Die Umsetzungsberatung

Das Change Management Forum



Neu von Winfried Berner:
"Change!"

15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung

Change! - 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung

Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
 

Neu von Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"

Bleiben oder Gehen

Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
 

Anzeige

 

Willkommen im Change Management-Forum!

Das Forum wurde abgeschaltet. Sie können darin weiterhin recherchieren, jedoch keine Beiträge mehr einstellen.

Das Change Management Forum
Alle Kategorien > Change Management > Change Management allgemein > Magie und Meisterschaft im Change Management
Anzahl Nachrichten: 18 - Seiten (1): [1]
Autor: Ogbonnaya
Erstellt: 16.02.2008 - 17:25
Betreff: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo,

auch auf die Gefahr hin, von hartgesottenen BWLern verspottet zu werden, stelle ich mal eine These ohne weiteren Kommentar zum Philosophieren in diesen Raum:

Change Management = Magie auf wirtschaftlicher Ebene

Und jetzt bin ich neugierig auf die Kommentare.

MfG
Doris Ogbonnaya

______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 24.4.2003
Autor: Jos Kayser
Erstellt: 16.02.2008 - 17:25
Betreff: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Frau Ogbonnaya,

Ich bin kein BWLer und Spott liegt mir fern. Wieso auch? Immer wenn Menschen mit der Ratio am Ende sind, wenden sie sich unerklärlichen Natur- und anderen Phänomenen zu. Zum Thema Religion steht ja auch einiges geschrieben auf Herr Berners HP.

Change is a monster that can't be slain, but it can be made less ferocious, schreibt Jeanie Daniel Duck.

Wie könnte man auch etwas erschlagen, was sich permanent ändert und sich unserem Einfluss immer wieder erfolgreich entzieht. Alleine die Einwirkung auf Veränderung bewirkt ja schon wieder eine Veränderung. So wie Chaos in der Natur die wohl stabilste Organisationsform darstellt, geht es auch bei Veränderungsprozessen vor sich.

Unsere in den letzten Jahren arg gebeutelte Firma unterliegt permanenten Veränderungs- und Anpassungsprozessen. Das verleitet mich dazu zu sagen, dass das einzige wirklich Sichere in unserer Firma die Veränderung ist.

Vielleicht ist das ja ein philosophischer Ansatz der sich in Ihre Magie-These einschreibt.

Beste Grüsse.

Jos Kayser
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 16.02.2008 - 17:26
Betreff: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Frau Ogbonnaya,
hallo Herr Kayser,

den Spott sollten wir nicht fürchten, aber die Unklarkeit. Spott ist oft nur eine Form des Widerstands gegen unorthodoxe Gedanken. Doch wenn unorthodoxe Gedanken weiterführen sollen, müssen sie klar sein: Was genau meinen wir, wenn wir von Magie sprechen?

Für mich liegt magisches Denken dann vor, wenn zwischen dem eigenen Handeln und dem angestrebten Ergebnis kein schlüssiger Wirkzusammenhang besteht – siehe meine ketzerischen Anmerkungen zum Thema Leitbild. Also etwa dann, wenn ich dieselbe Krawatte wieder zu einem wichtigen Termin anziehe, weil ich mit ihr (oder trotz ihr?) beim letzten Mal Erfolg hatte. Dieser Art von Magie stehe ich sehr skeptisch gegenüber, denn wir verschenken einen wesentlichen Teil unserer Möglichkeiten, wenn wir Denken durch Hoffen ersetzen.

Und noch ein Angebot: Manches, was Beobachtern wie Magie erscheint – wie zum Beispiel die Fähigkeit, die Reaktionen von Individuen und sozialen Systemen auf Veränderungen ziemlich präzise vorherzusagen –, ist in Wirklichkeit "nur" das Resultat eines langen, mühsamen Lernprozesses. Es ist das, was ich als "reife Intuition" bezeichnen würde. Sie basiert auf Erfahrung und deren sorgfältiger Reflexion (also nicht bloß auf Erfahrung!); dieses Hintergrundwissen wird in einer gegebenen Situation ganzheitlich-intuitiv verarbeitet. Aber das ist keine Magie – das ist "bloß" professionelle Meisterschaft.

Doch ich vermute, dass Sie etwas ganz anderes im Sinn haben, wenn Sie von Magie sprechen. Aber was?

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 16.02.2008 - 17:27
Betreff: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Herr Kayser,

noch ein Nachtrag: Sie haben mich völlig überrascht mit Ihrer Bemerkung, dass auf dieser Website einiges zum Thema Religion geschrieben steht. Können Sie mir erklären, was Sie damit meinen?

Mit immer noch perplexen Grüßen

Winfried Berner
Autor: Jos Kayser
Erstellt: 16.02.2008 - 17:28
Betreff: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Herr Berner,

Sie haben völlig Recht. Nicht die Religion an sich, sondern einen selbsternannten Vertreter derselben (die katholische Kirche) erwähnen Sie zum Thema Leidensdruck. Hier ein Zitat aus diesen Ihren Seiten:

Genau die umgekehrte Linie fährt seit Jahrtausenden die katholische Kirche. Sie verzichtet weitestgehend auf rationale Argumentation, stattdessen predigt sie die (Erb-)Sünde, aber auch die Chance, durch tugendhaftes Verhalten und das Vertrauen auf die Gnade Gottes die ewige Seligkeit zu erlangen. Leidensdruck und Hoffnung - da sind sie wieder, die ungleichen Zwillinge. Wie Sie sehen, sprechen wir hier nicht über eine neue, unausgegorene Idee aus einem psychologischen Forschungslabor, sondern über ein Rezept, das sich seit Jahrhunderten im Großversuch bewährt.


Um den Raum durch die nunmehr weit geöffnete philosophische (Hinter-)Tür weiter zu betreten möchte ich noch hinzufügen, dass seit Aufklärung und Romantik folgender Satz seine Richtigkeit hat:
Man muss den Menschen in seiner Ambivalenz als vernünftiges UND als instinkthaftes, emotionales, gefühlsmässiges Wesen sehen um ihm gerecht zu werden.

Dies ist selbstverständlich bei der Umsetzung grosser Veränderungen ganz besonders zu berücksichtigen.

