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Alle Kategorien > Change Management > Unternehmenskultur und Kulturveränderung > Wirtschaftsethik und Unternehmenskultur
Anzahl Nachrichten: 4 - Seiten (1): [1]
Autor: DS
Erstellt: 18.02.2008 - 16:21
Betreff: Wirtschaftsethik und Unternehmenskultur
Sehr geehrter Herr Berner,

bei der Recherche für ein Diplomarbeitsthema bin ich im Internet auf Ihre Artikel und Ihre Homepage gestoßen.

Nach einer Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau und dem Vordiplom in BWL an der Uni Regensburg studiere ich nun im siebten Semester Theologie, ebenfalls an der Uni Regensburg. Ich würde in meiner Diplomarbeit gerne beide Fächer kombinieren und über Wirtschaftsethik bzw. Unternehmenskultur schreiben.

Hätten Sie einen Tipp für mich? Z.B. welche Themen sich für eine Bearbeitung anbieten würden? Oder mit welchen Unternehmen ich zusammenarbeiten könnte?

Mit freundlichen Grüßen,

DS

______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 19.1.2006
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 16:21
Betreff: re: Wirtschaftsethik und Unternehmenskultur
Hallo,

für das Thema Wirtschaftsethik haben Sie mit meinem geschätzten Freund und Ex-Kollegen Prof. Dr. Ulrich Hemel wohl einen der besten Experten im deutschsprachigen Raum an der theologischen Fakultät in Regensburg. Er hat gerade das Buch "Wert und Werte" veröffentlicht, das von allen Seiten exzellente Kritiken bekommt, und führt "nebenbei" ein mittelständisches Unternehmen im Schwabenland, sodass er das Thema nicht nur aus der Theorie kennt. Sprechen Sie ihn doch einfach mal an!

Was das Thema Unternehmenskultur betrifft, muss ich mich wohl für zuständig bekennen. Ich finde es extrem schwierig, dieses Thema zu bearbeiten, wenn man die betriebliche Praxis nicht aus eigener Anschauung kennt. Daher ist für mich die wichtigste Frage, ob Sie zwischen Ihrer Ausbildung und dem Studium Berufserfahrung gesammelt haben und wenn ja, wie viel, in was für einem Unternehmen (Größe, Branche) und in welcher Position? Meine zweite Frage wäre, welche Aspekte aus diesem schier unendlichen Spektrum Sie interessieren. Und die dritte, welche Erwartungen an eine theologische Diplomarbeit gestellt werden. (Bei uns in der Psychologie ist ja traditionell der empirische Teil sehr wichtig, aber ich bin mir nicht sicher, inwieweit sich das auf Ihr Fachgebiet übertragen lässt ;-)

Könnten Sie darüber noch ein bisschen mehr sagen?

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Autor: DS
Erstellt: 18.02.2008 - 16:22
Betreff: re: re: Wirtschaftsethik und Unternehmenskultur
Hallo Herr Berner,

vielen Dank für Ihre Antwort!

1. Mein betreuender Professor hat mir das Buch von Herrn Hemel bereits mitgegeben und ich habe es schon quer gelesen.

2. Ich habe auf Ihrer homepage die Stichwortliste durchgesehen und mir notiert, welche mich interessieren und ich habe sie folgendermaßen angeordnet:

Ist-Zustand/Ausgangslage: Unternehmenskultur
Rollenverteilung
Führungsfehler
Leidensdruck
Rollenkonflikte
Konflikte
Kosten f. Konflikte

Mittel/Mögliche Quellen: Intuition
Emot. Intelligenz
Konstruktive Kritik
Glaubwürdigkeit
Fairness
Professionalität
Rat./emot. Konsens

Zum Soll-Zustand/Umsetzung: Interventionsformen
Konfliktmoderation Persönlichkeitsentwicklung Kommunikationsdefizite
Prävention: Konfliktprävention
Konfliktvermeidung
Vorbildwirkung
Erfolgskontrolle d. Kommun.


Das ist für eine Diplomarbeit wahrscheinlich viel zu viel, soll Ihnen aber die Aspekte/Themengebiete zeigen, die mich interessieren.

