|
|
Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
|
|

|
Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
|
| |
Neu von Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
|
|

|
Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
|
| |
Anzeige
|
|
|
Willkommen im Change Management-Forum! Das Forum wurde abgeschaltet. Sie können darin weiterhin recherchieren, jedoch keine Beiträge mehr einstellen. | |
Anzahl Nachrichten: 21 - Seiten (1): [1]
Autor: Menschin
Erstellt: 18.02.2008 - 17:54
Betreff: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo und Guten Tag, lieber Leser, liebe Leserin!
Damit das Thema Ermutigung wieder den Stellenwert erhält, den ich ihm zugedacht hatte, eröffne ich einen neuen Thread.
Zur Erinnerung ein paar Schnippsel der begonnenen Diskussion:
Zitat meines 1. Eintrags:
"Theoretisch betrachtet ist Ermutigung im Sinne der Individualpsychologie (IP) ein einfaches Gebäude bestehend aus einem
Fundament = Ermutigung,
zwei Säulen : Säule 1 = Annehmen der Person, Säule 2 = Beitragen/Tun und einem Querträger = das Zugehörigkeitsgefühl.
Ein Mensch, der ermutigt ist, einerseits aus sich selbst heraus, andererseits durch seine Mitmenschen, trägt zum Leben bei und fühlt sich zugehörig.
Ein entmutigter Mensch trägt nicht bei und fühlt sich nicht zugehörig. Die Konsequenzen kann sich jede/r Leserin lebhaft vorstellen."
Zitat 1 aus Herrn Berners Antwort:
"Stattdessen würde Ermutigung genau darauf zielen, die Verbindung "zwischen Tat und Täter" zu stärken. Haben Sie eine Erklärung für den Unterschied?"
Zitat 2 Herr Berner:
"(Außer, wenn der eigentliche Zweck der Anstrengung darin bestand, Aufmerksamkeit und Anerkennung auf sich zu ziehen – dann würde deren Ausbleiben zur entmutigenden Enttäuschung.)"
Zitat 3 Herr Berner:
"Eine andere Frage: Haben Sie aus Ihrer Praxis Erfahrungen damit, inwieweit die Ermutigung von Erwachsenen gleich oder anders funktioniert als die von Kindern? Und welche Veränderungen sich ggf. im betrieblichen Kontext ergeben?"
Hier die Antwort - weniger als Gesamtkunstwerk, denn als Teilantworten ...
Verbindung zwischen "Tat und Täter" zu stärken ... nein, eben nicht. Die Individualpsychologie trennt ganz klar zwischen Tat und Täter. Adler selbst sagt dazu: " Der Mensch ist von Natur aus nicht böse. Was auch ein Mensch an Verfehlungen begangen haben mag, wenn er verführt ist durch seine irrtümliche Meinung vom Leben, es braucht ihn nicht zu edrücken. Er kann sich ändern. Die Vergangenheit ist tot. Er ist frei, glücklich zu sein und andere zu erfreuen."
Teil 1:
Ermutigung ist die Haltung eines Menschen, definitiv keine Verhaltensweise. So kann ich einem Menschen, der etwas schlechtes getan hat, dennoch als Person wohlwollend gegenüber stehen, die Tat an sich verurteilen. In unserer heutigen Gesellschaft haben wir ganz klar Schwierigkeiten damit, Tat und Täter zu trennen, schließlich wird ein gerichtlich Verurteilter als Person in Gefängnis geschickt und nicht seine Tat. (Exkurs: Es gibt Gefängnisse, die mit dem Thema Ermutigung im Umgang mit Inhaftierten begonnen haben, die Erfolge sollen extrem ermutigend sein. Leider fehlt mir die Quelle dazu.)
Teil 2:
Ermutigung ist - s.o. - eine Haltung, die aus dem sicheren Wissen heraus entsteht: "So wie ich bin, bin ich gut genug." d.h. übersetzt: mit meinen Fähigkeiten, meinem Wissen, meinem Beitrag zur Gesellschaft und zum Leben bin ich wichig, wertvoll und liebenswert, d.h. weiter übersetzt, ich bin vollwertig und garantiert nicht minderwertig. (Fragen Sie nicht, wieviele Tränen ich schon gesehen habe, wenn ich jemandem diesen Satz gesagt habe zum Weiterentwicklung.*1) Hier zeigt sich der Gedanke der Gleichwertigkeit in der IP.
Die ermutigende Haltung an sich reicht nicht aus. Wichtig ist eine weitere Grundregel "unseres" Alfred Adlers: "Mit den Augen des anderen sehen, mit den Ohren des anderen hören und mit dem Herzen des anderen fühlen." Erstaunlicherweise habe ich genau diese Gedanken - und nicht nur diese beiden - gerade bei Anselm Grün gelesen, der in seinem kleinen Buch "Menschen führen - Leben wecken" die Regeln des Benedikt erläutert für die Arbeit des Cellerars im Benediktinerorden (ich bin nicht bewandert in den Tätigkeiten innerhalb eines Ordens, aber eines habe ich verstanden, ein Cellerar ist wohl der "Wirtschafter" einer Ordensvereinigung, klingt nach Geschäftsführer). Adler hat demnach nichts grundlegend Neues erfunden, sondern es für die Menschen im "normalen" Leben formuliert und angewandt.
Herr Berner, sie sprachen auch von "Durststrecke in der Phase,wo die Anstrengungen noch nicht vom Erfolg gekrönt waren ...". Hier ist Ermutigung sehr wichtig, vor allem sich selbst ermutigen. NB: Das ist tatsächlich erlaubt, und hier komme ich wieder auf den obigen Teil zurück, gekennzeichnet mit *1: Ich bin wichtig, wertvoll und liebenswert, und so wie ich bin, bin ich gut genug. Die Durststrecke ist nur durch das anerkennen der eigenen Erfolge möglich. Das fällt uns aber schwer, schliesslich führen wir täglich ca. 4000 Selbstgespräche und ca. 3000 davon sind negativ. Eigentlich brauchen wir niemanden mehr, um uns selbst zu entmutigen, zu demotivieren, fertig zu machen.