Damit legitimiert sich nicht automatisch die Anwendung von Magie. Aber ganz bestimmt auch nicht der meisterschaftlich eingebrachte Erfahrungsschatz bezüglich Individuen oder sozialer Systeme. Hier sträuben sich dann doch bei mir die kleinen Nackenhaare (Stammhirn!) wegen Verdacht auf Manipulation.

Doch wie gehts weiter?

Fragende Grüsse.

Jos Kayser
Autor: Ogbonnaya
Erstellt: 16.02.2008 - 17:28
Betreff: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo,

bevor wir uns versehentlich auf die praktische Anwendung von Aberglauben einschießen, die nämlich nicht gemeint war, hier meine zugrundeliegende Definition:

Magie = SCHAFFEN, ERSCHAFFEN, KREIEREN, SCHÖPFEN
Das willentliche Ingangsetzen von Prozessen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln inner- und außerhalb eines Selbst. Geht auch noch ausführlicher, aber dazu habe ich heute keine Zeit.
Methoden: Geistiges Fokussieren, (zumindest zeitweiliges) Ausrichten aller Energien auf das Ziel, Visualisieren, die Anwendung von Wissen, Intuition und Erfahrung, persönlicher Einsatz, Reflektion, ständige Neu-Positionierung, Arbeit, Arbeit, Arbeit auch am Selbst und noch wichtiger: Verantwortung für das, was dabei herauskommt.
Wichtig bei Magie ist aber auch der Glaube (nicht die Hoffnung). Und auch nicht blinder Glaube, sondern Glaube an sich selbst, an die Sinnhatfigkeit des Unterfangens, das Schaffen der Aufgabe, das Erlangen des Zieles usw.

Aberglaube: Schlichtweg das Gegenteil.
Der Gedanke im Hintergrund beim Aberglauben - und auch leider bei vielen Kirchgängern oder anderen Sektenanhängern:
Ich schaffe das eh nicht, ABER Gott oder mein Talisman wird das schon für mich machen. Und wenn es schief geht oder nicht funktioniert, kann ich jemanden den Schwarzen Peter zuschieben.
Aberglaube ist bequem, deshalb hat er so viele Anhänger. Aber er funktioniert selten. Und dann rennt man gerne zur nächsten Methode, Sekte o.ä., die mehr Wirkung verspricht.

Magie ist anstrengend.
Deshalb mußte Gott auch am 7. Tag ausruhen.

In diesem Sinne ein geruhsames Wochenende
wünscht

Doris Ogbonnaya
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 16.02.2008 - 17:29
Betreff: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo zusammen,

nun haben Sie mich mit meinem eigenen Zitat erwischt, Herr Kayser. Also gut: ich gebe alles zu – und bin zugleich erleichtert, dass ich mit meinen ausgesprochen weltlichen Aussagen keinen Anlass zu religiösen Deutungen gegeben habe.

Was das Sträuben Ihrer Nackenhaare betrifft, so soll ein bisschen Bewegung ja gesund sein. Doch ich habe nicht begriffen, was diesen Reflex – und insbesondere den Manipulationsverdacht – bei Ihnen ausgelöst hat. Können Sie es mir erklären?

Vielleicht war ich ja in meiner Argumentation zu verkürzt. Denn mit Manipulation hat professionelle Meisterschaft in meinen Augen wirklich nichts, rein gar nichts zu tun. Ein paar Beispiele:
– Professionelle Meisterschaft liegt für mich vor, wenn ein Schneider auf einen Blick erkennt, weshalb ein Jackett schlecht sitzt, und es mit ein paar minimalen Eingriffen in ein perfekt sitzendes Kleidungsstrück verwandelt;
– wenn ein Mechaniker schon aus dem Laufgeräusch einer Maschine oder eines Motors hört, wo der Fehler liegt, und mit selbstverständlicher Sicherheit entweder sagt: "Sofort stoppen!" oder: "Kann bis zur nächsten Inspektion warten.";
– wenn ein erfahrener Berater, wie ich es in meinem ersten Jahr bei BCG erlebt habe, eine Tabelle anschaut und, während ich noch zu verstehen versuche, was sie eigentlich darstellt, auf eine Zelle zeigt und sagt: "Diese Zahl ist falsch!";
– wenn ein Coach, wie ich es in meiner individualpsychologischen Weiterbildung mehrfach erfahren habe, mit höchster Präzision die innere Logik eines Teilnehmers versteht, und es schafft, sie mit wenigen Worten so aufzubereiten, dass bei dem Betreffenden ein "Erkennungsreflex" eintritt.

Wird so deutlicher, was ich mit "professioneller Meisterschaft" meine? Auf diejenigen, die so etwas miterleben, wirken solche Interventionen oftmals genial, geradezu magisch. (Und wenn sie sich auf das eigene Arbeitsgebiet beziehen, durchaus auch einschüchternd: Ich erinnere mich, dass ich nach jener Szene bei BCG eine ganze Weile wirklich deprimiert war und das Gefühl hatte, ich sollte mir schleunigst einen anderen Job suchen.)

Doch Genie ist, wie Edison treffend gesagt hat, "nur zu einem Prozent Inspiration und zu 99 Prozent Transpiration". Ganz Ähnliches trifft in meinen Augen auch für professionelle Meisterschaft zu, auch wenn das intuitive Gestalten eines echten Könners für Beobachter wie eine magische Fähigkeit erscheinen kann – beim Schneider übrigens genauso wie beim Change Manager.

Deshalb, Frau Ogbonnaya, tue ich mir auch schwer mit Ihrer Argumentation. Das klingt mir einerseits zu sehr nach Allmachtsphantasie, andererseits fast ein wenig banal. Zum einen: Wir stehen nicht über den Menschen, mit denen wir im Change Management (oder auch im Coaching oder auch sonst ...) arbeiten, sondern auf gleicher Ebene. Wir haben nur es nur auf unserem Spezialgebiet in unserem professionellen Handwerkszeug (hoffentlich!) zu einem gewissen Grad an Können gebracht, der unseren Mehrwert und unseren Nutzen für den Kunden ausmacht. Plakativ gesagt: Wir nix Gott, wir Handwerker.

