf dem Mittleren Ring die vorgeschriebenen 60 km/h zu fahren, erfordert weitaus mehr Mut als, 80 zu fahren..
Was tun?
Bei Kulturveränderungsprojekten erlebe ich häufig eine kleine bis mittlere Projektkrise, die beinahe planmäßig gegen Abschluss der Kulturanalyse einsetzt: Wenn man sich erst einmal die Mühe gemacht hat, den Gründen des heute üblichen Verhaltens nachzuspüren und sie schließlich verstanden hat, wird den Teammitgliedern plötzlich klar, dass dieses heutige Verhalten so furchterregend logisch ist, dass kaum noch vorstellbar ist, weshalb die Adressaten ihr Verhalten jemals ändern sollten. Diese Krise hält manchmal Tage und Wochen an, bevor sich erste Ideen abzeichnen, wie es doch gelingen könnte, ein anderes Verhalten subjektiv sinnvoller zu machen – und das heute sinnvolle Verhalten subjektiv weniger sinnvoll.
Gerade deshalb ist diese Kulturanalyse sinnvoll: Indem sie die innere Logik des heute üblichen Verhaltens transparent macht, schafft sie Respekt vor der Größe der Aufgabenstellung und lenkt die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung. Denn Maßnahmen, die diese innere Logik ignorieren, machen die Sache kaum besser, haben aber gute Chancen, die Lage zu verschlimmern.
Mögliche Maßnahmen
Prüfen wir einmal die Maßnahmen, die derzeit diskutiert werden, auf ihre Wirksamkeit für eine dauerhafte Kulturveränderung:
Härtere Strafen sind ohne Zweifel gut geeignet, um die Wut und Empörung des Volkes zu kanalisieren und eine Illusion von Handlungsstärke der Politik zu vermitteln. Aber würde sich der Sportler aus unserem Gedankenexperiment davon beeindrucken lassen? Wenn Dopingsünder nicht mehr mit einer zwei- oder dreijährigen Sperre, sondern mit einer lebenslänglichen belegt werden, droht ihm das unrühmliche Karriereende. Aber das droht ihm in seiner subjektiven Wahrnehmung auch so, denn wenn er es nicht bis an die Spitze schafft, ist seine Karriere, gemessen an seinen Ambitionen, unrühmlich zu Ende gegangen. Wo also wäre das Problem im Falle einer verlängerten Sperre? Sie würde allenfalls die (ohne Doping) nutzlose Quälerei beenden.
Drakonische Strafen können sogar einen paradoxen Effekt haben. Nehmen wir einmal im Extrem an, auf mehrfaches Doping stünde die sofortige standrechtliche Erschießung. Der Effekt wäre vermutlich (so hoffe ich jedenfalls), dass viele Doping-Kontrolleure die ertappten Sünder nicht mehr anzeigen würden, weil sie nicht für deren Tod verantwortlich sein wollen. Je härter die Strafen, desto mehr bleibt die "Compliance" derer auf der Strecke, die für Sachverhaltsermittlung, Verurteilung und Strafvollzug benötigt werden. (Dass das Beispiel nicht überzogen ist, zeigt die Erfahrung, dass bei Leistungsbeurteilungen die Tendenz zu Mittelwerten wächst, wenn die finanziellen oder karrieremäßigen Konsequenzen verschärft werden, die an die Beurteilungen gekoppelt sind.)
Konsequentere Kontrollen wären vermutlich das wirksamste Mittel gegen Doping, denn je höher die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, desto unsinniger ist es, das Risiko einzugehen. Vor allem wenn die Strafe für Ersttäter so empfindlich ist, dass ein gefahrloses Ausprobieren nicht drin ist. "Konsequent" heißt allerdings, nicht nur dann zu kontrollieren, wenn es leicht durchführbar ist, sondern dann, wenn Doping von den Trainingsplänen her sinnvoll ist.
Der Haken konsequenter Kontrollen ist, dass sie einen Rüstungswettlauf auslösen. Denn sie machen nicht Doping generell subjektiv weniger sinnvoll, sondern nur das Verwenden der derzeit nachweisbaren Mittel.
