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Anzahl Nachrichten: 5 - Seiten (1): [1]
Autor: Silvia Kuper
Erstellt: 15.02.2008 - 19:06
Betreff: Energie(n) (um)lenken
Sehr geehrter Herr Berner,

ich habe Ihre Internet-Veröffentlichungen zum Thema Change Management gelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass Sie häufig den Begriff „Energie“ verwenden (z.B. Energieverlust durch Asynchronität oder Energieeinsatz zur Klärung der Schuldfrage).

Hierzu habe ich zwei Fragen:

1. Ich verstehe ihre Aussagen so, dass sie in Anlehnung an die Psychologie mit Energie eine Form der Vitalität bzw. Wirkungsintensität meinen. Bisher habe ich allerdings noch keine genaue Definition für „Energie“ (in diesem Kontext, also auf den Menschen/Widerstände bezogen) gefunden. Kennen Sie eine entsprechende Definition hierfür?

2. Sind Ihnen (insbesondere aus der (Kinder-) Psychologie) Literaturquellen bekannt, die sich mit dem Thema „Energien (um-)lenken“ beschäftigen?

Kurz zum Hintergrund meiner Frage: Ich habe Betriebswirtschaftslehre studiert und beschäftige mich in Rahmen meiner Dissertation mit dem Thema „Energietransfer in Veränderungsprozessen“.

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. Vielen Dank im Voraus.

Mit freundlichen Grüßen

Silvia Kuper

______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 22.9.2004
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 15.02.2008 - 19:06
Betreff: re: Energie(n) (um)lenken
Hallo Frau Kuper,

das war mir gar nicht bewusst, dass ich den Begriff Energie so oft gebrauche. Ich verwende ihn im umgangssprachlichen Sinne, also ohne theoretisches Modell dahinter. Für mich liegt er im Assoziationsfeld von Kraft / Aufmerksamkeit / Zeit.

Daher tue ich mir auch mit Literaturangaben schwer. Auch in meiner Literaturdatenbank habe ich nichts Brauchbares gefunden, da Ihnen für Ihr Thema vermutlich mit Energiepolitik und Energiesparen nicht wirklich gedient ist. Auch Kinderpsychologie ist eines der zahlreichen Themen, mit denen ich mich ziemlich schlecht auskenne. Ich werde mal meine Frau fragen: Die arbeitet beruflich mit Kindern, vielleicht weiß sie mehr.

Ansonsten können wir nur auf Beiträge / Anregungen anderer Forumsbesucher hoffen.

Aber was verbirgt sich eigentlich hinter Ihrem Begriff "Energietransfer" und wie fügt er sich in das Thema Veränderungsprozesse ein?

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 15.02.2008 - 19:08
Betreff: re: re: Energie(n) (um)lenken
Hallo Frau Kuper,

hier der versprochene Nachtrag: Meine Frau kennt auch keine wissenschaftlichen Untersuchungen zum Umlenken von Energie, berichtet aber, dass es vor allem aus dem Bereich der Heilpädagogik umfangreiches Erfahrungswissen zu diesem Thema gibt, das sich möglicherweise auch in Publikationen niedergeschlagen hat. Ein wichtiges Einsatzfeld für die "Energie-Umlenkung" ist zum Beispiel die Behandlung von Kindern, die unter AHDS (Aufmerksamkeits-Defizits- und Hyperaktivitäts-Syndrom) leiden. Nach ihrer Erfahrung bringt es überhaupt nichts, gegen die überschießende Energie dieser Kinder anzukämpfen, weil daraus nur eine Endlosserie von (allenfalls kurz befolgten) Anweisungen und Verboten entsteht: "Halt die Hände still!" – "Sitz bitte ruhig!" – "Lass die Sachen liegen!" –"Strample nicht mit den Füßen herum!" – ... Auf diese Weise, so ihre glaubhafte Versicherung, würden Kind und Erzieher bzw. Therapeutin binnen kurzem auf einen Nervenzusammenbruch zutreiben.

Was dagegen nach ihrer Aussage durchaus möglich (wenn auch nicht einfach) ist, ist, die Energie auf eine konkrete Aufgabenstellung umzulenken und sie anhand von "Spielregeln" zu kanalisieren. Zwar kann man diese Energie, die offenbar aus einem unglaublichen inneren Druck entsteht, nicht stoppen, aber man kann den Händen oder Beinen eine regelgeleitete Beschäftigung geben. Beispielsweise gibt es offenbar Kinder, deren Hände ständig in Bewegung sind. Von diesen Kindern zu verlangen, dass sie _ihre_ Hände stillhalten, führt zu gar nichts, sagt meine Frau. Dagegen funktioniert die Instruktion "Halte _meine_ Hände fest!" nach ihrer Erfahrung problemlos.