Zum anderen: Wenn Magie für Sie wirklich nur "Schaffen, Erschaffen, Kreieren, Schöpfen" bedeutet, führt die Wortwahl, meine ich, in die Irre. Mein altes Fremdwörterlexikon definiert Magie als "Beherrschung geheimer Kräfte, Zauberei". Das kommt meinem Verständnis des Wortes sehr viel näher. Nun kann man Worte natürlich beliebig definieren, aber je weiter man sich vom allgemeinen Sprachgebrauch entfernt, desto mehr provoziert man Missverständnisse. Zu Ihrer provozierenden These daher die provozierende Gegenfrage: Falls Sie tatsächlich nur sagen wollten, dass Change Management eine schöpferische Leistung ist, warum reden wir dann überhaupt von Magie?

Mit sonntäglichen Grüßen

Winfried Berner
Autor: Jos Kayser
Erstellt: 16.02.2008 - 18:11
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Herr Berner,

Die Aeusserung an sich war nicht das Problem, aber den Kontext und die Textstelle wiederzufinden, glauben Sie mir, das war ein Stück Arbeit! Mir wurde dabei bewusst, wieviele Stunden ich bereits auf diesen vorzüglichen und informativen Seiten verbracht habe. Und verbringen werde!

Mit Ihrer Definition von Magie komme ich um einiges besser zurecht als mit der von Frau Ogbonnaya. Obschon auch das Mysthische etwas hat.

Alles Meisterschaftliche, wie von Ihnen beschrieben, kann ich auch nachvollziehen ausser wenn es um das Thema Mensch geht. Bis zu: Zitat > wenn ein Coach, wie ich es in meiner individualpsychologischen Weiterbildung mehrfach erfahren habe, mit höchster Präzision die innere Logik eines Teilnehmers versteht, und es schafft, sie mit wenigen Worten so aufzubereiten, dass bei dem Betreffenden ein "Erkennungsreflex" eintritt.

Aber ab hier wird es doch gefährlich. Oder anders ausgedrückt: Bis hierhin ist noch alles im grünen Bereich und ab diesem Moment könnte das Self-Coaching beginnen. Die Gefahr entsteht meiner Meinung nach dann, wenn das Feld der (nichtsoganz-)exakten Wissenschaft verlassen wird, wenn der Mensch wieder Mensch wird, wenn nicht mehr hinterfragt werden kann, ob der richtige Reflex ausgelöst wurde, wenn dieser Mensch in seine Firma zurückkehrt, wenn er glaubt, das ihm Beigebrachte auch umsetzen zu können usw.

Magisch wäre, wenn es diesen Zugriff tatsächlich gäbe. Ich gehe davon aus, dass beim erwähnten Menschen eine Prädisposition bestehen muss, damit es überhaupt funktioniert. Dass dann Trainer mit dem nötigen Talent auch tatsächlich Auslöser für ein anderes Bewusstsein (oder eben einen Reflex) sein können kann ich mir vorstellen und habe es am eigenen Leibe erlebt. Wer allerdings nicht zusätzlich noch an sich arbeitet, sich dem Thema öffnet und aus Eigeninitiative sich der eigenen Entwicklung widmet, bei dem werden derartig ausgelöste Bewusstseinserweiterungen schnell wieder versiegen.

Vielleicht ist mein Ansatz einerseits zu philosophisch und andererseits zu vernünftig, was ja nicht unbedingt gegensätzlich sein muss. Die Resistenz gegenüber Veränderung hat ihre Ursachen in der Natur des Menschen, in seiner Psyche. Dass einigen Zeitgenossen alle Mittel recht sind, um den lieben Mitarbeiter auf Kurs zu bringen, macht Tür und Tor weit auf für jede Art von Scharlatanerie. Die Verlockung viel Geld damit zu verdienen ist gross. Bei dem von Ihnen beschriebenen professionnellen Ansatz besteht kein Grund zu Skepsis, aber wer die Szene ein bisschen kennt, weiss auch was ich damit meine.

Ein neuer Thread dürfte demnach heissen: Change-Management ist Magie ist Scharlatanerie!

Ich ziehe schon mal den Kopf ein.

Viele Grüsse.

Jos Kayser
Autor: Ogbonnaya
Erstellt: 16.02.2008 - 18:11
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo,

und vielen Dank, daß Sie sich tatsächlich die Zeit nehmen, darüber nachzudenken.

Wir nix Gott, wir Handwerker - das an sich ist schon ein göttlicher Spruch. (zwinker) Es gibt für mich wirklich wenig, was göttlicher oder magischer ist, als ein Meister in Versenkung bei seiner Arbeit - ob Schuhmacher oder Manager - und ihm bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Sie selbst haben da wunderbare Beispiele gebracht.

Aber: Worauf ich eigentlich hinauswollte mit dem Vergleich - wer sich intensiver mit Magie (nicht Okkultismus) auseinandersetzt, wird wirklich eine Menge interessanter Parallelen zum Change Management entdecken. Beherrschen geheimer Kräfte, Zauberei = ein Flugzeug verschwinde lassen? Das kann Magie nicht. Zumindest nicht wie ich Magie kennengelernt habe. Ihre Angst, Herr Kayser, kann ich nur so interpretieren, daß Sie den Einzug von angewandtem Okkultismus oder Aberglauben im Bereich CM befürchten. Wobei ich nachfragen möchte, wo Sie da die Grenze ziehen. Um mal das Beispiel des Feng Shui - was für einige schon in den letzteren Bereich fällt - anzuführen; die praktische Umsetzung von einigen Feng Shui Regeln bei der Büroeinrichtung hat noch niemandem geschadet, eher im Gegenteil. Wenn man nicht genau versteht, warum etwas funktioniert, aber die Erfahrung gemacht hat, dass es funktioniert, und diese Erfahrung nutzt - ist das für Sie auch schon Scharlatanerie?

