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Anzahl Nachrichten: 9 - Seiten (1): [1]
Liebe Forumsbesucher,
ich bin auf der Suche nach Praxisbeispielen für die Entwicklung einer sogenannten "produktiven Fehlerkultur", wie sie in vielen Angeboten von Beratern und Trainern z.B. im Umfeld Qualitätsmanagement beschrieben wird. Inhaltlich wird darunter meist verstanden, dass Fehler kulturell als natürlich und als Chance zum Lernen verstanden werden.
Ich freue mich sehr, wenn ich auf diesem Weg von einem (oder sogar mehreren) Unternehmen erfahren kann, die diese Entwicklung aktiv betreiben.
Herzlicher Gruß aus München
Jochen Raysz
______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 4.5.2004
Autor: Jochen Raysz
Erstellt: 18.02.2008 - 15:10
Betreff: re: Fehlerkultur
Autor: Hochreither
Erstellt: 18.02.2008 - 15:11
Betreff: re: re: Fehlerkultur
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 15:11
Betreff: re: re: re: Fehlerkultur
Hallo Herr Hochreither,
danke für Ihre Anmerkungen. Hätten Sie es noch ein bisserl ausführlicher? Ich fände es ausgesprochen spannend, wie eine Fehlerkultur in der Realität aussieht, und würde mich sehr über ein paar Sätze der Erläuterung freuen. Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb es bei uns (noch?) keine Fehlerkulturen gibt? Und was müsste man nach Ihrer Ansicht tun, um dies zu ändern?
Freundliche Grüße
Winfried Berner
Autor: Hochreither
Erstellt: 18.02.2008 - 15:12
Betreff: re: re: re: re: Fehlerkultur
Hallo Herr Berner,
in der Tat ist dies nach meinen Recherchen ein eher deutsches Thema.
Grundsätzlich beginnt das scheinbar in der Schule, setzt sich dann fast folgerichtig im Beruf fort. Es ist also ein gesellschaftliches Phänomen, kombiniert mit unserem Perfektionismus, alles besser und immer richtig machen zu wollen. Aus dieser Perspektive heraus, kann selten eine funktionierende Fehlerkultur entstehen.
Wichtig für eine funktionierende Fehlerkultur ist u.a. zunächst seine eigenen Fehler objektiv zu sehen, und weiter die Angst vor dem Versagen zu akzeptieren als etwas sinnvolles, um die entsprechenden Lösungen anschließend finden zu können.
Um eine Fehlerkultur beginnen zu können schlage ich deshalb zunächst ein Fehlermanagement vor, das dann eine Fehlerkultur sinnvoll erscheinen läßt.
Beste Grüsse
Peter Hochreither
Autor: Rita Kottman
Erstellt: 18.02.2008 - 15:12
Betreff: re: re: re: re: re: Fehlerkultur
Geschätzter Herr Raysz
Meiner Meinung nach ist es wichtig, bevor ich eine wirkunsvolle Fehlerkultur installieren/zum Wachsen bringen kann; die Menschen mit ihrer intrapsychischen Motivationsstrukturen zu erfassen und zu verstehen. Wenn ich nachvoollziehen kann, welche Muster/Mechanismen in Menschen während der Arbeit und speziell nach Fehlern aktiv werden, hat dies meistens mit tief sitzenden Motivationen/Mustern von Menschen zu tun:
a)bei Menschorientierten Mitabeitenden folgen Fragen wie:
- wie wirke ich auf andere?
- was passiert mir nun?
- wie bin/ bleibe ich nun wichtig?
a)bei Aufgabenorientierten Mitabeitenden folgen Fragen wie:
- was ist gefordert in der Situation?
- was fordert die Rolle ein?
- was brauchen Kunden für ihr Wohlbefinden/wofür haben sie bezahlt?
Mit diesen Ueberlegungen erscheint es mir wichtig, mindestens parallel, wenn nicht vorgängig an einem klaren Rollenbewusstsein und an der Erhöhung der Aufgabenorientierung im Sinne von Teamentwicklung zu arbeiten. Durch diesen Fokus erhöht sich nach meinen Erfahrungen¨die Chance für eine konstruktive und transparente Fehlerkultur.