"Man muss ihren Weg ein Stück mitgehen und kann dann beginnen, die Energie (!) in sinnvollere Bahnen zu lenken", ist das Resümee meiner Frau. Ich kann das nicht kommentieren oder beurteilen, weil mir auf diesem Gebiet jede Kompetenz und Erfahrung fehlt. Ich bekomme nur gelegentlich voller Staunen und Bewunderung mit, was sie auf diese Weise selbst bei Kindern für Fortschritte erzielt, die als ausgesprochen schwierig galten und an denen schon etliche Erzieher und Therapeuten gescheitert waren. Eine zentrale Rolle scheint dafür eine Kombination von situativer Flexibilität und grundsätzlicher Festigkeit zu spielen – was durchaus große Parallelen zu dem hat, was bei der Führung im Change Management gefragt ist.

Mit Sicherheit muss man sehr vorsichtig sein, Schlussfolgerungen von der Behandlung verhaltensauffälliger Kinder auf die Arbeit mit (halbwegs) normalen Erwachsenen zu ziehen. Doch wäre es töricht, aus politischer Über-Correctness über Parallelen gar nicht nachzudenken. Eine, die mir ins Auge spricht, ist, dass der Überschuss an Energie nicht nur neurologisch bedingt sein kann, sondern auch durch Stress – sei es durch Angst, durch Empörung oder Wut. Und dass für die Führung in solchen Fällen wohl auch die Regel meiner Frau gilt: "Ein Stück des Wegs mitgehen und die Energie dann in sinnvollere Bahnen umlenken!"

Eine weitere Parallele betrifft das Thema Machtkampf, zu dem ich gerade einen neuen Artikel auf die Site gestellt habe. Bei aller Sympathie für ein konfrontatives Vorgehen: Sich dem Willen des anderen frontal entgegenzustellen, mündet auch (oder gerade?) bei Erwachsenen sehr rasch in einen Machtkampf, in dem es nicht mehr um die Frage geht, was richtig oder falsch ist, sondern nur noch darum, wer stärker ist. Auch hier könnten wir für das Change Management möglicherweise manches von der Heilpädagogik lernen – nicht, indem wir den Widerstand "klinifizieren", sondern indem wir bewährte Methoden des (Um-)Lenkens von Energie in die Kunst des Führens von Veränderungen übernehmen.

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Autor: Silvia Kuper
Erstellt: 15.02.2008 - 19:08
Betreff: re: re: re: Energie(n) (um)lenken
Hallo Herr Berner,

Ihnen und Ihrer Frau ein recht herzliches Dankeschön.

In meinem Konzept soll es darum gehen, dass die personellen Energien im Sinne von Veränderungen genutzt werden. So verwenden Mitarbeiter bei Veränderungen z.T. all ihre Energie darauf, gegen diese Veränderungen vorzugehen und Widerstand zu üben. Wenn Widerstände aufgelöst werden, dann bleibt die personell vorhandene Energie, die vorher für den Widerstand verwendet wurde, "brach liegen". Hier soll meine Arbeit ansetzen, indem dieses Energiepensum umgelenkt wird, so dass es für anstehende Veränderungen verwendet werden kann. Das meine ich mit Energietransfer.

Inwiefern sich die Widerstandsliteratur diesem Thema gewidmet hat, recherchiere ich gerade. Die Mitarbeiter der Uni St.Gallen (Bruch, Vogel...) bringen im Oktober ein Buch zum Thema "organisationale Energie" heraus. Darauf werde ich wahrscheinlich auch aufbauen. Wie geschrieben, ich stehe mit meiner Arbeit noch ganz am Anfang und mache mir gerade erst Gedanken darüber, wie dieses Konzept aussehen könnte.

Über weitere Anregungen bin ich Ihnen und allen Forumnutzern dankbar.

Mit freundlichen Grüßen

Silvia Kuper
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 15.02.2008 - 19:10
Betreff: re: re: re: re: Energie(n) (um)lenken
Hallo Frau Kuper,

danke, jetzt hab ich's verstanden, was Sie mit Energietransfer meinen. Das ist in der Tat ein interessanter Gedanke, der sich weiterzuverfolgen lohnt.

Meine erste spontane Reaktion war: Die Energie, die den Widerstand speist, bleibt ja nicht "brach liegen", sie geht zum Beispiel in eine Mitwirkung und Mitgestaltung bei der Umsetzung ein. Beim zweiten Nachdenken bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Zwar haben wir in der Physik den Energieerhaltungssatz gelernt; ich bezweifle aber, ob der auf psychische Energien auch anwendbar ist. Einerseits von der Entstehung der Energie "aus dem Nichts" her: Angst, Reaktanz, Besitzstandsverteidigung mobilisieren ja Energien, die vorher nicht da waren. (Auf der physiologischen Ebene natürlich schon, den irgendwo müssen das Adrenalin und der Blutzucker ja herkommen, aber wohl nicht auf der motivationalen Ebene.) Andererseits aber auch von der Erhaltung (bzw. Nichterhaltung) der Energie her: Es ist durchaus möglich, dass die Energie eines "aufgelösten" Widerstands tatsächlich verschwindet.