Es gibt keine geheimen Kräfte, wohl eher nicht genau benennbare, alle Energien sind im Grunde für jeden zugänglich, der danach trachtet, sie zu beherrschen - wobei das auch schon wieder das falsche Wort ist, weil man sie allenfalls anzapfen und bis zu einem gewissen Grad nutzen kann. Sie drücken ja auch auf den Schalter an Ihrer Tür und das Licht geht an oder aus. Ich vergleiche die spirituellen Energien mal frecherweise mit Strom als Energie auf der physikalischen Ebene, der inzwischen ganz selbstverständlich genutzt aber auch noch lange nicht tatsächlich beherrscht wird. Sie nutzen die anderen Energien auch, jeden Tag, jeden Moment an dem Sie sich innerlich auf ein Ziel einstimmen und damit die Wahrscheinlichkeit, daß sich dieses realisiert, beeinflussen. Es hat schon sehr viel mit Magie zu tun, wenn eine Idee letztendlich Gestalt annimmt. Und das läßt sich für mich durchaus auf das Change Management übertragen, da Sie anfänglich mit etwas Unbegreiflichem arbeiten, das nur in den Köpfen einzelner existiert und sich langsam in die Ebene des physikalisch Fassbaren umsetzt. Umsetzungsberatung. Sie setzen etwas um, von der gedanklichen Eben in die Realität. Denn dass damit nur "Stühle rücken" gemeint ist, schliesse ich mal wohlwollend aus. Hier haben wir den Haken, an dem das ganze hängt. Sie haben sich den Namen ja nicht ohne Grund ausgedacht, Herr Berner. Und ich ziehe meinen Hut vor jedem, der diesen Prozess meisterlich zu lenken versteht.

Allmacht? Nein. Macht? Ja, gerne. Hat viel mit eigenmächtig zu tun und auch wieder mit Verantwortung. Ob bei dem einen oder anderen Allmachtsphantasien die Motivation für das Studium der Magie darstellen, sei mal dahingestellt. Das wahre Ziel der Magie ist vor allem Selbstbeherrschung. Ich schätze, Allmachtsphantasien dürften einen ähnlichen Anteil an der Motivation in Richtung Magie haben, wie bei Psychologen die Bewältigung eigener Psychosen o.ä. für das Studium der Psychologie. Oder der Wunsch, das Universum zu verstehen bei einem Quantenphysiker. Die Wege sind unterschiedlich, der Grund immer ähnlich. Ich möchte aber keinem von Ihnen beiden wiedersprechen, was Meisterschaft in jeglichem Bereich betrifft.

Und was Ihre Angst betrifft, daß Scharlatanerie ins Change Management Einzug halten könnte oder letztendlich damit gleichgesetzt wird - ich denke, die ist dann begründet, wenn sich Scharlatane tatsächlich ans Werk machen, dieses Feld zu beackern. Was natürlich nie auszuschliessen ist, weil da wo viel Geld zu verdienen ist, auch solche immer auftauchen. Hier setze ich aber Scharlatane mit Nicht-Könnern gleich, die Meisterschaft nur vorspielen. Diese dürften den wahren Meistern wohl nie gefährlich werden, allenfangs bringen sie eine Berufsgruppe in Verruf, zuallererst aber wohl immer sich selbst.

Zum Thema Manipulation: Wahrigs Fremwörterlexikon meint dazu: gezielte, unmerkliche Beinflussung. Schaffen Sie es immer, jegliche Beinflussung Beteiligter merklich statt unmerklich vonstatten gehen zu lassen? Was ja zu begrüßen wäre, aber ist das tatsächlich praktizierbar? Wir manipulieren doch ständig, oder? Ich manipuliere meine Kinder, klappt zwar nicht immer, aber oftmals eben doch. Erziehung ist doch täglich gelebte Manipulation.

Aber vielleicht habe ich ja auch nur versucht, Sie zu manipulieren, damit Sie sich ein wenig mit Magie AN UND FÜR SICH beschäftigen? Wer weiß...

Mit den besten Wünschen für eine gelungene Woche

Doris Ogbonnaya
Autor: Jos Kayser
Erstellt: 16.02.2008 - 18:12
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Frau Ogbonnaya,

Da Sie einige Fragen direkt an mich richten nehme ich mir mal die Zeit das Thema aus meiner Sicht etwas zu vertiefen. Ob Sie das durch Manipulation erreicht haben oder nicht ist im Moment zweitrangig. Auch ich habe manipuliert, aber dazu später mehr! *augenzwinker*

Magie, landläufig wird darunter (selbstverständlich) Zauberei verstanden. Ein Magier (Zauberer) steht auf der Bühne, aus einem Taschentuch ensteht eine Taube. Ist gleich für die Ratio: Nein! Es existiert ein Taschentuch, es existiert eine Taube, und durch Vorspiegelung falscher Tatsachen sieht es für den Betrachter so aus, als ob aus dem Taschentuch eine Taube entsteht. Nur, wie macht er das? Und genau da liegt der Hase im Pfeffer! Er behält es für sich! Es ist sein Geheimnis! Es ist auch Manipulation. Allerdings haben wir uns durch bewusstes Aussetzen dazu bereit erklärt, manipuliert zu werden. Wir haben den Magier quasi dazu legitimiert!

Wenn also ein engagierter Change-Manager seine Karten auf den Tisch legt und die Funktion dessen erklärt was da gerade abläuft, wenn die Teilnehmer es nachvollziehen und anwenden können, wenn Verständnis für eigenes Verhalten entsteht, wenn Reaktionen erklärbar werden, wenn Menschen tatsächlich dadurch vorankommen und die gewonnene Einsicht für die Umsetzung von Veränderungen in einer Organisation verwendet werden, dann sind zwischenmenschliche, intellektuelle Reize provoziert worden, die all dies bewirkt haben. Es ist keine Manipulation, und noch weniger ist es Magie. Dass hierzu empfängliche Zeitgenossen dabei etwas Magisches verspüren, warum nicht. Die Wirklichkeit ist etwas sehr Individuelles. Es gibt auch magische Anziehung zu einem Bild, einer Skulptur, oder in der Liebe.
Feng Shui kenne ich nicht. Aber ich habe vollstes Vertrauen, dass Sie mich dazu bewegen werden, es kennenzulernen! Der Ansatz ist interessant. Ein ähnliches Feld wird in der Akustik beschritten. Hier wird zum Beispiel durch die Verwendung von Akustikmöbeln der Raumklang beeinflusst, ohne dass von Menschen hergestellte und bediente Messgeräte tatsächlich etwas feststellen könnten. Wenn Sie mich nach den Grenzen fragen, ich würde etwas ausweichend (feige) antworten, die verlaufen fliessend.