Die Menschorientierten Fragen tangieren zum teil stark die persönlichen und psychischen Aspekte von Mitarbeitenden. Die Bearbeitung/Reflexion viel Achtsamkeit und Wertschätzung durch die Vorgesetzten wie auch gegenseitig durch die Teammitglieder.
Zudem scheint es mir wichtig, beim Start mit einer systematischen/ anonymisierten Version bei einer Fehlermeldung zu beginnen. Somit ist es für Mitarbeitende in der ersten nicht personifizierten Bearbeitung durch die Linienvorgesetzten ersichtlich, wie die Bearbeitungsschritte und Lösungsorienterung verläuft. Ableitend kann daraus in einer neutralen Art und Weise auch der Lerneffekt von bearbeiteten Fehlern für alle angstfrei ersichtlich werden.
Freundliche Grüsse
Rita Kottman
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 15:14
Betreff: re: re: re: re: re: re: Fehlerkultur
Hallo Herr Hochreither,
vielen Dank für die Erweiterung!
So ganz leuchtet mir Ihre Erklärung für die "typisch deutschen" Probleme mit der Fehlerkultur noch nicht ein. Perfektionismus gibt es doch auch in anderen Ländern, etwa in der Schweiz, in Japan oder auch in den USA, wo viele Unternehmen (Accuphase, Mark Levinson) erstklassige, weltweit führende Produkte herstellen. Wenn trotzdem wir Deutsche uns schwerer mit Fehlern tun, kann es nicht (nur) am Perfektionismus liegen.
Meine Zweifel verstärken sich, wenn die die Firmen und Institutionen, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe, an meinem inneren Auge vorüberziehen lasse. Da scheint mir ein besonders gestörtes Verhältnis zu Fehlern nicht in den Firmen vorzuliegen, die in besonderem Maße nach Qualität und Perfektion streben; die größten Probleme scheinen mir vielmehr bürokratische Organisationen zu haben, in denen ein feindseliges, destruktives Grundklima herrscht.
Mich erinnert das an die (nicht mehr ganz neue) Motivationstheorie von J. W. Atkinson, der sehr prägnant zwei Grundtypen von Leistungsmotivation unterschied, nämlich die "Hoffnung auf Erfolg" und die "Furcht vor Misserfolg". Während Menschen vom ersten Typ ihre gesamte Energie daran setzen, den von ihnen angestrebten Erfolg zu erreichen und dafür auch Risiken eingehen und Rückschläge in Kauf nehmen, sorgen sich die "Misserfolgsvermeider" primär darum, keine Fehler zu machen, und verhalten sich entsprechend vorsichtig und defensiv. (Natürlich mischt sich das im richtigen Leben, aber die "Grundrichtung" bleibt relevant.)
Spannend ist nun, dass kleine Kinder fast ausschließlich von "Hoffnung auf Erfolg" beseelt sind. Anderenfalls würden sie wohl nie das Laufen lernen, denn es ist mit dem Risiko verbunden, mehr als einmal heftig auf die Nase zu fallen. Erst im Laufe der Schulzeit wandeln sich viele zu Misserfolgsvermeidern – und bleiben es dann für den Rest ihres Lebens.
Stellt sich die Frage, was geschehen muss, um gesunde, erfolgsmotivierte Kinder zu Misserfolgsvermeidern "umzuerziehen". Das Rezept ist altbekannt und in der "Schwarzen Pädagogik" seit Jahrhunderten bewährt: Man muss nur – Fehler bestrafen. (Denken Sie nur an Ihre ersten Schularbeiten …) Eigentlich sind Fehler auch ohne Strafe unangenehm genug, denn sie hindern einen am Erfolg. Je strenger und je härter sie aber bestraft werden, desto mehr verlagert sich die Aufmerksamkeit zwangsläufig vom Erfolg auf die Fehlervermeidung. Koppelt man Fehler auch noch mit Schuldzuweisungen, hat man einen weiteren großen Schritt zur Verleugnung, Vertuschung und Beschönigung von Fehlern geschafft.
