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Alle Kategorien > Change Management > Change Management allgemein > Diplomarbeit mit Praxisrelevanz
Anzahl Nachrichten: 2 - Seiten (1): [1]
Autor: Michelle Müller
Erstellt: 15.02.2008 - 16:34
Betreff: Diplomarbeit mit Praxisrelevanz
Sehr geehrter Herr Berner!

Ich hätte eine Frage an Sie die wahrscheinlich etwas aus dem üblichen Rahmen fällt. Ich studiere nun im 9. Semester Internationale BWL an der Wirtschaftsuniversität in Wien und habe mich im Rahmen meiner Speziellen auf Change Management & Management Development spezialisiert. Das Einzige was mir zum Studienabschluss noch fehlt ist meine Diplomarbeit. Nun habe ich das Problem, dass ich trotz längerer Suche keine Ahnung habe, über welches Thema ich meine Diplomarbeit verfassen soll, da ich einfach nicht weiß was wirklich praxisrelevant bzw. aktuell interessant ist. Ich möchte später in dieser Branche tätig sein und deshalb über etwas schreiben, das wirklich einen aktuellen Nutzen und Wert hat. Auf der Uni wird einem theoretisches Wissen vermittelt, auf aktuelle Probleme und Trends in der Praxis des Change Managements wird aber leider wenig eingegangen.

Meine Frage ist zwar äußerst ungewöhnlich, aber vielleicht können Sie mir ja weiterhelfen. Bedanke mich für Ihre Zeit und Aufmerksamkeit und verbleibe,

mit freundlichen Grüßen,

Michelle Müller

______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 21.1.2007
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 15.02.2008 - 16:35
Betreff: re: Diplomarbeit mit Praxisrelevanz
Hallo Frau Müller,

ich finde es sehr schwierig, auf eine so offene Frage zu antworten. Deshalb nur ein Gedanke, von dem ich hoffe, dass, aber nicht weiß, ob er Ihnen einen Impuls zum Weiterdenken gibt.

Nach vielen Jahren in der sogenannten "Praxis" habe ich durchaus gemischte Gefühle, wenn Studenten danach streben, eine möglichst "praxisrelevante" Diplom- oder Studienarbeit zu machen. Auch wenn ich es damals vor vielen hundert Jahren, als ich selbst meine Diplomarbeit schrieb, genauso gemacht habe. (Was mir dann das sprachlich hochelegante, ja geradezu graziöse Thema "Empirische Untersuchung zur Möglichkeit und Bereitschaft praktisch tätiger Psychologen, Ergebnisse der wissenschaftlichen Psychologie bei der Lösung berufspraktischer psychologischer Probleme einzusetzen, am Beispiel der Arbeits- und Organisationspsychologie" eingebracht hat.)

Diese Skepsis hat zwei Gründe. Der erste ist, dass die meisten Studenten (und auch viele Professoren) die Berufspraxis außerhalb der Universität nicht oder kaum kennen. Das ist kein Vorwurf, sondern, zumindest was die Studenten betrifft, beinahe unausweichlich. Es hat aber zur Folge, dass sich viele Arbeiten, die sich um Praxisrelevanz bemühen, nicht auf eine reale, sondern auf eine mutmaßliche Berufspraxis beziehen. Auf diese Weise entstehen leicht Lösungsansätze, die mit der wirklichen Realität – oder einer real existierenden Variante der wirklichen Realität, denn die berufliche Realität ist variantenreich! – nicht viel zu tun haben.

Studenten – und leider auch Doktoranden und Professoren – verschwenden ihre Energie allzu oft damit, in Unkenntnis der in der Praxis existierenden Rahmenbedingungen und Restriktionen unrealistische Lösungen für Probleme auszuarbeiten, die in der von ihnen angenommenen Form gar nicht existieren. Das Problem dieser Arbeiten ist nicht, dass sie "zu theoretisch" sind, wie wir Praktiker zuweilen in sprachlicher und gedanklicher Hilflosigkeit stammeln, sondern dass sie "unpraktisch" sind, weil sie auf unrealistischen Annahmen aufbauen. Das wiederum liegt nicht daran, dass ihre Autorinnen und Autoren dumm sind, sondern dass sie in Ermangelung unmittelbarer Erfahrung unrealistische Lösungen für so nicht existierende Probleme entwickeln.

Das würde mir genauso gehen, wenn ich eine Arbeit über, sagen wir, Optimierungsansätze in der Intensivmedizin schreiben müsste. Von dieser Praxis habe ich keine Ahnung, und deshalb könnte ich dazu auch nichts Praxisrelevantes sagen.

Der zweite Grund ist, dass wir in der Praxis nach meiner Überzeugung keinen Mangel an "praxisrelevanten Empfehlungen" haben, sondern einen Mangel an guten, empirisch abgesicherten Theorien. Schauen Sie sich zum Beispiel die gesamte Führungsliteratur an: Berge von immer neuen Veröffentlichungen, bei genauerem Hinsehen aber größtenteils grammatikalische Variationen über die immer gleichen zeitgeistigen Glaubenssätze. Neue Gedanken und Ideen? Mangelware. Gesicherte Erkenntnisse? Furchterregend wenig. Empirische Befunde, die mehr sind als quantifizierte Vorurteilsbilanzen (die sogenannten Expertenbefragungen)? Schön wäre es. Grundlegend neue Theorien? Kaum Fortschritte seit Kurt Lewin (1890 – 1947). Aus guten Gründen habe ich, wie man im Literaturarchiv sehen kann, weitgehend aufgehört, sogenannte "Praxis-Ratgeber" zu lesen und zu besprechen, und konzentriere mich immer mehr auf guten Wissenschaftsjournalismus.

Mein Wunsch an die Wissenschaft wäre: Sparen Sie sich die Anbiederung an die Praxis und liefern Sie uns gute, empirisch abgesicherte Theorien! Die Übertragung auf die Praxis schaffen wir Praktiker dann schon selber, denn unsere Praxis kennen wir besser als Sie sie jemals kennen können!

Es gibt schließlich genügend gut qualifizierte – und das heißt: in den Theorien ihres Fachgebiets gut qualifizierte – Praktiker, die die Bereitschaft und den Enthusiasmus haben, sich auch nach Verlassen der Uni durch Selbststudium und kollegiale Diskussion weiterzubilden. Das darf gerne auch ein bisschen weiter weg sein von der unmittelbaren Anwendung, wie zum Beispiel in meinem derzeitigen Lieblingsbuch The Origins of Virtue des Zoologen und Soziobiologen Matt Ridley. So lange sie sich im weitesten Sinne um die Erforschung sozialer Realitäten dreht, lässt sich gar nicht verhindern, dass die "Theorie" Nutzen für eine reflektierte Praxis bringt. Denn, wie der bereits zitierte Altmeister Lewin sagte:

Nichts ist praktischer als eine gute Theorie!

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Anzahl Nachrichten: 2 - Seiten (1): [1]
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