Bestrafung der Rennställe ist ein überlegenswerter Ansatz, weil sie die Risikoverteilung verändert. Solange vor allem die Fahrer bestraft werden, ist die Interessenlage der Rennställe eine andere als wenn sie selbst im Risiko sind. Je höher ihr Risiko ist, desto größer ihr Interesse, ihre Fahrer am Doping zu hindern.
Der Nachteil all dieser Ansatzpunkte ist, dass sie nur den möglichen Preis des Dopings erhöhen, nicht aber dessen Nutzen reduzieren. Mit anderen Worten, sie mindern den Anreiz zu dopen kaum, vor allem nicht für Sportler, die es unbedingt schaffen wollen und/oder die ahnen, dass es ihnen alleine mit Trainingsfleiß und -methodik nicht gelingen wird.
Aber gibt es Möglichkeiten, den Nutzen des Dopings zu reduzieren? Ich bin skeptisch, denn der Kern des Übels liegt im System. Solange Marktwert und Ansehen eines Michael Schumacher um ein paar Zehnerpotenzen oberhalb seines Bruders Ralf liegen, ist die Rolle des Michael um ein Vielfaches attraktiver als die des Ralf, erst recht wenn man viel Zeit und Lebensenergie in die jeweilige Sportart investiert hat. Deshalb komme ich hier zu demselben Ergebnis wie bereits im Zusammenhang mit interner Konkurrenz festgestellt:
Doping ist die logische und unvermeidliche Folge des Leistungssports.
Da es aber in unserer Mediengesellschaft kaum vorstellbar ist, die exzessive Übergewichtung der Sieger und Siegeskandidaten gegenüber dem Mittelfeld zu reduzieren, wird auch der zentrale Anreiz zum Doping bestehen bleiben.
Wie kommt es dann, dass Doping nicht in sämtlichen Sportarten gang und gäbe ist? Mal sehen, was wir darüber in den nächsten Monaten noch erfahren – aber die Ursache für eine unterschiedliche "Durchseuchung" dürfte sein, dass Doping nicht in allen Sportarten gleich wirksam ist. Vielleicht ist es einfach so, dass Doping beim Schach oder beim Skispringen weniger bringt als beim Radsport und anderen Ausdauersportarten.
Witzigerweise folgt daraus ein zusätzlicher Ansatzpunkt, den Anreiz zum Doping zu verringern: Wenn es gelänge, Trainingsmethoden und/oder zulässige, weil nicht gesundheitsschädliche Mittel zur Leistungssteigerung zu finden, könnte dies den Grenznutzen von Doping so weit reduzieren, dass es angesichts der Risiken an Nutzen und damit an Interesse verliert. Dann hätten wir den Teufel erfolgreich mit einem gezähmten Beelzebub ausgetrieben.
Winfried Berner
Aus der derzeitigen Krise des Radsports zum Beispiel kann man viel über Unternehmenskultur und Kulturveränderung lernen sowie darüber, weshalb sich Menschen verhalten, wie sie sich verhalten. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Auch bei der Tour de France geht es letztlich um Kulturveränderung: Wir (genauer: viele von uns) wollen, dass sich eine größere Zahl von Menschen – in diesem Fall Leistungssportlern – künftig anders verhält als sie sich heute zu verhalten scheint.
Was also müsste man tun, um den Radsport / den Leistungssport generell wieder einigermaßen dopingfrei zu bekommen? Dazu häufen sich derzeit die Vorschläge, und sie reichen, wie üblich, von freiwilligen Selbstverpflichtungen bis zu härteren Strafen. Doch die gemachten Vorschläge sagen meist mehr über das Weltbild ihrer Urheber als dass sie zur Lösung des Problems beitragen. Die Empfehlungen gleichen sich, gleich ob es um Lebensmittelskandale, Korruptionsaffären oder illegale Giftmüllentsorgung geht. Ein geordneter Zusammenhang zwischen Lösung und Problem ist indes selten zu erkennen.