Den Satz "es gibt keine geheimen Kräfte, wohl eher nicht genau benennbare"; schubse ich jetzt mal elegant in die Rubrik "semantische Spitzfindigkeit"; Ihre Erläuterungen zu Physik errinnern mich dagegen an eine philosophische Abhandlung, die dazu geführt hat, dass ich seither Physik als Religion betrachte. Objektivierung von Fakten, damit ich mich in meiner kleinen Welt einrichten kann und für alles eine Erklärung habe! Das soll jetzt bitte nicht frech verstanden werden.
Dass man erworbenes Wissen auch bei sich selbst anwendet erscheint mir selbstredend. Man wird dadurch ja überhaupt erst zum Üeberzeugungstäter.
Zum Thema Manipulation: Natürlich manipulieren Ihre Kinder Sie. Aber machen Sie sich nichts draus, meine tun das auch. Während der Pubertät werden die Eltern bekanntermassen ja auch immer schwieriger, weil sie mit der neuen Situation nichts anzufangen wissen. Manipulation ist immer eine Frage des Standpunkts und der Legitimation (siehe oben). Mir fiel beim ersten Besuch dieses Forums die geringe Beteiligung und die eingeschränkte Bereitschaft zu Themen Stellung zu beziehen, auf. Acht Antworten auf ein Thema schienen mir doch etwas armseelig. Durch mein Einwirken (Manipulation) haben wir diesen Thread nun schon auf elf! Wetten dass?

Mit magisch manipulierten Grüssen.

Jos Kayser
Autor: Ogbonnaya
Erstellt: 16.02.2008 - 18:13
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Herr Kayser, (wie gut, daß Sie ein Y haben...)

genau, endlich mal eine ordentliche Quote.

Aber da haben wir uns doch ordentlich mistverstanden.
Ich meinte nicht die Vorspiegelung falscher Tatsachen, Show-Zauberei resp. Arbeit von Illusionisten, wie meisterhaft sie auch sein mögen. Da würde ich doch dem CM sehr unrecht tun, das wollte ich ganz sicher nicht! Ich dachte, ich hätte das weiter oben irgendwie schon deutlich ausgedrückt, aber war wohl doch nicht deutlich genug... *seufz*
Ich meinte Magie - die willentliche Beinflussung der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses - mit welchen Mitteln auch immer. (Derer gibt es verschiedene, schicke Ihnen gerne ein paar interessante links zum Eindenken und Lesen, wenn Sie mir ein Email an inui@gmx.de senden.)

Na, jedenfalls haben wir uns jetzt schon ganz schön manipuliert.

Die Pubertät meiner Kids ist gottseidank noch in weiter Ferne, bis dahin bin ich wahrscheinlich schon senil - ich hoffe ja immer auf Alzheimer oder Demenz, da vergißt man wenigstens die Probleme vom Vortag. Da das aber unsicher ist, werde ich mittels magischer Techniken meine Verdrängungsmechanismen so weit perfektionieren müssen, daß sie mich gar nicht mehr wahrnehmen können und stattdessen ihren Vater manipulieren.

Mit heute etwas nassen Grüssen und Füssen aus Mainhattan

Doris Ogbonnaya
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 16.02.2008 - 18:13
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Magier und Magierinnen!

Widerwillig gebe ich zu, dass Magie offenbar doch etwas bewirkt. Immerhin hat dieses Stichwort tatsächlich als erstes und bislang einziges eine zweistellige Zahl von Diskussionsbeiträgen auf sich gezogen! Ich danke Ihnen beiden, dass sie sich von den magischen Kräften dieses Themas anziehen ließen.

Tatsächlich ist es erstaunlich, dass sich so wenige Besucher aktiv an den Diskussionen beteiligen, zählt das Forum doch zu den meistbesuchten Seiten dieser Website mit derzeit zwischen 1500 und 1800 Seitenaufrufen pro Monat. Rund 80 Teilnehmer haben sich im Laufe der Zeit angemeldet, aber nur ein Bruchteil davon nimmt an den Diskussionen teil. Da frage ich mich schon, welcher Zauber einer höheren Beteiligung entgegensteht. Für Hinweise jeglicher Art, gleich ob irdische oder magische, wäre ich sehr dankbar.

Hinterfragen möchte ich gerne den Manipulationsbegriff, auf den Sie sich in Ihren letzten Diskussionsbeiträgen mit Bezug auf Wahrig geeinigt haben: "gezielte, unmerkliche Beeinflussung". Wenn das tatsächlich schon Manipulation ist, dann erfüllt die Frage an den Kollegen: "Hast Du schon zu Mittag gegessen?" den Tatbestand der Manipulation – und mit ihm fast jede soziale Äußerung, die nicht in einer direkten oder indirekten Aufforderung besteht. Dann ist Erziehung, Führung, Coaching, Therapie, Prozessgestaltung alles Manipulation. Damit verliert der Begriff Manipulation zwar seine Bedrohlichkeit, von der Herr Kayser in seinen ersten Beiträgen noch ausgegangen ist – aber zugleich auch seine Unterscheidungskraft zwischen fairer, legitimer und unfairer, illegitimer Einflussnahme.

Mein Vorschlag ist daher, bei einer "gezielten, unmerklichen Beeinflussung" nur dann von Manipulation zu sprechen, wenn der oder die Adressaten bei klarem Bewusstsein, also Erkennen der Intention sich der Einflussnahme entziehen würden, weil sie nicht ihren Zielen, Interessen oder Werten entspricht.

Es würde mich jucken, den Zusammenhang zwischen "professioneller Meisterschaft" und Manipulation noch einmal auszuleuchten. Aber das kollidiert im Augenblick mit dem Termin für unsere Abfahrt in die Wachau, den ich meiner Frau versprochen habe.

Deshalb am Sonntag oder Montag mehr.