Er-mutigung heißt also, gute Verhaltensweisen positiv verstärken und darauf achten, dass die Er-mutigung ankommt. Das fällt in unserer Gesellschaft so unendlich schwer, da wir mit Ent-mutigung aufgewachsen sind und (fast) keine Beispiele kennengelernt haben, die uns die positiven Auswirkungen der Er-mutigung zeig(t)en. Wir dürfen alle lernen, neue Verhaltensweisen zu praktizieren, die uns selbst und andere positiv weiter entwickeln. Nur macht das Neue, die Veränderung immer Angst, denn wir wissen ja nicht, ob etwas wirklich besser wird, wenn wir etwas ändern. Dazu brauchen wir Mut, Mut zu uns selbst und Mut zu anderen, Mut zu Neuem. Darin liegt der Schlüssel für den nachhaltigen Erfolg in unserem Leben und damit der Erfolg unserer Gesellschaft.
Zum Thema "Aufmerksamkeit bekommen", "ermutigt sein, Ziele zu verfolgen" können wir mit der IP in unsere Kindheit schauen. Welche Erlebnisse hatten wir, die uns entmutigt haben? Welche Erlebnisse führten uns dazu, unbedingt Aufmerksamkeit erringen zu müssen? Aufmerksamkeit erhalten zu wollen heißt im Sinne der IP nichts anderes, als entmutigt worden zu sein als Kind in einem wichtigen Augenblick, und wir wollen heute immer noch Aufmerksamkeit erringen. Das läuft im wesentlichen unbewusst ab. Und mit diesen Verhaltensweisen verletzen wir andere, rächen uns an anderen, ohne zu wissen, wieso wir das tun. Gerade Führungskräfte dürfen ihre eigenen Verletzungen anschauen, um zu sehen, welche Verletzungen, welche Rache sie weitergeben an ihre Umwelt. Aufmerksamkeit ist übrigens ein Nahziel und nahziele werden von Rudolf Dreikurs in seinen Büchern immer wieder diskutiert. Auch Erwachsene verfolgen diese Nahziele, sei es in der Partnerschaft, bei der Arbeit, in der Erziehung etc.
Letzter Teil für heute:
Erfahrung in der Ermutigung Erwachsener? JA! Als ich mit dieser Arbeit begann, IP-Beratung in Lebensfragen war mir nicht klar, wie ent-mutigt unsere Gesellschaft ist. Wie dankbar ein freundlicher Blick als non-verbale Er-mutigung angenommen wird... Wieviel Strahlen, Schönheit, Wissen, Eifer und Können aus den Menschen hervorbricht, wenn ich sie ermutige nach allen Regeln der Kunst der Er-mutigung, s.a. "Mut tut gut" von Theo Schoenaker in den Buchbesprechungen der Seite.
Ich hoffe und wünsche, dass die ge-post-eten Schnippsel klar genug sind in sich. Gerne beantworte ich Fragen zu den einzelen Punkten, wenn auch nicht immer zeitnah.
Alles Gute und viel Freude beim Testen der Ermutigung ihrer Mitmenschen wünscht
Christa Nehls
______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 4.5.2006
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:05
Betreff: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Frau Nehls,
hier wenigstens mal ein paar erste Gedanken und Anmerkungen:
Zuerst noch einmal zum Prinzip "Tat und Täter trennen": Ich bin ja völlig einig mit ihnen, dass dies ein zentrales Element jeder wertschätzenden Kritik und Auseinandersetzung ist. Auch dieses Prinzip ist ja im Kern eines der Ermutigung bzw. (des Vermeidens von) Entmutigung. Wenn wir Tat und Täter strikt trennen, vermitteln wir ja zugleich die ermutigende Botschaft: "Dein Handeln ist/war unangebracht / inakzeptabel / kriminell, und Du bist dafür voll verantwortlich und musst die Konsequenzen tragen. Dennoch bist Du als Mensch wertvoll und gleich-wertig, das heißt genauso viel wert wie ich und jeder andere. Und Du könntest (und solltest) anders handeln!"
Aber wollen wir beim Ermutigen auch zwischen Tat und Täter trennen? Also etwa: "Bleib dran, mach weiter so, aber sei nicht stolz auf Dich, sondern nur auf Deine Leistung, wenn Du es geschafft hast!" Oder wollen wir nicht tatsächlich den ganzen Menschen ("individual-psychologisch" = unteilbar) ermutigen und nicht nur seine Handlung? (BTW: Kann man überhaupt eine Handlung ermutigen, ohne zugleich den "Täter" zu ermutigen?
Bitte missverstehen Sie diese Bemerkungen nicht als Spitzfindigkeit oder gar als Katz-und-Maus-Spiel: Mir ist dieser Punkt nur an Ihrem ersten Beitrag aufgefallen, und ich suche selber nach einer schlüssigen Antwort. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir hier einer Asymmetrie des TuTt-Prinzips auf der Spur sind oder ob sich das Ermutigen ohne Gebrauch der Beißzange in das Prinzip integrieren lässt.
Das Ermutigung weniger eine Technik ist als eine Haltung, das heißt eine Grundeinstellung zu anderen Menschen, finde ich eine sehr zentrale und wichtige Aussage. Das "sichere Wissen, so wie man ist, gut genug zu sein", wie es Theo Schoenaker so treffend formuliert hat, spielt dafür eine Rolle, aber auch die Fähigkeit, sich selbst nicht so wichtig nehmen zu müssen. was ja am Ende nichts anderes ist als die persönliche Reife, die eigene Ichhaftigkeit halbwegs überwunden zu haben und dadurch offen für andere Menschen zu sein.