Wenn wir Verhalten verändern wollen, ist es wichtig, nutzlosen Aktionismus zu vermeiden. Bevor die erste Maßnahme eingeleitet wird, müssen wir verstanden haben, weshalb sich unsere Zielgruppe heute (überwiegend) so verhält wie sie sich verhält. Dabei heißt es als erstes, von populären, aber nutzlosen Erklärungsmustern Abstand zu nehmen. Gleich ob "kriminelle Energie", "Dummheit" oder "bodenloser Leichtsinn" – solche "Erklärungen" erklären nichts, sondern erlauben uns nur, zu verurteilen oder zu entschuldigen. Was wir verstehen müssten, ist, weshalb das unerwünschte Verhalten aus der Sicht der jeweiligen Akteure subjektiv sinnvoll war. Denn wenn es das nicht wäre, hätten sie es nicht getan: Niemand tut etwas, das er (zum Zeitpunkt des Handelns) als unsinnig betrachtet.
Nur wenn wir verstanden haben, weshalb das heutige, unerwünschte Verhalten für die Akteure (oder jedenfalls für einen relevanten Teil von ihnen) subjektiv sinnvoll und logisch ist, können wir darüber nachdenken, wie sich die Rahmenbedingungen des Handelns ändern müssten, damit ein anderes Verhalten subjektiv sinnvoll wird.
Aber wie könnte Doping ein subjektiv sinnvolles Verhalten sein?
Um das zu verstehen, lade ich Sie zu einem kleinen Gedankenexperiment ein.
Nehmen wir an, Sie wären ein junger, aufstrebender Radsportler. Sie haben schon früh angefangen, Rennrad zu fahren; schon bald haben Sie erste Jugendrennen gewonnen. Man hat Ihnen großes Talent bescheinigt, Sie haben all die Jahre hart trainiert und schon bei den ersten Anläufen vordere Plätze bei anspruchsvollen Amateurrennen belegt. Ein Profirennstall wurde auf Sie aufmerksam; man sagte Ihnen, wenn Sie sich weiter so entwickelten und weiter so konsequent trainierten, könnten Sie in die absolute Weltspitze vorstoßen. Freudig nahmen Sie das Angebot an, ins Profilager zu wechseln. Auch dort schlugen Sie sich auf Anhieb achtbar, und es gelang Ihnen in den nächsten zwei Jahren, Ihre Leistung noch weiter zu steigern. Doch würde Ihnen und Ihrem Umfeld auch immer klarer, dass Sie wohl kaum in die absolute Spitze vordringen würden, wenn Sie nicht noch einen deutlichen Leistungsschub hinbekommen würden.
Je mehr Zeit verstrich, desto schmerzlicher wurde Ihnen bewusst, wie groß der Unterschied zwischen den "Wasserträgern", zu denen Sie zählten, und den Top-Fahrern ist: finanziell, in der öffentlichen Aufmerksamkeit wie in der privaten Bewunderung, ja selbst in der internen Hackordnung des Rennstalls. Immer wurmte Sie das Gefühl, dass Sie sich in genau der gleichen Weise quälten wie die ganz Großen, aber nur einen Bruchteil der Belohnung zurückbekommen. Ihr ganzes Leben hatten Sie in den Radsport investiert, auf viele Freuden und Erfahrungen Ihrer Altersgenossen verzichtet, um immer nur zu trainieren, trainieren, trainieren ... In Ihrer Heimatgemeinde nervten Sie zunehmend die Fragen von Kindern und Jugendlichen, ob Sie auch bei der Tour de France mitführen und ob Sie sie vielleicht gewinnen würden. Und obwohl er nichts sagte, wirkte Ihr Vater so, als sei er ein wenig enttäuscht von Ihnen. Sogar Sie selbst empfinden zunehmend ein Gemisch aus Frustration, Wut und Verzweiflung: Hatte man Ihnen nicht immer ein außergewöhnliches Talent bescheinigt? Hatte man Sie nicht mit dem Versprechen ins Profilager gelockt, Sie könnten es bis ganz an die Spitze schaffen? Hatten Sie sich nicht selbst in Ihren Träumen im Gelben Trikot gesehen? Sollte der ganze Einsatz, die ganze Plackerei, die ganze Qual wirklich umsonst gewesen sein?