3. Von meinem Studienfach her gibt es keine Vorgaben, so dass ein empirischer Teil nicht zwingend erforderlich ist. Für mich ist im Zusammenhang mit meinem Studienfach die Frage interessant, inwiefern Spiritualität und das christliche Menschenbild in einer Unternehmenskultur in einer säkularisierten Welt Platz haben. Dafür wäre wahrscheinlich ein empirischer Teil mit Interviews angebracht.

4. Ich habe u. U. die Gelegenheit bei einem großen Energieunternehmen meine Diplomarbeit zu schreiben. Es gibt noch keinen Vertrag und kein Thema. Das Unternehmen hat ein Programm für Unternehmenskultur bereits am laufen und bindet mich vielleicht in ein Projekt ein. Es kann aber auch sein, dass ich ein Thema vorschlagen soll. Darum möchte ich im Vorfeld mögliche Themen finden.

5. Meine betriebliche Praxis:

- Verkäuferin in einer Glashütte: 8 Jahre lang, neben Schule und Ausbildung (immer samstags, teils sonntags und in Ferienzeiten Vollzeit); kenne diesen Familienbetrieb (ca. 200 Mitarbeiter) sehr gut, da ein Teil meiner Familie dort arbeitet und der Ort sehr klein ist.
- Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau (2 Jahre lang): ohne Berufsschulbesuch, daher die allermeiste Zeit im Supermarkt gearbeitet (alle Abteilungen durch), in vier verschiedenen Filialen, stellvertretende Marktleitung (3 Monate).
- Werkstudent bei einem großen Energieunternehmen in verschiedenen Abteilungen an verschiedenen Standorten (Konzernbilanzierung, Bilanzierung und Organisation).
- Studentische Hilfskraft in Deutschland und in der Schweiz; insgesamt 2 Jahre lang, ca. 5 Stunden in der Woche.
- Im kirchlichen Bereich: Leiterin von Orientierungstagen für Schüler (2-3 Tage in einem Bildungshaus); bisher 18-mal; Mitarbeit in einer kirchlichen Gemeinde.
- 4 Wochen Praktikum beim Kirchlichen Sozialdienst am Flughafen in München;
- 4 Wochen Schulpraktikum;
- Bis Ostern 6 Wochen Gemeindepraktikum.

Ich hab also schon in den verschiedensten Kontexten gearbeitet, allerdings noch wenig bis gar nicht in Führungspositionen.

Bin gespannt auf Ihre Assoziationen und Ideen!

Viele Grüße
DS
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 16:23
Betreff: re: re: re: Wirtschaftsethik und Unternehmenskultur
Hallo,

die lange Liste Ihrer Berufserfahrung stimmt mich zuversichtlich: Sie haben bereits einen so breiten Querschnitt der Arbeitsrealität kennengelernt, dass Ihre Arbeit wohl kaum in der Gefahr ist, eine wirklichkeitsfremde Lösung für ein fiktives Problem zu liefern. Dass Sie noch keine Führungserfahrung haben, ist nur insofern ein Nachteil, als Sie die "Zwickmühlen-Erfahrung" zwischen menschenfreundlichen Gedanken und Termin- und Ergebniszwängen noch nicht am eigenen Leib erlebt haben. Aber dafür haben Sie vermutlich einige passive Erfahrung (sog. "Leideform") mit guter und schlechter, abgehobener und fehlender Führung gemacht. Darauf lässt sich für Ihre Arbeit aufbauen.