Genau deshalb misstraue ich auch im Management bzw. der Unternehmensführung die vielbeschworenen "großen Egos", die doch im Kern nur der fleischgewordene Appell sind: "Bewundere mich! Sag mir endlich, wie gut ich bin!" Die Fähigkeit und Bereitschaft, sich völlig uncharismatisch in den Dienst der Sache zu stellen – und genau dadurch Charisma zu gewinnen! –, ist, denke ich, das individualpsychologische Gegenprogramm zu dem, was Michael Maccoby als die Narcissistic Leaders bezeichnet hat.
So, dabei belasse ich es mal für heute. Auf das Thema "Ermutigende Führung" will ich zu einem späteren Zeitpunkt noch eingehen, aber dafür brauche ich etwas mehr Zeit als ich Sie momentan habe.
Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken!
Freundliche Grüße
Winfried Berner
Autor: Menschin
Erstellt: 18.02.2008 - 18:06
Betreff: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Herr Berner!
In meinem Gesicht stehen gerade viele Fragezeichen, vielleicht stehe ich auch nur auf der Leitung und komme nicht herunter. Wofür steht bitte TuTt-Prinzip? Wenn ich das weiß, bin ich bestimmt in der Lage, etwas dazu zu schreiben.
Noch einmal ein paar prinzipelle Worte:
Wir er-mutigen immer den ganzen Menschen, genauso wie wir ihn ent-mutigen. Da die meisten von uns nie so richtig er-mutigen gelernt haben, bleiben wir gerne bei dem, was wir können, auch wenn wir es nicht benennen können/wollen: wir ent-mutigen.
Dreikurs/Grey schreiben in "Kinder lernen aus den Folgen":
"Zur Ermutigung gehört wesentlich die Fähigkeit, das Kind als der Mühe wert anzunehmen ohne Rücksicht auf seine Mängel und ihm zu helfen, seine Fähigkeiten und Möglichkeiten zu entwickeln." … und weiter … "Wer ermutigen will, muss vor allem folgendes tun:
1. Wert legen auf das Kind, wie es ist
2. Vertrauen in das Kind setzen und es befähigen, Vertrauen in sich selbst zu haben
3. aufrichtig an die Fähigkeit des Kindes glauben und sein Vertrauen gewinnen beim Aufbau seiner Selbstachtung
4. eine Arbeit als "gut gemacht" anerkennen und ebenso die Anstrengung
5. die Familiengruppe benutzen, um die Entwicklung des Kindes zu erleichtern und zu verstärken
6. die Gruppe integrieren, so dass jedes Kind seinen Platz darin gesichert findet
7. bei der Entwicklung von Geschicklichkeiten fortlaufend helfen, um Erfolg zu sichern
8. Stärken und Vorzüge erkennen und stärken
9. das Interesse des Kindes benutzen, um zu konstruktiver Tätigkeit anzuspornen
Wenn wir jetzt wissen, das Adler sagte: "Wir alle sind Kinder in einer alternden Haut", dann kann es ja nur ein Leichtes sein, diese Reihe der Prinzipien auch auf Erwachsene zu übertragen und auf die Umfelder, in denen sie sich bewegen wie Familie, Arbeit und Gemeinschaft (= Freunde, Verein, Natur etc.).
Fusionen- und Aufkaufgeprüft erkenne ich alle ent-mutigenden Techniken dieser Zeiten wieder, wenn ich 1. - 9. in die ent-mutigende Form transponiere.
Wenn ich die mir bekannte Literatur anschaue, die mit dem Thema Ermutigung arbeitet, so fühle ich, dass wir mit der Diskussion der reinen Er-mutigung und der reinen Ent-mutigung wohl zu kurz greifen. Aus der Ermutigung ergeben sich Handlungs-/Verhaltensweisen, die u.a zu Zugehörigkeit, Gleichwertigkeit und Gemeinschaftsgefühl (bitte nicht mit WIR-Gefühl verwechseln) führen, aber sie zeigt auch eine wesentliche Vorbedingung auf für Ermutiger: die Gleichwertigkeit (CAVE: nicht zu Verwechseln mit Gleichberechtigung oder gar Feminismus et al.).
Oh, Sie hatten gefragt: "Kann man überhaupt eine Handlung ermutigen, ohne zugleich den "Täter" zu ermutigen?" Definitiv nicht, weil beides untrennbar/unteilbar/individual/holistisch miteinander verbunden ist.
Schöne Zeit
Christa Nehls - Menschin
Autor: Mone
Erstellt: 18.02.2008 - 18:07
Betreff: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Guten Tag, liebe Leserinnen und Leser,
ich bin neu in diesem Forum und schreibe auf Wunsch von Christa Nehls, die ich gut und lange kenne, zu diesem Thema.
Christa, du fragst, ob die Ermutigungs-Strategien, die bei Kindern angewendet werden, auch bei Erwachsenen funktionieren.
Wie ich dir schon am Telefon sagte, sind die Strategien bzw. Methoden identisch. Die Umsetzung ist natürlich eine andere.
Die Herausforderung ist weniger die Strategie, sondern vielmehr das Erkennen des Erwachsenen, wann er einen Erfolg aufgrund der Ermutigung erzielt hat.
Erwachsene definieren Erfolg anders als Kinder und Erwachsene haben die Eigenart, Grundsatzaussagen anzuzweifeln.
Das ist insofern berechtigt und therapeutisch von Bedeutung, als das wir uns darüber im Klaren sein müssen, dass Anerkennung in unserer Gesellschaft über Geld erfolgt.
Die beste Ermutigung nutzt nichts, wenn nicht am Ende ein Gewinn in Euro dabei herauskommt, der die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht.