Einen schönen Mai wünscht Ihnen

Winfried Berner
Autor: Jos Kayser
Erstellt: 16.02.2008 - 18:14
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Herr Berner,

Ihr Zitat:

Mein Vorschlag ist daher, bei einer "gezielten, unmerklichen Beeinflussung" nur dann von Manipulation zu sprechen, wenn der oder die Adressaten bei klarem Bewusstsein, also Erkennen der Intention sich der Einflussnahme entziehen würden, weil sie nicht ihren Zielen, Interessen oder Werten entspricht.


OK! Deckungsgleich mit meinem Empfinden. Und wie immer, wenn es beim Menschen um Gefühle geht: alleine der Umstand dass ich mich manipuliert fühle, erfüllt schon den Tatbestand (ähnlich bei Mobbing, sexuelle Belästigung usw).

Zum Thema Forumsbeteiligung noch eine zugegebenermassen sehr irdische Anmerkung: Das verwendete Format wirkt nicht gerade einladend. Als Anregung lade ich Sie dazu ein, doch mal einen Blick in ein Motorradfahrerforum zu werfen, das da heisst www.boxer-forum.de. Meine eindringliche Warnung: Unbedingt nur das Format begutachten. Für eventuelle Folgeschäden beim Lesen der Beiträge übernehme ich keine Haftung!

Dem Thema Magie bin ich anscheinend immer noch sehr resistent gestimmt. Aber ich gebe mir Mühe! Frau Ogbonnaya hat mir einige Infos zukommen lassen, die ich, sobald mein Zeitplan es erlaubt, näher betrachten werde.

Viele Grüsse mit sonnenverbrannter Stirn.

Jos Kayser
Autor: Ogbonnaya
Erstellt: 16.02.2008 - 18:15
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Jos,

und Du sagts, Du hast nichts mit Magie am Hut?!!!!
Ich habe mir gerade die Slideshow von Prof. Matthias Maier angeschaut - die Autopoiesis-Theorie beschreibt NICHTS ANDERES!

--- Jedes System bestimmt (und kreiert beständig neu) sein eigenes Umfeld, wobei das Umfeld Teil des Systems selbst ist ---

Genau so. So einfach. Das ist, was ICH gesucht habe.
Vielen Dank! Ich wußte, warum ich den Beitrag ins Forum gesetzt habe.

Einen wunderschönen Tag des Thor
Liebe Grüße an alle, die sich bis hier unten durchgekämpft haben...

Doris Ogbonnaya
Autor: Ogbonnaya
Erstellt: 16.02.2008 - 18:15
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo an alle,

da man Magiern ja auch immer einen gewissen Hang zur Nekrophilie vorwirft, hier neue Nahrung für dieses Gerücht. Habe mich gerade frisch verliebt in Heinz von Foerster, gestorben 2.10.2002 - Lektüre kann ich hier nur wärmstens empfehlen.

Liebe Grüße

Doris Ogbonnaya
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 16.02.2008 - 18:17
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo zusammen,

hier noch mal ein paar Gedanken zum Thema "professionelle Meisterschaft", auch wenn Sie auf den ersten Blick gar nicht zu Frau Ogbonnayas beschwingten Sätzen passen.

Doch finde ich bemerkenswert: Solange sich Meisterschaft auf handwerkliche oder technische Fähigkeiten bezieht, sehen wir sie offenbar mit Anerkennung, Bewunderung und einem gewissen Wohlgefallen – wenn sie sich hingegen auf den Umgang mit anderen Menschen oder mit sozialen Systemen bezieht, wird sie uns unheimlich. Ich kann dieses Unbehagen gut verstehen, Herr Kayser, und im Kern teile ich es. Die Frage ist nur, was die Schlussfolgerungen daraus sind.

Das Unbehagen an professioneller Meisterschaft

Der tiefere Grund dieses Unbehabens liegt meines Erachtens darin, dass wir bei manchen Arten von Meisterschaft ahnen oder befürchten, dass sie uns gefährlich werden könnten. Siehe die früher sehr verbreitete Angst, dass Psychologen einen durchschauen und so die geheimsten Schweinereien im eigenen Seelenleben erkennen könnten. Allerdings beschränkt sich diese Bedrohlichkeit durchaus nicht auf soziale Fähigkeiten: Ich persönlich würde einen meisterlichen Scharfschützen sehr viel mehr fürchten als einen meisterlichen Coach oder Change Manager.

Trotzdem ist es schon so, dass professionelle Meisterschaft in sozialen Fähigkeiten besonderer Aufmerksamkeit bedarf, weil hier ein erhöhtes Missbrauchsrisiko besteht. Dieses Risiko lässt sich weder dadurch eindämmen, dass man sich mit gesträubten Nackenhaaren abwendet, noch dadurch, dass man es mit leichter Hand ins Magische zieht. Denn ob es uns gefällt oder nicht, das Phänomen professioneller Meisterschaft existiert: Es gibt meisterhafte Unternehmer ebenso wie exzellente Therapeuten, desgleichen überragende Entertainer, Staatsanwälte und Politiker.

Meisterschaft und Ethik

Der Knackpunkt in all diesen Fällen ist nicht ein fachlicher, sondern ein ethischer. Es kommt entscheidend darauf an, ob die Meisterschaft menschenfreundlich oder menschenfeindlich eingesetzt wird. Ob, mit individualpsychologischen Begriffen, die Ziele und Absichten (die so genannte "Finalität"), die mit ihrem Einsatz verfolgt werden, gemeinschaftsförderlich oder gemeinschaftsschädlich sind. Rupert Lay meint Ähnliches, wenn er in diesem Zusammenhang von biophilem bzw. nekrophilem Denken und Handeln spricht: Trägt das Handeln dazu bei, menschliches Leben und menschliche Entwicklung zu mehren oder zu mindern?

