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Anzahl Nachrichten: 4 - Seiten (1): [1]
Autor: Mone
Erstellt: 17.02.2008 - 11:19
Betreff: Die WM und die Ermutigung
WM 2006 - Ermutigung der Deutschen
Guten Morgen, lieber Herr Berner, liebe Christa,
zum Thema Ermutigung kommt mir die gestern zu Ende gegangene WM in den Sinn.
Wer Zeit hatte, die Spiele anzuschauen und die Nachberichterstattung, wird sicherlich genauso wie ich begeistert gewesen sein, von der Freude, mit der Millionen Menschen in ganz Deutschland friedlich gefeiert haben.
Was mich am meisten fasziniert:
- Die Deutschen sind genauso wie die Deutsche Elf als ein "zwölfter Mann" zusammengewachsen.
- Ein - bis vor wenige Wochen als "Revoluzzer" - stark kritisierter Klinsmann wird nun als DER "Reformer" gefeiert. Nicht nur in Bezug auf die Nationalelf, auch in Bezug auf die Stimmung in Deutschland.
- Da kommt ein Mann (Klinsmann) und versprüht Optimismus, erklärt ruhig und freundlich, man müsse jungen Menschen Vertrauen entgegenbringen, dass sie in der Lage sind, etwas zu leisten und erledigt all seine Aufgaben mit einem Lächeln. Er schlüpft in die Rollen, die gerade anstehen: Vaterfigur, Trainer, Motivator, Ermutiger - sehr gut zu sehen nach dem verlorenen Halbfinale gegen Italien.
- Die Deutschen können sehr schnell eine Niederlage in einen Sieg verwandeln. Kommentar von gestern Nacht: Wir haben gegen den Weltmeister Italien verloren (Delling in der ARD).
Wo ist sie hin, die Depression?
Es ist schön zu sehen, dass eine sehr junge und jugendliche Nationalmannschaft die Stimmung im Land drehen kann, weil sie einen Trainer mit Format hat. Klinsmann, Optimist, Realist, Motivator und Ermutiger - diese zu seiner Persönlichkeit gehörenden Eigenschaften - zeigt, dass mit einem Lächeln und mit neuen Strategien Erfolge winken.
Eine wirklich lustige Auswirkung dieser verschworenen Einheit auf dem Rasen erlebte ich letzte Woche in der Firma:
Mein neuer Arbeitgeber, einer der Hauptsponsoren der WM, stellte vielen Mitarbeitern den Arbeitsplatzwechsel nach § 613a BGB zu. Geschlossen und als Einheit lehnten ganze Abteilungen diese große Einflussnahme in ihr Privatleben ab. Nun hat der Arbeitgeber ein Problem, ein echtes. Und die McKinseys erleben erstmalig, dass Arbeitnehmer mündige und selbstdenkende Menschen sind, die sich ohne weiteres trauen, "nein" zu sagen. Ja, do legst di nieder :-).
Fazit: Die WM hat uns Mut gemacht und uns daran erinnert, dass wir sehr wohl in der Lage sind, in diesem Land etwas zu bewegen. Es ist an der Zeit, dass wir, das Volk, 'es' drehen, denn von unseren Politikern haben wir gar nichts zu erwarten.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine fröhliche Woche mit viel Optimismus und Motivation.
Liebe Grüße
Mone
______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 10.7.2006
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 17.02.2008 - 11:20
Betreff: re: Die WM und die Ermutigung
Hallo liebe Mone,
ich habe mir erlaubt, Ihren jüngsten Beitrag in einen neuen Thread zu verschieben, weil er, denke ich, ein eigenes (Unter)Thema zur Ermutigung eröffnet.
So gerne ich in Ihre Begeisterung einstimmen würde, so wichtig scheint es mir doch, zwischen Euphorie und "gewachsenem" Mut zu unterscheiden. Beides kann die Folge einer hoch dosierten Ermutigung sein – der Unterschied ist, wie lange es vorhält. Insofern erinnert mich die momentane Euphorie in diesem unserem Lande eher an jene Strohfeuereffekte, die viele (sogenannte) Motivationstrainer entfachen: Hoch dosierte, aber letztlich haltlose, weil an keine reale Weiterentwicklung geknüpfte Ermutigung mit "Tschaka", "Positivem Denken" und "Du kannst alles erreichen, wenn du es nur erreichen wirklich willst" (und wenn du es doch nicht erreichst, dann hast du es nur nicht entschieden genug gewollt – was wiederum ein Ausdruck verwerflicher Kleingläubigkeit ist).