Ich kann sagen: "Du hast Talente, bist liebenswert etc.."
Dafür kann sich der andere noch nichts kaufen.
Er sollte vielmehr erkennen, dass seine Talente der Schlüssel zu dem von ihm gewünschten Erfolg sind.
In dieser Woche sprach in der Sendung "Menschen bei Maischberger" ein Wissenschaftler über dieses Thema und Phänomen unserer Zeit.
Theoretisch können wir viele Gedanken austauschen, mir liegt die Praxis sehr viel näher, weil ich täglich damit zu tun habe, weil die interne Kommunikation mein Spezialgebiet ist.
Wenn ein schwerbehinderter Mitarbeiter zu mir kommt und sagt, er würde seinen Arbeitsplatz aufgrund der Übernahme verlieren und drei Anwälte haben ihm bereits gesagt: "Als Schwerbehinderter finden Sie in ganz Deutschland keinen Job mehr", dann ist das eine Herausforderung, wo es nicht mehr reicht, auf Talente hinzuweisen.
Die Praxis sieht vielfach so aus, dass im Vorfeld sehr viel Porzellan zerschlagen wurde, sodass die Hauptaufgabe zunächst darin besteht, gründlich auszufegen. Auf den Trümmern kann nichts Neues wachsen.
Entmutigten Menschen ihre Handlungsaktivität zurückzugeben ist das Hauptziel.
In der Medizin wird häufig von stimulieren gesprochen.
Zur Ermutigung gehört das Stimulieren, setzen bestimmter Reize, um diese zum Teil sehr dicke Wand der Abwehr und (Selbst)Zweifel überhaupt anzukratzen.
Am Wochenende bin ich unterwegs. Ich komme erst Montag dazu, wieder ins Forum zu schauen, oder heute abend noch mal.
Liebe Grüße
Mone
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:08
Betreff: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Frau Nehls,
sorry, mit dem "TuTt-Prinzip" wollte ich Sie nicht verwirren, da ist bloß mal wieder mein Übermut mit mir durchgegangen. Gemeint ist das individualpsychologische Prinzip, "Tat und Täter (zu) trennen", über das wir in den vorausgegangenen Beiträgen diskutiert hatten.
Insofern liefert Ihr letztes Statement den unmittelbaren Anknüpfungspunkt. Ich teile völlig Ihre Auffassung, dass es nicht möglich ist, eine Handlung ermutigen, ohne zugleich den "Täter" zu ermutigen, weil, wie Sie schrieben, "beides untrennbar/unteilbar/individual/holistisch miteinander verbunden ist."
Genau deshalb komme ich zurück auf meine Ausgangsfrage: Wenn wir bei kleinen und großen Übeltaten zwischen Tat und Täter trennen, dann muss hier ja genauso (und "trotzdem") das individualpsychologische Prinzip der Ganzheitlichkeit gelten - beginnend mit der banalen Tatsache, dass wir nicht die Tat ins Gefängnis sperren und den Täter in Freiheit lassen können.
Auf der Basis Ihrer Anmerkungen kann ich meine Frage nun auch präziser formulieren: Wie verträgt sich das (meines Erachtens sehr sinnvolle) Prinzip, zwischen Tat und Täter zu trennen, mit dem (für mich ebenfalls zentralen) Prinzip der Unteilbarkeit der Persönlichkeit?
Freundliche Grüße
und ein schönes (Regen?)Wochenende
Winfried Berner
PS: Hallo Mone, vielen Dank für Ihre Anmerkungen! Ich will im Laufe des Wochenendes versuchen, Ihre Vorlage aufzunehmen und zu verlängern ...
Freundliche Grüße
W.B.
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:08
Betreff: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Mone,
hallo Frau Nehls,
vielen Dank für Ihre Beiträge: Es freut mich sehr, dass das Thema Ermutigung doch einige Resonanz auslöst. Denn ich glaube wirklich, dass es eines der Schlüsselthemen unserer Zeit ist.
Mir leuchtet ein, dass die Grundstrategien und Methoden der Ermutigung bei Erwachsenen prinzipiell die gleichen sind wie bei Kindern. Das ist insofern eine gute Nachricht, als danach das alte Ermutigungsbuch von Dinkmeyer und Dreikurs mit ein bisschen gedanklicher Anstrengung auch als Ratgeber für die Ermutigung von Erwachsenen gelesen werden kann, in Ergänzung zu Theo Schoenakers Referenzwerk Mut tut gut.
Trotzdem scheint mir die Ermutigung von Erwachsenen ein noch schwierigeres Geschäft zu sein als die von Kindern, weil ihr Lebensstil / Charakter bereits sehr viel gefestigter, man könnte auch sagen, verhärteter ist. Das heißt, Erwachsene sind nicht mehr ohne Weiteres bereit, sich ermutigen zu lassen: Das würde Sie ja von ihren Meinungen über sich selbst und über die Welt abbringen! Sie haben im Gegenteil gelernt, effiziente Entmutiger ihrer Ermutiger zu sein.
Deshalb setzt sich leider auch im beruflichen wie im privaten Alltag die Entmutigung sehr häufig gegen die (Versuche der) Ermutigung durch. Ihr Beispiel mit dem Schwerbehinderten scheint mir ein (vermutlich realitätsnahes) Beispiel dafür zu sein, wie eine wirksame "Entmutigung von Ermutigung" funktioniert. Ist das vielleicht eine neue Variante von "Wetten, dass ...": "Wetten, dass Sie es nicht schaffen, jemanden wie mich zu ermutigen?"