Das Problem scheint mir dabei weniger zu sein, dass die Energie brach liegt (so nach dem Motto: "Ich bin hochmotiviert, weiß nur nicht mehr, wofür"), sondern dass sie tatsächlich weg ist: Wenn die Angst nicht mehr da ist, gibt es auch keinen Grund (= Motivation = Energie) mehr, davonzulaufen. Wenn die Reaktanz durch gute Kommunikation aufgelöst wurde, entfällt damit auch die Motivation, die eingeschränkte Handlungsfreiheit wiederherzustellen.

Ihre Frage nach dem "Energietransfer" würde demnach zugespitzt lauten: Wie lässt sich der Impetus aufrechterhalten, obwohl sein Grund (= Energiequelle) weggefallen ist? Naheliegende Antwort: Es muss ein neuer Grund her. Was wahrscheinlich leichter gesagt ist als getan: Wenn jemand aufhört, sich von Ausländern bedroht zu fühlen und sie deshalb zu bekämpfen, wird er deswegen ja nicht gleich zum aktiven Vorkämpfer von Integrationsprojekten. Zwar gibt es solche Saulus-Paulus-Wandlungen offenbar auch immer wieder; ich habe aber keine klare Vorstellung, wann, warum und unter welchen Bedingungen sie eintreten. (Könnte eine spannende Forschungsfragestellung sein!)

Vielleicht ist es sogar notwendig, zwischen aktivem und passivem Energietransfer (Sie merken, ich gewöhne mich an den Begriff) zu unterscheiden. Das Extrem des passiven ET sind die asiatischen Kampfsportarten: Der Gegner benutzt meine eigene Energie, um mich durch geschicktes Umlenken derselben aufs Kreuz zu legen. Ähnlich in der Kampfdialektik: Der andere nutzt meine eigenen Worte, um mich durch geschicktes Umlenken von deren Bedeutung (z.B. durch ein Reframing) auf ebendieselbe Stelle zu legen. Für diese passive Umlenkung ist keine neue Energiequelle erforderlich: Für die perfekte Bruchlandung reicht der umgelenkte eigene Schwung. Allerdings halten solche passiven Umlenkungen nur so lange vor, bis sich der Betroffene wieder aufgerappelt hat.

Das andere Extrem des "aktiven ET" sind jene Saulus-Paulus-Wandlungen. Aktiv sind sie insofern, als dafür ein "Erweckungserlebnis" nicht ausreicht; vielmehr ist eine aktive, mutige und konsequente Entscheidung erforderlich – einschließlich der Bereitschaft, die "sozialen Nebenwirkungen" dieser 180-Grad-Kehre auf sich zu nehmen. Das setzt eine neue Energiequelle voraus, woher sie auch immer kommen mag.

(Übrigens gibt es auch Paulus-Saulus-Wandlungen: Ich denke da an jene Lehrer, die ihren Beruf mit hehren Zielen angetreten haben und sich binnen weniger Jahre zu zynischen, kalten, harten Paukern entwickeln. Wobei Ähnliches ja auch bei Führungskräften schon beobachtet worden sein soll. Interessanterweise fällt es (wenigstens mir) leichter, diesen Wandel vom Paulus zum Saulus zu verstehen als umgekehrt: Offenbar sind Sicherungstendenzen (Adler, 1911) bzw. Abwehrmechanismen (Freud, 1921) leichter nachvollziehbar als eine bewusste Neuentscheidung. – Aber auch der Wandel vom Paulus zum Saulus wäre ein "aktiver ET".)

Des Weiteren gibt es offenbar auch Zwischenstufen zwischen AET und PET: Etwa, wenn sich ein Mitarbeiter entscheidet, Veränderungen, denen er sich nicht gewachsen fühlt, nicht mehr zu bekämpfen, sondern stattdessen an einer angebotenen Fortbildung teilzunehmen. Hier bleibt die Energiequelle die gleiche, nämlich Angst vor Überforderung, aber sie wird auf ein anderes Ziel umgelenkt – im Grunde ähnlich wie oben in den Beispielen meiner Frau. Vielleicht sind es genau solche Energietransfers, über die Sie mit Ihren Forschung mehr herausfinden sollten?

So, dabei lasse ich es mal, sonst fällt mir noch mehr ein.

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Anzahl Nachrichten: 5 - Seiten (1): [1]
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