Nicht die Scharlatane müssen wir fürchten, sondern diejenigen, die ihre Meisterschaft in menschenfeindlicher bzw. gemeinschaftsschädlicher Weise einsetzen. Natürlich können auch Scharlatane Schaden anrichten, aber der ist in der Regel begrenzt, weil der faule Zauber früher oder später auffliegt. (Gemäß dem schönen Satz, der mir vor Jahren als Prüfungsaufgabe im Fach Logik gestellt wurde: "You can fool all people sometimes / and you can fool some people all times / but nobody can fool all people all times.") Damit will ich die Gefahren von Scharlatanerie nicht verharmlosen, doch sie scheinen mir relativ gering im Vergleich zu dem, was der gegen die Gemeinschaft gerichtete Einsatz von professioneller Meisterschaft anrichten kann. Denn je höher die Kompetenz des einzelnen, desto größer ist sowohl der Nutzen, den er bringen, als auch der Schaden, den er anrichten kann.

Schutz vor Missbrauch

Joseph Goebbels zum Beispiel war wohl ein Meister der demagogischen Rhetorik. An den Folgen seiner Meisterschaft leiden wir heute noch. Dennoch kann die Lösung nicht darin liegen, professionelle Meisterschaft mit dem Bann zu belegen. Denn erstens ist deren Entstehung kaum zu verhindern, zweitens sind sowohl Unternehmen als auch die Gesellschaft an vielen Stellen auf sie angewiesen.

Im Grunde gibt es gegen deren gemeinschaftsschädliche Anwendung nur drei Mittel, die im Idealfall kombiniert zum Einsatz kommen sollten:

1. Die Bindung an Werte, die meines Erachtens umso wichtiger wird, je höher das eigene Niveau des Könnens – und damit das der sozialen Macht – wird. Als wichtigsten davon sehe ich das oben erwähnte Biophilie-Postulat von Rupert Lay bzw. die Orientierung an der Gemeinschaft im Sinne von Alfred Adler an.

2. Regelmäßige Selbstreflexion, zum Beispiel in Form von Einzel- oder Gruppen-Coaching oder Supervision. Denn nur die Selbstüberprüfung im "sozialen Spiegel" einer professionellen Gruppe oder eines Coachs kann man überprüfen, ob man seinen Werten nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis treu ist.

3. Verbreitung der Kompetenz in der Gesellschaft. Wenn zum Beispiel Debatten-Übungen fester Bestandteil einer höheren Erziehung sind, wie an den englischen Universitäten, dann reduziert das die Anfälligkeit für Demagogie. Denn mit der eigenen Fähigkeit, unterschiedlichste Standpunkte überzeugend zu vertreten, wächst auch die Fähigkeit, Demagogie bei anderen zu durchschauen; damit sinkt die Manipulierbarkeit.

Also keine Angst vor professioneller Meisterschaft – aber auch kein leichtfertiger Umgang damit. Stattdessen verantwortetes Handeln, sowohl durch die Betreffenden selbst als auch durch ihr engeres und weiteres Umfeld. Genau da kommt mein Unbehagen her, Frau Ogbonnaya, wenn Sie mit – für mein Empfinden – allzu leichter Hand, und möglicherweise allzu selbstverliebt, von Magie schwärmen. Nochmal: Wir stehen nicht über den Menschen, mit denen wir arbeiten – und haben deshalb auch kein Recht, mit ihnen zu spielen.

Herzliche Grüße

Winfried Berner
Autor: Ogbonnaya
Erstellt: 16.02.2008 - 18:17
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Lieber Herr Berner,

ich danke Ihnen für diese Ausführungen, auch für Ihre vornehme Kritik der „Beschwingtheit“ meiner Beiträge, die ich als Kompliment betrachte. Was Spass macht, bleibt nämlich meiner Meinung nach immer länger im Gedächtnis als trockene Theorie… (dies ist jedoch wiederum keine Kritik an Ihrer hochgeschätzten Dialektik). Und offenbar macht es Ihnen doch Freude, Ihren scharfen Geist an unserer Thematik zu „wetzen“. Da ich leider aufgrund meiner Nachwuchsaufzucht mehrere Jahre aus der Lektüre dialektisch und inhaltlich brillianter Stoffe herausgerissen war, mögen Sie mir bitte meine Verspieltheit verzeihen. Ich arbeite intensiv daran, wieder zur ursprünglichen Form aufzulaufen. Denn auch ich liebe es, mich mit Meistern zu messen, die mir meine Beschränkung aufzeigen, damit ich weiss, woran ich noch zu arbeiten habe. Haben Sie Dank.

Ihre Beiträge und die Fortführung in diesem String zeigen mir doch auch, dass es mit unserer Gesellschaft noch nicht ganz so schlimm bestellt sein kann, wie viele Unkenrufer meinen. Solange es Menschen wie Sie gibt, die sich derart tiefgründig Gedanken machen, impliziert dies weiterhin die Möglichkeit, den Geist des gemeinschaftlichen Systems letztendlich auf höhere Stufen zu erheben, sofern die daran verknüpften Synapsen immer wieder bewusst biophil gehalten werden.

A. Wilden sagt:
In einem komplexen System gibt es immer wieder Ursachen, die Auslöser verursachen, Ursachen auszulösen.

Wenn aufgrund welcher Ursache auch immer, z.B. ein Beitrag in diesem Forum (zu dem ich wiederum aus anderen Ursachen ausgelöst wurde), Auslöser für andere Ursachen wird, und man dabei die Entscheidungsfreiheit nach Foerster berücksichtigt (s.u.), gelangen wir genau immer wieder an die jeweiligen Schnittpunkte im Fraktal der entscheidbaren Fragen, wo die Ethik und die Zielrichtung DIE fundamentale Rolle spielen. Nach Foerster sind nur die logisch unentscheidbaren Fragen diejenigen, die wir tatsächlich entscheiden können und mit letztendlich mit unserem Gewissen in Richtung biophil oder nekrophil auch entscheiden MÜSSEN. (siehe nachfolgendes Zitat aus einem Vortrag zur Jahrtausendwende.)