Vermutlich setzt der Einsatz von Doping im Leistungssport oft schon ein paar Jahre früher ein und nicht erst an dem hier beschriebenen Scheidepunkt. Doch an der Logik ändert sich dadurch nichts. In einer Welt, in der alle unterhalb der Top Ten kaum wahrgenommen werden, wo das Einkommensgefälle zwischen den Spitzenleuten und dem Mittelfeld exorbitant ist, in der ein Michael Schumacher vergöttert und ein Ralf Schumacher zum Verlierer gestempelt wird, sind die Anreize extrem groß, dem eigenen Glück ein wenig nachzuhelfen. Sie sind noch größer, wenn Grund zu dem Verdacht besteht, dass (manche) andere (auch) deshalb an der Spitze stehen, weil sie die richtigen Mittel und Wege dafür gefunden haben. Und sie sind noch ein Stück größer, wenn der direkte und indirekte Druck aus der Umgebung wächst. Das heißt keineswegs, dass alle Leistungssportler dopen. Aber es heißt, dass es vermutlich für manche Sportler mehr Mut und Risikobereitschaft braucht, um nicht zu dopen, als dafür, es zu tun. In München auf dem Mittleren Ring die vorgeschriebenen 60 km/h zu fahren, erfordert weitaus mehr Mut als, 80 zu fahren..
Was tun?
Bei Kulturveränderungsprojekten erlebe ich häufig eine kleine bis mittlere Projektkrise, die beinahe planmäßig gegen Abschluss der Kulturanalyse einsetzt: Wenn man sich erst einmal die Mühe gemacht hat, den Gründen des heute üblichen Verhaltens nachzuspüren und sie schließlich verstanden hat, wird den Teammitgliedern plötzlich klar, dass dieses heutige Verhalten so furchterregend logisch ist, dass kaum noch vorstellbar ist, weshalb die Adressaten ihr Verhalten jemals ändern sollten. Diese Krise hält manchmal Tage und Wochen an, bevor sich erste Ideen abzeichnen, wie es doch gelingen könnte, ein anderes Verhalten subjektiv sinnvoller zu machen – und das heute sinnvolle Verhalten subjektiv weniger sinnvoll.
Gerade deshalb ist diese Kulturanalyse sinnvoll: Indem sie die innere Logik des heute üblichen Verhaltens transparent macht, schafft sie Respekt vor der Größe der Aufgabenstellung und lenkt die Aufmerksamkeit in die richtige Richtung. Denn Maßnahmen, die diese innere Logik ignorieren, machen die Sache kaum besser, haben aber gute Chancen, die Lage zu verschlimmern.
Mögliche Maßnahmen
Prüfen wir einmal die Maßnahmen, die derzeit diskutiert werden, auf ihre Wirksamkeit für eine dauerhafte Kulturveränderung:
Härtere Strafen sind ohne Zweifel gut geeignet, um die Wut und Empörung des Volkes zu kanalisieren und eine Illusion von Handlungsstärke der Politik zu vermitteln. Aber würde sich der Sportler aus unserem Gedankenexperiment davon beeindrucken lassen? Wenn Dopingsünder nicht mehr mit einer zwei- oder dreijährigen Sperre, sondern mit einer lebenslänglichen belegt werden, droht ihm das unrühmliche Karriereende. Aber das droht ihm in seiner subjektiven Wahrnehmung auch so, denn wenn er es nicht bis an die Spitze schafft, ist seine Karriere, gemessen an seinen Ambitionen, unrühmlich zu Ende gegangen. Wo also wäre das Problem im Falle einer verlängerten Sperre? Sie würde allenfalls die (ohne Doping) nutzlose Quälerei beenden.