Nicht nur die parallel zur WM-Endrunde verhandelte Gesundheitsreform lässt mich daran zweifeln, ob die Deutschen wirklich "wie ein zwölfter Mann" zusammengewachsen sind oder derart zusammenwachsen werden (wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob ich mir wünschen würde, dass sie derart zusammenwachsen sollten). Dass wir Deutsche (wie viele andere Nationen, Organisationen und Personen auch) "sehr schnell eine Niederlage in einen Sieg verwandelt", empfinde ich nicht als Ausdruck von Mut, sondern im Gegenteil als Ausdruck von mangelndem Mut: Wenn zum Beispiel Kurt Beck davon spricht, dass wir "wie Weltmeister" gespielt hätten, verschleiert er, dass "wir" eben nicht Weltmeister, sondern (ehrbarer) Dritter geworden sind. Ein Trost für unsere Seelen um den Preis der Realitätsdichte?
Und wer ist überhaupt "wir"? Ich bin nicht WM-Dritter geworden und Sie, soweit ich weiß, auch nicht. Die deutsche Nationalmannschaft hat in den ersten Spielen des Turniers offenbar eine echte Ermutigung dadurch erfahren, dass sie herausgefunden hat, dass sie entgegen allen Unkenrufen doch nicht schlechter ist als die allermeisten anderen. Und wir als Zuschauer haben herausgefunden, dass sie ihre Möglichkeiten auf bemerkenswert frische und beherzte Art und Weise ausgereizt hat. Vermutlich hat es ihr genau deshalb niemand übel genommen, dass sie gegen Italien ausgeschieden ist, nachdem sie da einfach an den Grenzen ihrer Möglichkeiten angekommen war. Das spricht ohne Zweifel für Herrn Klinsmann und seine Arbeit mit der Mannschaft – aber was hat es mit meinem, Ihrem oder "unserem" Mutpegel zu tun?
Dass Herr Klinsmann sich schwer tut mit seiner Entscheidung, Bundestrainer zu bleiben, kann ich gut nachvollziehen: Ich glaube, er weiß oder ahnt, wie nahe das "Hosianna" und das "Kreuziget ihn" zusammenliegen – gerade für ihn, der mit seiner charmant-burschikosen Kraftmeierei die lebende Provokation für sämtliche Funktionäre und Primadonnen ist, nicht nur für die Kaiser und Imperatoren im DFB, sondern auch für die in den Medien. Denn auch für die bringt Lob auf die Dauer keine Entschaltquoten. Da Fußball aber ein Spiel mit einer hohen Zufallskomponente ist, kann Klinsmann kaum damit rechnen, jedes Elfmeterschießen zu gewinnen. Was aber wäre von ihm übrig geblieben, wenn er mit der gleichen Leistung seiner Mannschaft, aber etwas weniger Glück, Vorrundenzweiter geworden und im Achtelfinale ausgeschieden wäre? Was werden diese Hyänen von ihm übriglassen, wenn die Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation in größere Nöte kommen sollte? Die derzeit vorherrschende Beißhemmung sollte niemand als Gesinnungswandel oder gar als die Folge von Ermutigung verstehen. Solange man erfolgreich ist, wissen die Schakale, dass sie noch warten müssen.
Trotzdem habe ich auch den Eindruck, dass diese WM an diesem unserem Lande etwas verändert hat, und zwar zum Positiven. Lassen Sie uns hoffen, und lassen Sie uns dazu beitragen, dass es hält, lassen Sie uns versuchen, möglichst viel davon in den normalen Alltag hinüberzuretten.