Wenn ich Ihre Interessen mit Ihren Erfahrungen in Verbindung bringe, fallen mir eine ganze Reihe sehr lohnender Untersuchungsansätze ein. Hier einige Anregungen zum Weiterdenken:

* Vergleich der Konfliktbewältigungsstrategien in Profit- und Non-Profit-Organisationen am Beispiel von Glashütte, Supermarkt, Energieversorger, Kirche, Sozialbetreuung

* ... oder andere Teilaspekte von Führung und Kommunikation

Falls das Energieunternehmen zufällig mit "E" anfängt und mit "on" weitergeht, würde es sich anbieten, dort zum Beispiel zu untersuchen,

* wie sich die Kultur dort in den letzten Jahren und Jahrzehnten vom bürokratischen Schlaraffenland in Richtung zu einem markt- und wettbewerbsorientierten Dienstleister entwickelt und welche Ereignisse und Programme dabei förderlich oder hinderlich waren

* wie das aktuelle Programm zur Unternehmenskultur "unten in der Organisation" wahrgenommen und diskutiert wird, welche Rolle dabei die Vorerfahrungen mit vorausgegangenen Projekten spielen und was die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz des Programms unterstützt bzw. beeinträchtigt

* wie das Handeln des Managements in den großen operativen Bereichen (Stromerzeugung, Netze, Service) in Bezug auf Programme zur Kulturveränderung wahrgenommen wird

* wie die operativen Führungskräfte selbst das (mit Sicherheit irgendwo existierende) Leitbild, die Kulturprogramme und ähnliche Dinge erleben und wie ihre Sicht der Dinge sich auf die Kulturveränderung auf Mitarbeiterebene niederschlägt

* wie ein gesellschaftlich existenzielles Thema wie die Senkung des Energieverbrauchs in einem Unternehmen diskutiert und "gelebt" wird, das nicht vom Energiesparen, sondern vom Nicht-Energiesparen profitiert.

Letzteres leitet über zu Ihrem Punkt 3, "inwiefern Spiritualität und das christliche Menschenbild" in einer säkularen Kultur Platz haben, jedenfalls wenn man Hubert Weinzierls Gedanken von der "Schöpfungsverantwortung" hier zuordnet.

Von Interviews würde ich Ihnen hier abraten, sofern Sie mehr wollen als bloß Lippenbekenntnisse einerseits und Wehklagen andererseits einzusammeln. Mein robust-empirischer Vorschlag wäre, Ihren Untersuchungsgegenstand zunächst zu operationalisieren: "Mal angenommen, Spiritualität und christliches Menschenbild spielten in einer säkularen Unternehmenskultur überhaupt irgendeine Rolle, an welchen beobachtbaren Indikatoren würde man dies erkennen?" Das ist sicher nicht ganz einfach, aber lohnend, wenn man wirklich forschen will. In einem zweiten Schritt müssten Sie Ihre Operationalisierungen mit Experten (v.a. Wirtschaftsethikern, aber auch nachdenkenswilligen Praktikern) validieren. Im dritten Schritt ziehen Sie los und überprüfen anhand Ihrer eigenen Berufserfahrungen und der einiger anderer Berufstätiger, ob und in welchem Umfang diese Indikatoren erfüllt sind.

Wenn Sie noch ein Übriges tun wollen – aber damit bewegt sich das Projekt zügig in Richtung Dissertation –, versuchen Sie herauszufinden, warum die Realität so ist wie sie ist und welche Faktoren für unterschiedliche "Spiritualitätsquotienten" in verschiedenen Branchen und Unternehmensgrößen verantwortlich sind.

An dieser Stelle könnte es interessant sein, noch einmal auf das Energieunternehmen zurückzukommen, das in den letzten Jahren vermutlich einigen Kulturwandel durchlebt hat. Sofern Ihnen eine gute Operationalisierung gelungen ist, könnten Sie dort untersuchen, wie sich der "Spiritualitätsquotient" über die letzten Jahre verändert hat: Ist zum Beispiel so etwas wie Mitmenschlichkeit ein Luxusgut der fetten Jahre oder hat es auch unter verschärften Markt- und Wettbewerbsbedingungen eine Chance? Wie stehen im Vergleich dazu die Glashütte und der Supermarkt da? (Die gleiche Fragestellung könnten Sie natürlich, wenn man Sie lässt, auch in der Kirche untersuchen, denn auch dort ist der Kostendruck ja deutlich größer geworden...)

Soviel fürs Erste
- ein schönes Wochenende!

Winfried Berner
Anzahl Nachrichten: 4 - Seiten (1): [1]
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