Hallo Ellen,
Modeerscheinung oder wirklicher Nutzen? Ich fürchte, mit dieser Frage haben Sie ins Schwarze getroffen, aber die Antwort lässt sich nur nach einem genauen Blick auf das einzelne Konzept oder Modell geben.
Ich selber verwende den Begriff "systemisch" überhaupt nicht, weil er längst bis zur Bedeutungslosigkeit totgeritten wurde. Mittlerweile ist ja alles für "systemisch": systemisches Coaching, systemisches Konflitkmanagement, systemische Beratung, und selbstverständlich auch systemisches Change Management. Nun also "systemisches Projektmangement" – auf systemisches Qualitätsmanagement und systemisches Reengineering darf gewartet werden.
Dieses Attribut ist mittlerweile ebenso "in" wie es vor einigen Jahren "humanistisch" und wieder einige Jahre davor "kritisch" war. In meiner Studienzeit war ich von kritischen Psychologen, kritischen Juristen und kritischen Wiwis umgeben, die sich mit Schärfe und Nachdruck gegenüber ihren unkritischen Studienkollegen abgrenzten. Allerdings habe ich schon damals nicht verstanden, was sie genau anders machten oder dachten als andere, nur dass sie, wie gesagt, sehr kritisch gegenüber Unkritischem waren.
So beliebt das Attribut ist, so unklar ist es: Viele, die bedeutungsschwanger behaupten, systemisch zu arbeiten, geraten in größte Not, wenn man sie bittet, zu sagen, was sie darunter konkret verstehen und wie sich ihr Vorgehen genau von anderen Konzepten unterscheidet. Einige scheinen "systemisch" ohnehin nur als nuschelige Kurzform von "systematisch" zu verstehen: Sie erklären, dass sie besonders geordnet und strukturiert vorgehen würden.
Dennoch sollte man das Kind nicht mit dem Badewasser entsorgen. Natürlich ist ein Denkansatz nicht schon deshalb unsinnig und zu verwerfen, weil er unter der Flagge "systemisch" segelt. Auch wenn ich es nicht für besonders cleveres Marketing halte, verwenden etliche seriöse Kollegen diesen Begriff mit tiefer Überzeugung zur Bezeichnung und Beschreibung ihrer Arbeitsweise.
Es bleibt Ihnen also nicht erspart, genau hinzuschauen: Ist die Argumentation schlüssig und begründet? Kommt sie zu hinreichend konkreten, nicht-trivialen Handlungsempfehlungen? Ist erkennbar, wo und inwiefern der "systemische Ansatz" zu anderen Erkenntnissen und Empfehlungen führt als – ja, als wer eigentlich? Auch in der übrigen Literatur kommt ja kaum jemand auf die Idee, komplexe Projekte als eine linear durchplanbare, wechselwirkungsfreie Angelegenheit anzusehen.
Warnen möchte ich nur davor, auf "systemisches Geblubber" hereinzufallen. Die Beteuerung, dass "irgendwie" alles mit allem zusammenhängt oder doch vieles mit manchem oder manchmal auch umgekehrt, ist zwar unwiderlegbar, aber sie hilft "irgendwie" nicht weiter. Dass Interventionen Effekte zweiter und dritter Ordnung auslösen können, die mit den eigenen Absichten und Plänen interferieren, stimmt zwar, aber es sollte besser nicht zu dem Schluss führen, dass Denken und Planen ohnehin keinen Sinn hat und die Lösung in einem "ganzheitlich-intuitiven Vorgehen" läge. Mit kaum etwas kann man sich tiefer ins Schlamassel reiten als mit einem ganzheitlich-intuitiven Gewurstel, das von unreflektierten Ängsten, Hoffnungen und Annahmen bestimmt ist.
Für "systemisches Geblubber höherer Ordnung" halte ich auch den Großteil jener scheinbar universal gebildeten Literatur, die genialische Rundschläge quer durch Natur- und Geisteswissenschaften macht und uns mit selbstreferenziellen Systemen, Autopoiesis, Apfelmännchen und allerley anderen wundersamen Zusammenhängen beeindrucken will. Selbst wenn vieles davon Hand und Fuß haben sollte – was ich nicht beurteilen kann, worüber ich mir aber durchaus nicht so sicher bin –, ist der Schluss von naturwissenschaftlichen auf soziale Systeme unzulässig und hat allenfalls belletristisch-anregenden Charakter. Alan Sokal und Jean Bricmont haben das sogar als "Eleganten Unsinn" bezeichnet (bzw. im Originaltitel als "Fashionable Nonsense").
Ich persönlich halte mich da lieber an Forschungsansätze wie den des Bamberger Psychologen Dietrich Dörner, der mit seiner Erforschung menschlichen Denkens und (Fehl-)handelns in komplexen Systemen wesentliche Impulse auch für Change- und Projektmanagement geliefert hat. Meines Erachtens würde es sich lohnen, mehr aus solchen Erkenntnissen zu machen, statt zu versuchen, von Apfelmännchen zu lernen...
Freundliche Grüße
und einen schönen Sonntag
Winfried Berner