Die Hürde für Ermutiger scheinen Sie, Mone, mir zusätzlich in die Höhe zu schrauben mit Ihrer Bemerkung: "Die beste Ermutigung nutzt nichts, wenn nicht am Ende ein Gewinn in Euro dabei herauskommt ..." Diese Forderung bürdet Menschen, die ermutigend wirken wollen, eine zusätzliche und kaum einlösbare Verpflichtung auf. Denn wenn alles, was nicht zu einem "Gewinn in Euro" führt, "nichts nutzt", dann wäre es doch das Gescheiteste, sich von dem kaum erreichbaren Ziel der Cash-Flow-wirksamen Ermutigung so weit wie möglich fern zu halten, oder? Erst recht, wenn Sie dann noch fordern, "entmutigten Menschen ihre Handlungsaktivitäten zurückzugeben". Abgesehen davon, dass man nur zurückgeben kann, was man zuvor weggenommen hat: Wer sind wir denn, dass wir die Herren (oder Herrinnen) über die Handlungsfähigkeit und -bereitschaft anderer Menschen wären?!
Mone, ich glaube, gerade weil unser Ziel ist, die, wie Sie treffend schreiben, "zum Teil sehr dicke Wand der Abwehr und (Selbst)Zweifel überhaupt anzukratzen", sollten wir ein wenig behutsamer und weniger überfordernd mit uns selbst umgehen. Ermutigung ist meines Erachtens auch dann sinnvoll, wenn nicht sicher ist, dass sie sich in Euro auszahlt – und selbst dann, wenn sie sich vielleicht überhaupt nicht "auszahlt".
Das Ermutigen ist prinzipiell immer ein Risiko, das heißt, ein Bemühen mit offenem Ausgang. Denn am Ende bleibt es immer die Entscheidung des anderen, ob er neuen Mut schöpft. Insofern ist der Begriff "Ermutigung" sogar ein wenig irreführend, denn wir haben ja keinen direkten Zugriff auf den Mutpegel unserer Mitmenschen, sondern können sie nur möglichst geschickt, einfühlsam und hartnäckig dazu anregen, selbst neuen Mut zu fassen und trotz aller pessimistischen Überzeugungen noch mal einen neuen Versuch (oder auch zehn oder zwanzig davon) zu machen.
Sollten wir das Wagnis der Ermutigung wirklich nur dann eingehen, wenn wir damit rechnen können, dass es sich auszahlt? Nach meinem bisherigen Verständnis ist Ermutigung (beinahe) das genaue Gegenteil: die Bereitschaft, auch dann selbst mutig zu sein und anderen Menschen Mut zu machen, wenn der Ausgang völlig ungewiss ist. Nur dann haben wir doch die Chance, die "zum Teil sehr dicke Wand ... überhaupt anzukratzen". Das bleibt ein Spiel mit ungewissem Ausgang – und scheint mir dennoch der Mühe wert!
Was Sie am Beispiel des gekündigten Schwerbehinderten ansprechen, macht meines Erachtens ein anderes Problem sichtbar: Offenbar gibt es Situationen, die von den ganzen Rahmenbedingungen her so dramatisch sind, dass auch wir, die wir gerne ermutigend wirken wollen, den Mut verlieren. Wenigstens für den Moment, aber vielleicht auch nicht nur für den Moment. In dieser Situation bringt es nichts, das scheinen Sie mir indirekt auch zu sagen, zum "Ermutigungstechnokraten" zu mutieren und wider die eigene Betroffenheit und Überzeugung pseudo-ermutigend daherzuschwätzen. Es bringt aber auch nichts, sich selbst unter den zusätzlichen Druck zu setzen, man müsse nun unbedingt eine Euro-werte Ermutigung produzieren. Vielleicht hilft es da eher, sich klar zu machen, dass es schon ein kleiner Impuls der Ermutigung sein kann, den Betreffenden in dieser Situation nicht sich selbst zu überlassen, sondern ihm ein Begleiter zu sein – und sei es auch nur ein genauso hilfloser Begleiter. Prinzipiell ist es ja in jeder Trauersituation so, dass erst einmal die Trauer bewältigt sein will, bevor man sich an die von Ihnen angesprochenen "Aufräumungsarbeiten" machen kann ...
Freundliche Grüße
Winfried Berner
Autor: Menschin
Erstellt: 18.02.2008 - 18:09
Betreff: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Herr Berner!
Zitat: "..., sollten wir ein wenig behutsamer und weniger überfordernd mit uns selbst umgehen."
Dieses Zitat erinnert mich an den letzten Vortrag, den wir in der Selbsthilfegruppe Schmerzen hörten. Es ging um das Thema Selbstachtsamkeit (NB: Im Buddhismus ein sehr wesentlicher Bestandteil des Lebens.). u.a. sprach der Referent, der schon seit vielen Jahren Trauergruppen begleitet, von "Barmherzigkeit", nicht nur mit anderen, sondern vor allem mit sich selbst. Alle Zuhörer und der Vortragende waren sich einig, dass das Wort "Barmherzigkeit" aus dem christlichen Glauben stark vorbelastet ist, dennoch hat bisher niemand ein besseres Wort gefunden.
Freundliche Grüße und eine schöne Woche
Christa Nehls
Autor: Mone
Erstellt: 18.02.2008 - 18:13
Betreff: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Herr Berner,
vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort.
Ich schaue, ob ich den HTML-Befehl der kursiven Schrift in meiner Antwort umsetzen kann, zur besseren Lesbarkeit.
Ihre Zitate setze ich kursiv.
Sie schreiben:
Trotzdem scheint mir die Ermutigung von Erwachsenen ein noch schwierigeres Geschäft zu sein als die von Kindern, weil ihr Lebensstil / Charakter bereits sehr viel gefestigter, man könnte auch sagen, verhärteter ist. Das heißt, Erwachsene sind nicht mehr ohne Weiteres bereit, sich ermutigen zu lassen: Das würde Sie ja von ihren Meinungen über sich selbst und über die Welt abbringen! Sie haben im Gegenteil gelernt, effiziente Entmutiger ihrer Ermutiger zu sein.