Aber was hat sich eigentlich geändert? Nach meiner subjektiven und unvollständigen Wahrnehmung sind es drei Dinge:
Erstens das völlig unbefangene neue Nationalbewusstsein. Ich habe in den letzten drei oder vier Wochen mehr deutsche Flaggen gesehen als in meinen 52,5 Lebensjahren davor. Und ich gebe bereitwillig zu, dass mich das anfangs beunruhigt hat: Ich gehöre eben noch zur Nachkriegsgeneration, für die alles, was mit Flaggen und "Deutschland!!!"-Rufen zu tun hat, äußerst suspekt war/ist. Mein Nationalbewusstsein ist treffend wiedergegeben in dem Spruch des verstorbenen Kabarettisten Hanns-Dieter Hüsch: "Deutschland, das ist die dicke, zweigeteilte Dame, die bei Fußballländerspielen immer auf unserem Schoß sitzt!" Aber als ich vor ein paar Wochen in der Innenstadt von Mannheim miterlebte, wie auch Türken, Afrikaner und Asiaten die deutsche Fahne schwenkten, konnte ich mich ein bisschen entspannen. Insofern war die WM wohl tatsächlich eine Ermutigung, uns in Richtung auf ein neues, nicht aggressives Nationalbewusstsein zu bewegen.
Zweitens fand ich ermutigend, dass wir das (verkappte Multi-Kulti-)Motto dieser WM "Die Welt zu Gast bei Freunden" wohl wirklich bemerkenswert gut gelebt haben. Obwohl ich auf meinen Reisen oft genervt war über übervolle Züge, Restaurants und Hotels, habe ich doch auch ungewöhnlich viele spontane Gespräche erlebt, zuweilen dreisprachig, in denen unsere Landsleute (und zuweilen sogar ich selbst) freundschaftlich und hilfsbereit auf unsere Gast-Freunde zugingen – und sich dadurch am Ende selber bereichert fanden. Das ist schon bemerkenswert in einem Land, wo man zehn Jahre an der gleichen Haltestelle in die S-Bahn einsteigen kann, ohne die, die ebenfalls an der gleichen Haltestelle in die gleiche S-Bahn einsteigen, auch nur zu grüßen, geschweige denn, eine riskante Bemerkung wie "Waren Sie im Urlaub?" zu wagen.
Drittens fand ich bemerkenswert, wie wir ("wir"?) mit unserer ("unserer"?) Niederlage und unserem Ausscheiden umgingen. Kaum einer, mit dem ich gesprochen habe, griff auf die üblichen Ausreden zurück: Benachteiligung durch den Schiedsrichter, unglücklicher Spielverlauf, Abseitsstellung, unsportliche Spielweise der Gegner. Die allermeisten fanden, dass die Italiener die bessere Leistung geboten hatten, und bei aller Enttäuschung schien mir eine gelassene, beinahe fröhliche Stimmung gegenüber der Realität zu herrschen.
Keine Entschuldigungen, keine Beschuldigungen, keine Ausreden, keine Schuldigensuche, nicht mal ein kleines bisschen übler Nachrede – sollten wir als Land / Nation etwa doch auf dem Wege sein, etwas mutiger zu werden? Dann müsste ich Ihnen, Mone, am Ende glatt doch noch zustimmen. Es sollte mich freuen!
Freundliche Grüße
Winfried Berner
Autor: Mone
Erstellt: 17.02.2008 - 11:21
Betreff: re: re: Die WM und die Ermutigung
Hallo, lieber Herr Berner,
Danke, dass Sie einen neuen Thread eröffnet haben.
Das hatte ich anfangs auch so gebastelt, es dann später doch wieder umgemodelt :-).
Ich sehe die "Tschaka-Motivationstrainer" genauso kritisch wie Sie und wie lange sich die Lehren aus der WM in der Bevölkerung halten werden, wird sich zeigen. Vielleicht reicht ein 4-Wochen-Training?! Wir werden sehen.
Ich finde es gut, dass Klinsmann seinen Vertrag nicht verlängert hat. Das war übrigens schon am Sonntag aus seinen Worten herauszuhören, denn er sprach davon, dass diese Ereignisse nicht mehr zu toppen seien.
Jeder, der ein bißchen psychologischen Sachverstand hat und in Rhetorik bewandert ist, weiß solche Aussagen zu deuten. Dass in Deutschland dies zunächst niemand wahrhaben wollte, ist eine andere Sache.
Klinsmanns Entscheidung spricht für ihn. Er hat Selbstachtung und er hat eben nicht vergessen, wie übel ihm mitgespielt wurde. Er ist kein "Nachtreter", er zieht ruhig die Konsequenzen. Das wird ihm in seinem weiteren Leben weiterhin sehr nützlich sein und ihn persönlich auch weit bringen.