Und nun swinge ich schon wieder zur Magie, ich kann es nun mal nicht lassen; Magie setzt ja ebenfalls genau an diesen Schnittpunkten an. Die Unterscheidung biophil und nekrophil lässt sich relativ gut übertragen auf die sog. weiße und schwarze Magie, die eine biophil, die andere nekrophil. Und jeder hat jederzeit die Freiheit, sich für das eine oder andere zu entscheiden und auch, diese Entscheidung beim nächsten Schnittpunkt erneut zu überdenken und sich ggf. in die andere Richtung zu begeben, wobei ja alle Entscheidungen an jedem Schnittpunkt immer als Auslöser und Ursache gleichzeitig zu sehen sind. Die Arbeit mit Magie bedeutet ganz besonders, die in der Verwirklichung des eigenen Karmas verankerte Verantwortung für alle nachfolgenden Synapsen zu übernehmen, die ich bei jeder freien Entscheidung in meiner Arbeit verursache. Auch in der Ihren.

Scharlatane laufen sich im System einfach irgendwann tot, während die Meister es schaffen, fortwährende – unendliche – Synapsenketten zu erschaffen. Daher die Angst, die durchaus berechtigt ist, je nachdem wer eben gerade „am Werk“ ist - siehe Goebbels.

Letztendlich heben sich jedoch m.E. alle Ketten in ihrer Wirkung auch wieder auf, da es GUT und BÖSE im eigentlichen Sinne des Universums nicht gibt. Und wenn das komplexe System Menschheit innerhalb des noch komplexeren Systems Leben ausstirbt, die Synpsenkette Mensch sich ausläuft, weil fortgesetzt nekrophile Entscheidungen getroffen werden und es ich selbst das Wasser des Lebens abgräbt, dann wird es an anderer Stelle biophile Systeme geben, die sich erhalten können.

Zu Ihrem letzten Absatz:
Also keine Angst vor professioneller Meisterschaft – aber auch kein leichtfertiger Umgang damit. Stattdessen verantwortetes Handeln, sowohl durch die Betreffenden selbst als auch durch ihr engeres und weiteres Umfeld. Genau da kommt mein Unbehagen her, Frau Ogbonnaya, wenn Sie mit – für mein Empfinden – allzu leichter Hand, und möglicherweise allzu selbstverliebt, von Magie schwärmen. Nochmal: Wir stehen nicht über den Menschen, mit denen wir arbeiten – und haben deshalb auch kein Recht, mit ihnen zu spielen.

Da haben Sie mich aber gründlichst missverstanden. Das habe ich weder Ihnen noch einem anderen Changemanager jemals vorgeworfen und es ist auch nicht der Sinn und Inhalt von Magie, mit Menschen zu spielen. Ich schwärme für Magie, das ist korrekt, aber ich spiele nicht mit Menschen. Ich spiele mit den Möglichkeiten, die sich durch das Arbeiten mit Menschen ergeben mögen, wobei jeder „Mitspieler“ immer die Freiheit haben muss, zu entscheiden, ob und wie weit er mitspielt (s.o.)

Ich schwärme auch für Logik, Quantenphysik, Hawkins und Einstein, Konstruktivismus und die unglaublichen Schönheiten der Mathematik und der Musik, was für mich immer nur unterschiedlicher Ausdruck der einen diesem System innewohnenden Kraft ist, die viele Gott nennen. Und NATÜRLICH liebe ich mich selbst. Ich bin sogar geradezu unglaublich verliebt in das göttliche Mini-System namens Doris Ogbonnaya, das ich immer noch nicht verstanden habe und an dessen systemischer Verbesserung ich kontinuierlich und mit beharrlicher Inkonsequenz und auch weiterhin interdisziplinär arbeiten werde. Wo käme ich denn sonst hin? (Vielleicht In die Hölle?)

Ich wünsche Ihnen allen ein ganz zauberhaftes Wochenende und verspreche, mich noch beschwingter dieser Thematik zu widmen, um Sie auf dieser Spielwiese vielleicht doch noch mal mit der einen oder anderen Ursache – oder war es Auslöser? - zu beglücken.

Liebe Grüße

Doris Ogbonnaya
Autor: Jos Kayser
Erstellt: 16.02.2008 - 18:18
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Magie und Meisterschaft im Change Management
Hallo Doris,

Dass es trotzdem irgendwann gefährlich werden kann, hat mich neuerdings das Surfen im Internet gelehrt. Und zwar beim unschuldigen Nachsuchen philosophischen Inhalts, um der hier gebotenen Versachlichung von allzu menschlichen Reaktionen und Bestrebungen, Ängsten und Zweifel durch die Hintertür beizukommen.

Dein Zitat:
Letztendlich heben sich jedoch m.E. alle Ketten in ihrer Wirkung auch wieder auf, da es GUT und BÖSE im eigentlichen Sinne des Universums nicht gibt. Und wenn das komplexe System Menschheit innerhalb des noch komplexeren Systems Leben ausstirbt, die Synpsenkette Mensch sich ausläuft, weil fortgesetzt nekrophile Entscheidungen getroffen werden und es ich selbst das Wasser des Lebens abgräbt, dann wird es an anderer Stelle biophile Systeme geben, die sich erhalten können.

Zitat Ende.

Und jetzt schau mal hier: http://www.philolex.de
Schauder! Unter dem Dongle - Meine Pilosophie - wirst Du schnell fündig. Es werden nämlich nicht die biophilen Systeme sich erhalten, nein nein, eine dem Menschen übergeordnete Maschinenrasse wird die Menschheit erhalten und überhaupt erst gewährleisten, dass er sich zu Höherem weiterentwickeln kann, wenn er sich nicht selbst mit denen von ihm erfundenen Waffen niederstrecken wird.

In 5000 Jahren werden die Forscher also feststellen, dass die Maschinen von den Menschen abstammen, ganz in Darwins Tradition. Und die Eugeniker der Zukunft werden den Weg für Kriege zwischen Maschinenrassen bereiten.

Vielleicht schweife ich ab, vielleicht denke ich auch nur zu Ende wo die Menschheit bleibt (vor allem die Schwachen), wenn so ein Auslöser mal ausbleibt. Auch wenn die Geschichte immer wieder lehrt, dass diese Auslöser funktionieren, sollten wir uns doch vermehrt den Ursachen zuwenden.

Frohes Schaffen in einer neuen Woche wünscht

Jos Kayser
Anzahl Nachrichten: 18 - Seiten (1): [1]
Sie müssen sich anmelden, um in dieser Konferenz eine Nachricht zu schreiben.