Drakonische Strafen können sogar einen paradoxen Effekt haben. Nehmen wir einmal im Extrem an, auf mehrfaches Doping stünde die sofortige standrechtliche Erschießung. Der Effekt wäre vermutlich (so hoffe ich jedenfalls), dass viele Doping-Kontrolleure die ertappten Sünder nicht mehr anzeigen würden, weil sie nicht für deren Tod verantwortlich sein wollen. Je härter die Strafen, desto mehr bleibt die "Compliance" derer auf der Strecke, die für Sachverhaltsermittlung, Verurteilung und Strafvollzug benötigt werden. (Dass das Beispiel nicht überzogen ist, zeigt die Erfahrung, dass bei Leistungsbeurteilungen die Tendenz zu Mittelwerten wächst, wenn die finanziellen oder karrieremäßigen Konsequenzen verschärft werden, die an die Beurteilungen gekoppelt sind.)
Konsequentere Kontrollen wären vermutlich das wirksamste Mittel gegen Doping, denn je höher die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, desto unsinniger ist es, das Risiko einzugehen. Vor allem wenn die Strafe für Ersttäter so empfindlich ist, dass ein gefahrloses Ausprobieren nicht drin ist. "Konsequent" heißt allerdings, nicht nur dann zu kontrollieren, wenn es leicht durchführbar ist, sondern dann, wenn Doping von den Trainingsplänen her sinnvoll ist.
Der Haken konsequenter Kontrollen ist, dass sie einen Rüstungswettlauf auslösen. Denn sie machen nicht Doping generell subjektiv weniger sinnvoll, sondern nur das Verwenden der derzeit nachweisbaren Mittel.
Bestrafung der Rennställe ist ein überlegenswerter Ansatz, weil sie die Risikoverteilung verändert. Solange vor allem die Fahrer bestraft werden, ist die Interessenlage der Rennställe eine andere als wenn sie selbst im Risiko sind. Je höher ihr Risiko ist, desto größer ihr Interesse, ihre Fahrer am Doping zu hindern.
Der Nachteil all dieser Ansatzpunkte ist, dass sie nur den möglichen Preis des Dopings erhöhen, nicht aber dessen Nutzen reduzieren. Mit anderen Worten, sie mindern den Anreiz zu dopen kaum, vor allem nicht für Sportler, die es unbedingt schaffen wollen und/oder die ahnen, dass es ihnen alleine mit Trainingsfleiß und -methodik nicht gelingen wird.
Aber gibt es Möglichkeiten, den Nutzen des Dopings zu reduzieren? Ich bin skeptisch, denn der Kern des Übels liegt im System. Solange Marktwert und Ansehen eines Michael Schumacher um ein paar Zehnerpotenzen oberhalb seines Bruders Ralf liegen, ist die Rolle des Michael um ein Vielfaches attraktiver als die des Ralf, erst recht wenn man viel Zeit und Lebensenergie in die jeweilige Sportart investiert hat. Deshalb komme ich hier zu demselben Ergebnis wie bereits im Zusammenhang mit interner Konkurrenz festgestellt:
Doping ist die logische und unvermeidliche Folge des Leistungssports.
Da es aber in unserer Mediengesellschaft kaum vorstellbar ist, die exzessive Übergewichtung der Sieger und Siegeskandidaten gegenüber dem Mittelfeld zu reduzieren, wird auch der zentrale Anreiz zum Doping bestehen bleiben.
Wie kommt es dann, dass Doping nicht in sämtlichen Sportarten gang und gäbe ist? Mal sehen, was wir darüber in den nächsten Monaten noch erfahren – aber die Ursache für eine unterschiedliche "Durchseuchung" dürfte sein, dass Doping nicht in allen Sportarten gleich wirksam ist. Vielleicht ist es einfach so, dass Doping beim Schach oder beim Skispringen weniger bringt als beim Radsport und anderen Ausdauersportarten.
Witzigerweise folgt daraus ein zusätzlicher Ansatzpunkt, den Anreiz zum Doping zu verringern: Wenn es gelänge, Trainingsmethoden und/oder zulässige, weil nicht gesundheitsschädliche Mittel zur Leistungssteigerung zu finden, könnte dies den Grenznutzen von Doping so weit reduzieren, dass es angesichts der Risiken an Nutzen und damit an Interesse verliert. Dann hätten wir den Teufel erfolgreich mit einem gezähmten Beelzebub ausgetrieben.
Winfried Berner


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