Dass das kein rein deutsches Phänomen ist, beweist der liebenswert-nonchalante und irgendwie sehr "undeutsche" IT-Spruch: "It is not a bug, it is a feature!" Es könnte aber sein, dass in Deutschland mehr, als uns allen bewusst ist, Erziehungstraditionen fortleben, die uns zur Furcht vor Misserfolg erziehen. Mich hat erst unlängst ein ausländischer Freund mit der Bemerkung geschockt, obwohl er schon sehr lange in Deutschland lebe, könne er sich nicht daran gewöhnen, wie ruppig viele Deutsche mit ihren Kindern umgehen. Vielleicht ist das nicht sein Problem, sondern der Schlüssel zu unserem.
Was in Erziehung und Schule vorbereitet wurde, findet seine Fortschreibung im Beruf. Dabei spielt es wahrscheinlich fast keine Rolle, ob sich Vorgesetzte einen sadistischen Spaß daraus machen, ihre Mitarbeiter bei Fehlern zu ertappen, ob ganze Abteilungen sich bekriegen, indem sie sich Fehler und Versäumnisse nachzuweisen versuchen, oder ob ganze Branchen (wie Banken und Versicherungen) die interne Revision mehr fürchten als die Konkurrenz. Michael Löhner hat mal gesagt, wir bestrafen unsere Mitmenschen mit dem, was uns selber am meisten weh täte. Vielleicht erklärt das die ungebrochene Popularität von Liebesentzug und Schuldzuweisungen in diesem unserem Lande.
Aber wie kommt man von diesem Ausgangspunkt zu einer innovativen Fehlerkultur? Was meinen Sie mit "einem Fehlermanagement, das dann eine Fehlerkultur sinnvoll erscheinen lässt"?
Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken hierzu!
Freundliche Grüße
und ein schönes Pfingstwochenende
Winfried Berner
Autor: Hochreither
Erstellt: 18.02.2008 - 15:14
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: Fehlerkultur
Autor: Simone L.
Erstellt: 18.02.2008 - 15:15
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: Fehlerkultur
Hallo Zusammen,
ein interessantes Thema, zu dem ich gerne mehr gelesen hätte.
Sehr beeindruckend auch der Vergleich von Herrn Berner mit einem Kleinkind dass Laufen lernt. Niemand würde je auf die Idee kommen, diesem Kind zu verbieten, es erneut zu versuchen, wenn es beim Laufen lernen auf die Nase fällt. Ganz im Gegenteil, wir finden es niedlich, wir trösten dass Kind, erkennen einfach seine Fortschritte an, wir sagen, macht nichts, versuch es noch einmal, wir sehen, es hat heute schon besser geklappt, als gestern und morgen wird es nochmals besser klappen, daran glauben wir!!
Ich gebe Herrn Berner völlig Recht in Bezug auf die Schule. Ich war gestern Morgen zu einem Elternsprechtag meines Sohnes eingeladen, ich musste noch einige Zeit vor den Klassenräumen warten und war erschreckt, was ich dort mitbekommen habe, in welch ruppigem, bestimmenden und unfreundlichen Ton schon in der Grundschule mit den Kindern gesprochen wird. Da schreit der Lehrer fordernd nach einer Antwort auf seine Frage und ein Kind traut sich und sagt etwas dazu und wird wiederum angefahren, es solle gefälligst laut und deutlich sprechen. Wo sind wir bloß hingekommen. Da bringen wir hier zuhause den Kindern bei, "der Ton macht die Musik" und dann solche Erlebnisse in der Schule - ich bin schockiert !!
Insgesamt kann ich mir vorstellen, in Schulen angefangen, in Unternehmen fortgetragen, dass wir es leichter hätten, wenn wir weg kämen von der Fehlerbezogenheit hin zu mehr Anerkennung des Fortschritts! Fehler nicht so wichtig machen, lautet die Devise. Es wäre schön, wenn viel mehr Menschen den Mut dazu hätten.
Freundliche Grüße
Simone
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