Das sehe ich genauso.
Erwachsene haben sich Glaubenssätze erworben, zum Teil konditioniert durch Erziehung in der Kindheit. Ein Anfang ist, das Thema Glaubenssätze anzusprechen und zu ermutigen (ermuntern gefällt mir besser), das eigene Leben auf Glaubenssätze zu untersuchen und diese aufzuschreiben. Das kann und darf mehrere Tage dauern.
Diese Form der Klärung, denn für den Entmutigten beginnt hier Klärung, ist eine gute Vorarbeit, eine stabile Basis, auf der sich etwas aufbauen lässt.
Erfolgreiche Ermutigung erfahren wir immer dann, wenn die Basis stabil ist.
"Wetten, dass Sie es nicht schaffen, jemanden wie mich zu ermutigen?"
Ja. Diese Erfahrung mache ich.
Ich habe für mich akzeptiert, dass es Menschen gibt, die leiden wollen. Sie wollen ihren Blickwinkel nicht ändern und sie wollen keine Lösung für ihre Aufgaben.
Ein Grund, der immer wieder angeführt wird, ist: "Das hat ja Konsequenzen."
Jede Handlung hat Konsequenzen! Das beginnt beim Betanken meines Autos, zieht sich über den Wocheneinkauf und endet beim Gespräch mit dem Chef.
Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, zu erkennen, dass Angst der Grund für das Beibehalten einer Situation ist.
Angst lähmt, macht handlungsunfähig.
Ob die Konsequenz positiv oder negativ ist, bestimmen wir selber, weil wir selber die Wertung vornehmen.
Warum ist es schlecht, wenn ich meinen Arbeitsplatz durch eine Firmenübernahme verliere? Kann es nicht sein, dass es eine Chance ist?
Und wer gibt mir die Gewissheit, dass drei Anwälte im Recht sind mit ihrer Behauptung.
Ich habe die Gegenprobe gemacht und drei gegensätzliche Aussagen gehört.
Da steht es nun 3:3 und der Betroffene kann sich entscheiden, ob er einen von den mir bekannten Anwälten nimmt, die motiviert und frohgemut voranschreiten oder ob er den Kampf erst gar nicht aufnimmt, weil es ja sowieso keinen Sinn macht (nach seinem Dafürhalten, welches schlussendlich eine übernommene Meinung bzw. Bestätigung ist).
Mir ist es wichtig, dass der andere die Mechanismen erkennt, die bei ihm wirken.
Ein Optimist kann auch seinen Arbeitsplatz verlieren. Er wird jedoch schneller wieder einen neuen haben, weil er sich erst gar nicht lange mit Wehklagen aufhält.
Die Hürde für Ermutiger scheinen Sie, Mone, mir zusätzlich in die Höhe zu schrauben mit Ihrer Bemerkung: "Die beste Ermutigung nutzt nichts, wenn nicht am Ende ein Gewinn in Euro dabei herauskommt ..." Diese Forderung bürdet Menschen, die ermutigend wirken wollen, eine zusätzliche und kaum einlösbare Verpflichtung auf. Denn wenn alles, was nicht zu einem "Gewinn in Euro" führt, "nichts nutzt", dann wäre es doch das Gescheiteste, sich von dem kaum erreichbaren Ziel der Cash-Flow-wirksamen Ermutigung so weit wie möglich fern zu halten, oder? Erst recht, wenn Sie dann noch fordern, "entmutigten Menschen ihre Handlungsaktivitäten zurückzugeben". Abgesehen davon, dass man nur zurückgeben kann, was man zuvor weggenommen hat: Wer sind wir denn, dass wir die Herren (oder Herrinnen) über die Handlungsfähigkeit und -bereitschaft anderer Menschen wären?!
Wenn einem Menschen Hartz IV droht, dann stellt er zu recht die Frage nach dem Cash-Flow.
Dass der Cash-Flow das persönliche Ziel ist, ist völlig o.k.
In der Ermutigung sollte deutlich werden, dass der Weg das Ziel ist.
Beispielsweise kann ein Entmutigter durch den Anschluss an eine Yogagruppe innere Ruhe erreichen, die er braucht, um sein Leben zu sortieren, sich Ziele zu setzen, seine Handlungsaktivität zurückzugewinnen.
Ein Ermutiger sollte schon in der Lage sein, "Vehikel" anzubieten, mit denen der Entmutigte seinen Weg finden und gehen kann. Das ist keine Latte, die zu hoch gesetzt ist.
Indirekt gebe ich einem Betroffenen die Handlungsaktivität über sein Leben damit zurück.
Gerade aus der Arbeit mit Schmerzpatienten weiß ich - und ich weiß das sehr genau, weil ich selbst betroffen bin - dass eine Vielzahl der Patienten erwarten, eine Art Masterplan vorgelegt zu bekommen.
So funktioniert das nicht.
Ich kann einem anderen Möglichkeiten aufzeigen, seinen individuellen Masterplan muss er sich selber schreiben.
Was für mich gut ist, was mir geholfen hat, muss einem anderen noch lange nicht helfen und es muss noch lange nicht gut für ihn sein. Das ist abhängig von der Persönlichkeit, Lebenserfahrungen usw.
Sollten wir das Wagnis der Ermutigung wirklich nur dann eingehen, wenn wir damit rechnen können, dass es sich auszahlt?
Ermutigung sehe ich nicht als Wagnis.
Einem Entmutigen Mut, vor allem Lebensmut zurückzugeben sehe ich vielmehr als Akt der Nächstenliebe und Barmherzigkeit im christlichen Verständnis.
Ich frage mich nicht, wie hoch der Gewinn für den anderen am Ende ist. Das kann weder ich noch der andere vorhersagen. Der Erfolg oder das was als Erfolg definiert wird orientiert sich daran, wie aktiv ein Mensch sein Leben (wieder) gestalten will.