Ich habe mir seine Persönlichkeit angeschaut und habe einige Verhaltensweisen, auch rhetorische Feinheiten, entdeckt, die ich selber anwenden werde. Es kommt nicht häufig vor, dass ich von jemandem etwas lernen will, doch hin und wieder ist es tatsächlich der Fall.
Dass WM-Deutschland bei der Gesundheitsreform nicht gleich aufgeschrieen hat, war m.E. verständlich. Multitaskingfähig sind ohnehin nur Frauen und selbst die hatten genug mit Freuen und Feiern zu tun :-).
Inzwischen mehren sich die kritischen Stimmen und ich habe die Hoffnung, dass doch noch Änderungen vorgenommen werden. Bislang haben wir keine Reform, sondern lediglich eine Erhöhung des Beitragssatzes zu verzeichnen. Das kann kein Mensch ernsthaft als Reform betiteln.
Wie die Politiker mit dem Volk umgehen, ist schon sehr entmutigend. Ich frage mich, was passieren muss, damit durch dieses Land ein Ruck geht.
Außer Auswandern habe ich keine Lösung anzubieten.
Was mich hoffentlich dauerhaft als Fazit aus der WM ermutigt, ist die Botschaft unserer Nationalelf, dass durch Einsatz, mit Durchhaltevermögen und Disziplin (letzteres haben wir Deutschen grundsätzlich reichlich) jeder viel erreichen kann.
Wenn es sich bislang nicht mehr gelohnt hat, sich Ziele zu setzen, weil niemand mehr wusste, ob das Sinn macht, ob die unter den aktuellen Zuständen überhaupt realisierbar sind, so war die WM tatsächlich das richtige Signal zur richtigen Zeit. Es war sozusagen ein Zu-Fall.
Außerdem wurde ich in meiner Ansicht bestätigt, dass ein dritter Platz auch ein Gewinn ist. Ich muss im Leben nicht immer Erste sein, denn "Ruhm" verpflichtet schließlich auch!
Der dritte Platz hat mehr Vor- als Nachteile.
Herzliche Grüße
Mone
Autor: Menschin
Erstellt: 17.02.2008 - 11:21
Betreff: re: re: re: Die WM und die Ermutigung
Hallo Herr Berner, liebe Mone!
Prima, ein neuer Thread ... wir wären sonst irgendwann explodiert ;)
Nun, Jürgen Klinsmann wirkt für mich im Verlauf der ausgetragenen WM (während der Spiele) immer mehr als der Ermutiger, und dieser Aspekt hat mir sehr gut gefallen. Ich bin ansonsten überhaupt kein Fussball-Gucker. Aber dieses Mal bin ich - rein zufällig - immer wieder gegen Ende eines Spieles als Gucker hineingepurzelt. Mich hat das Hinterher jedes Mal sehr interessiert..
Tja, liebe Mone, diese Erkenntnis "Ich muss nicht immer Erste/r sein" tut uns allen in diesem Land/auf dieser Welt gut, heißt es doch auch, "Ich muss nicht immer und überall in vorderster Front stehen, um wahrgenommen zu werden." Es heißt genauso, ich darf Gutes tun für mich und andere, wann immer ich will.
Keine Entschuldigungen, keine Beschuldigungen, keine Ausreden, keine Schuldigensuche, nicht mal ein kleines bisschen übler Nachrede – sollten wir als Land / Nation etwa doch auf dem Wege sein, etwas mutiger zu werden? Dann müsste ich Ihnen, Mone, am Ende glatt doch noch zustimmen. Es sollte mich freuen!
Diesem Wunsch, verehrter Herr Berner, schliesse ich mich vorbehaltlos an, sehe ich doch in meiner täglichen Arbeit, wie Menschen sich ein kleines Stückchen Mut in ihrem Alltag wieder zu eigen machen und diesen Mut leben in der Familie, bei Freunden, bei Nachbarn etc. und wachsender Mut hat bisher niemandem geschadet.
Ich verabschiede mich für die nächsten Wochen in Sommerurlaub. Allen eine gute Zeit
Christa Nehls - Menschin
Anzahl Nachrichten: 4 - Seiten (1): [1]
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