Hallo Herr Kuratli,
danke für den ersten Beitrag im Neuen Jahr! Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, Ihnen und allen Besuchern dieses Forums ein gutes Neues Jahr zu wünschen!
Dass eine Vision nur dann erfolgreich sein kann, wenn die Basis in die Visionsbildung einbezogen wird, klingt einleuchtend, vielleicht sogar selbstverständlich. Dennoch würde ich zögern, dies als allgemeine Gesetzmäßigkeit zu bestätigen. Ich denke, man muss da etwas genauer hinschauen und vor allem klären, was mit "Vision" und
"Einbeziehung" konkret gemeint ist.
Zunächst zur Vision(sbildung): Ob eine Vision überhaupt einer – wie auch immer gearteten – Einbeziehung bedarf, hängt von ihrem Inhalt ab. Wenn der Vorstand eines Industriekonglomerats (wie ThyssenKrupp, Siemens oder Sulzer) die Vison hat, nur in solchen Geschäftsfeldern präsent zu sein, wo der Konzern die Nummer 1 oder wenigstens die Nummer 2 der jeweiligen Branche ist, dann lässt sich diese Vision ohne jede Einbeziehung entwickeln und realisieren. Das ist klassisches
Portfolio-Management: Er muss nur all die Sparten abstoßen, in denen er keine Chance sieht, an die Weltspitze vorzudringen, und mit dem eingenommenen Geld Unternehmen in den Sparten zukaufen, wo er die Chance zur Marktführerschaft sieht.
Ähnliches gilt, wenn ein Unternehmer oder eine Investmentfirma die Chance sieht (= Vision), eine hohe Rendite mit der Konsolidierung einer fragmentierten Branche zu verdienen, und daher viel Geld in die Hand nimmt, um Unternehmen in dieser Branche zusammenzukaufen und sie ganz oder teilweise zu integrieren. Auch eine solche Vision lässt sich – bis hin zu einer Teilintegration – weitgehend ohne Einbeziehung der "Basis" realisieren. (Und vermutlich geht es ohne Einbeziehung sogar leichter als mit.)
Natürlich kann man fragen, wie "weise" oder sinnvoll solche Visionen sind. Aber diese Frage kann und muss man auch bei jeder Vision stellen, die unter breiter Einbeziehung der Belegschaft(en) entstanden ist. Denn eine breite Beteiligung ist leider weder eine Garantie für Weisheit noch für ökonomische Vernunft. Ich befürchte sogar, dass hier eine negative Korrelation besteht. (Wir stehen hier übrigens in verkappter Form vor einer der klassischen Fragen der abendländischen Philosophie nach dem "Wahren und Guten", auf die Sokrates und Platon mit ihrer Unterscheidung von
rationalem und
emotionalem Konsens eine bis heute gültige Antwort gegeben haben.)
Was die Einbeziehung betrifft, stellt sich die Frage: Einbeziehung in was? In die Entwicklung der Vision? In die Überprüfung ihrer Realitätstauglichkeit? In die Ausgestaltung der Vision? In ihre Umsetzung?
Fangen wir von hinten an: Dass eine Einbeziehung in die Umsetzung erforderlich ist, scheint mir trivial – jedenfalls für all die Fälle, wo die Realisierung der Vison eine Änderung von Einstellungen und Verhaltensweisen erforderlich macht. Denn wessen Verhalten sollte sich ändern, wenn nicht das der Mitarbeiter? Weiter zeigt die Erfahrung, dass die Umsetzung von Veränderungen sehr viel leichter gelingt, wenn die Veränderungserfordernisse nicht von oben diktiert werden, sondern die Mitarbeiter in deren Ausgestaltung einbezogen werden. "Ausgestaltung" also auch abgehakt – aber wie steht es mit der Einbeziehung in die Entwicklung und Verifikation der Vision?
Hier bin und bleibe ich skeptisch. Weshalb? Weil eine Vision nicht nur begeisternd, mitreißend, inspirierend etc. sein sollte, sondern auch und vor allem realitätsdicht (siehe oben => rationaler Konsens). Und das heißt vor allem, dass die Anforderungen von Markt und Wettbewerb in ausreichendem Maße in der Vision berücksichtigt sein müssen. Darüber jedoch wissen die allermeisten Mitarbeiter zu wenig, und es besteht überdies die Gefahr, dass sie Tatsachen, die zu unangenehmen Konsequenzen führen könnten, nicht in ausreichendem Maße
wahr- und ernstnehmen. Für ein im Wettbewerb stehendes Unternehmen aber wäre es nicht nur nutzlos, sondern potenziell lebensgefährlich, eine Vision zu entwickeln, die zwar alle Mitarbeiter begeistert, die aber angesichts der bestehenden Markt- und Wettbewerbsbedingungen an der Realität vorbei geht.
Umgekehrt muss eine Vision gerade in der heutigen Zeit, angesichts der Verwerfungen der Globalisierung, auch Elemente enthalten dürfen, die kaum dazu in der Lage sind, einem breiten Konsens hinter sich zu bringen, wie das grundlegende Infragestellen aller bisherigen Konzepte, aber auch die Aufgabe von Standorten, die in Zentraleuropa nicht wettbewerbsfähig sind, und die Konzentration auf Geschäftsfelder und Produktionskonzepte, die eine reale Chance haben.
Die Entwicklung realitätstauglicher Visionen erfordert Vorkenntnisse, Zeit und Anstrengung. Nur (zu) wenig davon ist durch ein gelungenes Workshop- oder Großgruppen-Design substituierbar. Nach meiner Überzeugung ist es die originäre Aufgabe des Top Managements, solche Visionen und die dazugehörigen Strategien zu entwickeln. Die hohen Gehälter von Vorständen und Geschäftsführern sind in meinen Augen dann (und nur dann) gerechtfertigt, wenn sie es erstens schaffen, in den Unternehmen, für die sie verantworlich sind, für eine klare Orientierung zu sorgen (was viel mit Vision und Strategie zu tun hat), und zweitens für deren
zügige Umsetzung sorgen.
Zur Überprüfung und Verifizierung von Vision und Strategie kann hingegen jeder beitragen – vom Aufsichtsrat bis zum ungelernten Fließbandarbeiter (sofern sie beide bereit sind, das erforderliche Gehirnschmalz zu investieren, statt bloß schlau daherzureden oder herumzumosern). Das ist das, was die Amerikaner "challenging" bzw. "acid-test" nennen: Das vorgeschlagene Konzept aus möglichst unterschiedlichen Perspektiven auf die Probe zu stellen und zu schauen, ob es diesen Belastungen standhält. Für diesen Härtetest können die Einwände des Bandarbeiters tatsächlich genauso wertvoll sein wie die des Aufsichtsrats, denn hier zählt nur die Qualität der Argumente, nicht der soziale Status.
Dieses "Challenging" kann, wenn es in einem guten Geist geschieht, der erste Schritt zu einer "Einbeziehung der Basis" sein - allerdings nur zu einer Einbeziehung in die Verifizierung und Ausgestaltung, nicht in die Visionsentwicklung.
Freundliche Grüße
Winfried Berner