Abgesehen von alledem hilft es weder dem Ermutiger noch dem Entmutigten gesellschaftliche Werteentwicklungen zu negieren. Es gefällt mir ebensowenig wie Ihnen, dass Menschen in Euro gemessen werden.
Verlust sozialer Kontakte, Vereinsamung, keine Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben usw. sind die Folge der "Euromessung". Das kann ich nicht ändern. Ich kann als Gegengewicht den Einzelnen auf sich selbst zurückführen, sodass er in der Lage ist, sich selbst zu helfen und auch seine Werte zu finden.
Ich habe meine Phytotherapeutenausbildung beispielsweise nicht gemacht, um andere zu behandeln. Ich habe sie gemacht, um andere in die Lage zu versetzen, sich selber zu helfen, in einer Zeit, in der Medizin für etliche Menschen fast unerschwinglich geworden ist.
Wenn ich für jeden "heißen Tipp" Geld nehmen würde, dann wäre ich Rockefeller. Das wär vielleicht toll - oder auch nicht.
Ich fühle mich ermutigt und auch glücklich, wenn ich als Rückmeldung bekomme, dass eine Rezepturempfehlung geholfen hat, es dem anderen besser geht, er einen Lebensqualitätsgewinn hat und den definiert er selbst, nicht ich.
Ermutigung ist keine Einbahnstraße. Der Ermutiger bekommt etwas zurück, was ihn immer weitermachen lässt.
Alle Menschen brauchen Bestätigung, Anerkennung, Liebe, Zuwendung, Lob usw.
Diese "weichen" Faktoren, wie es in der Wirtschaft heißt, fanden eben dort gar nicht mehr statt. Die Zeiten ändern sich, dem Himmel sein Dank!
Lesen Sie die Stellenprofile großer Unternehmen. Seit einiger Zeit sind die weichen Faktoren höher gewichtet als die "harten Fakten" wie Schulabschluss, Studium usw.
Warum wohl?
In dieser Situation bringt es nichts, das scheinen Sie mir indirekt auch zu sagen, zum "Ermutigungstechnokraten" zu mutieren und wider die eigene Betroffenheit und Überzeugung pseudo-ermutigend daherzuschwätzen.
Die Menschen sind zum Glück sehr unterschiedlich, sonst wäre es auch langweilig auf diesem Planeten.
Ich meide ganz bewusst "Technokratentum" und arbeite rein praktisch. Alltagstaugliche Lebenshilfe hilft mir am meisten und ich ziehe deshalb Menschen an, die ebenfalls mit alltagstauglicher Hilfe besser zurechtkommen als mit langatmigen philosophischen Erklärungen, wie etwas funktionieren könnte.
Mich interessieren die Wissenschaft, Philosophie, Psychologie usw., weil ich daraus Techniken entwickeln kann.
Meine Berufung im sprichwörtlichen Sinne ist die Sprache und allem was mit Sprache zu tun hat. Ich kommuniziere mit Menschen und bringe ihnen bei, wie sie mit sich und ihrer Umwelt (wieder) erfolgreich in Kontakt treten können.
Von daher freut es mich sehr, dass in Deutschland seit einiger Zeit endlich die Poesietherapeutenausbildung angeboten wird, die ich auch ab diesem Jahr absolvieren werde.
Eine positive und kraftvolle Sprache ist der Schlüssel zu Mut und Erfolg, weil die Sprache unmittelbaren Einfluss auf das Denken hat.
[...] sondern ihm ein Begleiter zu sein – und sei es auch nur ein genauso hilfloser Begleiter.
Ich bin lieber ein ehrlicher Begleiter als ein hilfloser.
Wenn ich aktuell keine Möglichkeit der direkten Ermutigung sehe, dann sage ich das und ich sage auch warum. Der Entmutigte soll selber entscheiden, ob es ihm wichtig ist, dass ich einfach da bin, mit ihm gemeinsam im dunklen Keller sitze, weil es zu zweit leichter ist dort zu sitzen oder ob er lieber alleine sitzen mag oder sich anderweitig umschaut.
Inzwischen habe ich mich auf Ihrer Homepage umgeschaut und finde diese außergewöhnlich informativ und hilfreich.
Ich bin in vielem bestätigt worden und ich fühle mich bei einigen Themen ermutigt, bei meinen Gedankengängen und Ansichten zu bleiben, auch wenn andere eine andere Meinung haben.
Viele Grüße und ein sonniges Gemüt trotz des Regens
Mone
Autor: Simone L.
Erstellt: 18.02.2008 - 18:13
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Lieber Herr Berner,
liebe Mitleser,
vor einiger Zeit habe ich mich hier registrieren lassen und heute denke ich, es hatte wohl seinen Grund!
Ich bin selbst über einen Vortrag zu Theo Schoenaker gekommen und habe anschließend das Ermutigungstraining mitgemacht.
Heute habe ich dann den Newsletter von Theo erhalten und mit Begeisterung gelesen, dass auch Sie hier erwähnt werden und damit schließt sich für mich irgendwo ein "Kreis".
Lange Zeit habe ich selbst überlegt, wie bringe ich den Menschen in unserem Unternehmen diese wohltuende und kräfteweckende Ermutigung, wie ich sie durch Theo erfahren durfte nahe, ohne mich in der ja so harten Arbeitswelt selbst in irgendeine Schublade als "Psychotante" zu befördern. Ich habe gelernt, dass garnicht viel dazu gehört als dass Gelernte einfach in die Tat umzusetzen, sprich zu leben und wenn es angenommen wird - wunderbar.
Die ganze Welt kann ich nicht verbessern, an dieser Stelle aber eine schöne Geschichte von Theo, die mir dazu spontan einfällt:
An einem Strand waren viele Seesterne an Land gespült worden, tausende oder millionen von Seesternen...
