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Autor: W. Kunkel
Erstellt: 11.02.2008 - 18:52
Betreff: Emotionen
Lieber Herr Berner,

immer wieder gern lese ich Ihre Informationen und Meinungen aus Ihrem "Rundbrief".

Diesmal hatte es mir das Thema Emotionen angetan. Dazu einige Anregungen/Fragen/Widersprüche:

Ich bin weitgehend Ihrer Meinung bzw. der Meinung vieler kompetenter Menschen, die Sie dort zitieren.
Insbesondere die Versuche, sich mit Gefühlen für (problematisches) Verhalten zu entschuldigen (Alibi-Funktion), haben wohl eher zugenommen. Ggf. auch durch die tlw. (gern?) falsch verstandenen psychologischen Interpretationen des Unbewussten.
Allerdings habe ich Widerspruch, wenn Sie sagen, dass wir "....unsere Gefühle nur benutzen, um uns dies zu "erlauben"...." (S. 12 unten). Das ist mir zu kausalistisch, unilinear.
Ebenfalls Widerspruch, wenn Sie von "....psychoanalytischen Spekulationen...." (S. 13. Mitte) sprechen. Bzw. würde mich sehr interessieren, was Sie damit genauer meinen.


Soweit meine kleinen Anmerkungen.

Ich hoffe es geht Ihnen (in jeder Hinsicht) gut und verbleibe
mit freundlichen Grüße

Ihr Wolfgang Kunkel

______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 26.5.2006
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 11.02.2008 - 18:53
Betreff: re: Emotionen
Lieber Herr Dr. Kunkel,

vielen Dank für Ihre Anmerkungen – freut mich sehr, auf diese Weise wieder von Ihnen zu hören!

Vorweg: Ich erwarte bei dem, was ich schreibe, nicht unbedingt Zustimmung, sondern freue mich genauso, falls ich "Reize zum Nachdenken" gesetzt habe. Zwar denke ich natürlich, dass ich die Dinge richtig sehe, aber ich habe mir zumindest noch so viel Demut bewahrt, dass ich meine Fehlbarkeit nicht bloß als theoretische Möglichkeit anerkenne ... In diesem Sinne ist Widerspruch immer spannend, weil eine Chance zum Lernen.

Bei Ihrem ersten Widerspruch bin ich mir allerdings nicht sicher, ob das nicht ein Missverständnis ist. Die Aussage bezieht sich ja keineswegs auf alle Emotionen, sondern darauf, dass wir "bestimmte Gefühle selbst gezielt produzierten und verstärkten, um in einer Weise handeln zu dürfen, die wir selbst nicht gutheißen". Das heißt, das greift im Grunde nur den Gedanken noch einmal auf, dem Sie ja offenbar zustimmen, dass Gefühle nicht ungern als Alibi genutzt werden, wobei mir Ihr Gedanke von der "tlw. (gern?) falsch verstandenen psychologischen Interpretationen des Unbewussten" ausgesprochen treffend erscheint. Das bezieht sich in erster Linie auf den "taktischen Einsatz" dessen, was Adler als die "trennenden Affekte" bezeichnet hat. Hier bin ich in der Tat der Meinung, dass eine "Rückgabe der Verantwortung" angebracht ist.

Die Formulierung mit den "psychoanalytischen Spekulationen" werde ich wohl ändern, denn das ist in der Tat sehr verkürzt und erscheint so wahrscheinlich als unangebrachte Polemik. Was ich damit "eigentlich" meine, knüpft an die zentrale Kontroverse zwischen Adler und Freud an, wo sich ersterer bei letzterem durch die Kritik an dessen Instanzenmodell der Persönlichkeit (Es – Ich – Überich) unbeliebt machte und ihr letztlich sein Konzept einer In-dividual-Psychologie, das heißt das einer unteilbaren Persönlichkeit gegenüberstellte.

Faktisch ist Freuds Metapher von dem Kampf zwischen den intrapsychischen Instanzen ja oft zum Alibi für anti-soziales, destruktives und sogar kriminelles Verhalten geworden, so nach dem Motto: "Er wollte ja ganz anders, aber sein Es hat halt die Übermacht gewonnen".

Ein Beispiel dafür liefert Christoph Thomann in seinem (ansonsten ausgezeichneten) Buch Klärungshilfe 1. In meiner Rezension habe ich das so kommentiert: "Am deutlichsten wird solche Wertevermittlung natürlich dort, wo man als Leser die Welt anders sieht. Etwa dort, wo Thomann einem Klienten, der immer wieder 'verrutscht', sich betrinkt und dann sein Geld in Spielhöllen verspielt, das Bild von einem 'Obermann' und einem 'Untermann' anbietet: 'Der 'Untermann' bestimmt den Lauf der Dinge. Der 'Obermann' ist der Aufrechte, der jetzt in der Sitzung das Sagen hat, Vorsätze fasst, vernünftig ist, nicht mehr trinken und nicht mehr spielen will (...) Alkohol setzt den 'Obermann' außer Kraft, der 'Untermann' übernimmt das Steuer.' (S. 226 f.) Das ist zwar enorm entlastend für den Klienten, aber es nimmt ihm mit der Verantwortlichkeit für sein Handeln zugleich auch die Kontrolle über sein Leben – und macht alles Weitere unglaublich kompliziert: Dadurch wird es erforderlich, mit dem 'Untermann' in Kontakt zu kommen, (was auch immer das bedeutet), um die Situation verändern zu können."

Genau das war es, was ich eigentlich mit "psychoanalytischen Spekulationen" gemeint hatte. Aber was hilft's, wenn das keiner versteht? In diesem Sinne vielen Dank für Ihren Hinweis!

Herzliche Grüße
aus dem (immer noch) kühlen Südosten

Ihr

Winfried Berner
Anzahl Nachrichten: 2 - Seiten (1): [1]
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