Ein Mann machte sich daran anzufangen jeden einzelnen Seestern wieder ins Meer zurückzuwerfen. Es kommt ein Spaziergänger vorbei und fragt den Mann "Was machst Du denn da, dass sind doch so viele Seesterne, dass macht doch überhaupt keine Sinn" da öffnet der Mann seine Hand und zeigt auf den Seestern und antwortet: "Für DIESEN macht es einen Sinn" !
Dass hat mich so berührt und macht mir noch heute eine Gänsehaut und ich habe den tiefen Glauben daran, dass es Sinn macht, dass wir Ermutigung leben, auch wenn wir nicht jeden Menschen damit erreichen können.
In diesem Sinne eine ermutigende Woche und Danke, dass es Menschen wie Sie gibt.
Simone
Autor: Menschin
Erstellt: 18.02.2008 - 18:16
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Herr Berner und alle anderen Mitschreiber!
Wir hatten wider Erwarten und Wettervorhersorge ein warmes (25 Grad C) und trockenes Wochenende, besonders der Sonntag war schön.
Mone, das ist eine gute Idee, Zitate kursiv zu schreiben. Die übernehme ich gleich mal:
Um unsere Diskussion wieder aufzunehmen hier Ihre Frage:
Auf der Basis Ihrer Anmerkungen kann ich meine Frage nun auch präziser formulieren: Wie verträgt sich das (meines Erachtens sehr sinnvolle) Prinzip, zwischen Tat und Täter zu trennen, mit dem (für mich ebenfalls zentralen) Prinzip der Unteilbarkeit der Persönlichkeit?
So hätte vermutlich Adler geantwortet:
„Alle meine Konzepte sind hilfreiche Konstruktionen, keine absoluten Wahrheiten, und bei der Wissenschaft geht es nur darum, immer nützlichere Konstruktionen zu erstellen.“
Wohlan:
Die Ganzheitlichkeit/der Holismus/die individualpsychologische Sicht auf den Menschen wurde von Jan C. Smuts, ein südafrikanischer Politiker, Philosoph, Staatsmann und General, ausformuliert 1912 und 1926, und fand als Holismus folgenden Eingang im „Oxford English Dictionary:
„The tendency in nature to form wholes, that are greater than the sum of the parts, through creative evolution” . Übersetzt ungefähr so: “Die Tendenz der Natur, Ganzheiten zu formen, die größer sind als die Summe ihrer Teile – durch kreative Evolution (Entwicklung).“ Oder nach Goethe u.a. „Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile.“
Adler bezog sich auf die Ausarbeitungen von Smuts, als er die Individualpsychologie begründete resp. ausformulierte und die Unteilbarkeit des Menschen definierte.
Dennoch bleibt Adler beim TuTt-Prinzip, auch wenn der Mensch ein unteilbares Ganzes ist. Schliesslich verfolgt der Mensch Ziele. Eines seiner Ziele kann durchaus entgegen der Gemeinschaft wirken, somit ist nicht der ganz Mensch gegen die Gemeinschaft oder der ganze Mensch schlecht. Es ist hier notwendig, die Tat vom Täter zu trennen, da die Tat alleine nicht den ganzen Menschen ausmacht. Würde das TuTt-Prinzip nicht angewandt, bleibt als Folge ausschliesslich die Ent-mutigung des Menschen, die es ja genau zu verhindern gilt.
Somit bleiben erst einmal die typischen IP-Fragen:
* Welches Ziel verfolgte der Mensch mit seiner Handlung?
* Was hat ge-fehlt, dass es zu diesem „Fehler“ kam?
* Welche Nahziele hat der Mensch verfolgt?
* usw.
Das wär’s für heute.
Freundliche Grüße
Christa Nehls - Menschin
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:23
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo liebe Ermutiger(innen),
zunächst ein herzliches Willkommen an Simone: Schön, dass es doch ein paar an Change Management interessierte Individualpsycholog(inn)en (oder an Individualpsychologie interessierte Change Manager) gibt und dass Sie sich hier zu unserer Ermutigungsdiskussion zusammenfinden!
Ich denke, dass wir damit nicht in Konkurrenz zu Frau Nehls jüngst eröffnetem Forum zur Individualpsychologie treten, auf das ich Interessierte hiermit ausdrücklich aufmerksam mache.
Mone, vielen Dank für Ihr ausführliches Statement! Es fordert mich an so vielen Stellen teils zum Widerspruch, teils zur Zustimmung heraus, dass ich mich beherrschen muss, damit meine Antwort nicht zu lang wird.
Ich beginne mit dem Stichwort, bei dem es mich am meisten "gerissen" hat, zumals es sowohl von Ihnen als auch von Frau Nehls hervorgehoben wurde:
"Barmherzigkeit"?!
Da Ihnen beiden dieser Begriff offenbar etwas bedeutet, will ich meine spontanen Reaktionen mäßigen. Aber ich will doch deutlich machen, dass mich dieser Begriff in unserem Zusammenhang eher erschreckt. Vielleicht liegt das an meiner katholischen Vergangenheit, die den Begriff Barmherzigkeit in einer engen Assoziation mit Gott verankert hat. Vielleicht geben Sie dem Begriff ja eine ganz andere Be-Deutung als ich, aber nach meinem Sprachgefühl beschreibt Barmherzigkeit eine asymmetrische und keine gleichwertige Beziehung. Oder ist Barmherzigkeit für Sie reversibel – können sich zwei Menschen wechselseitig mit einem Gefühl der Barmherzigkeit begegnen?
Mag ja sein, dass wir Menschen nach christlichem (oder monotheistischem) Verständnis auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind und für sie beten sollten. Selbst da habe ich persönlich das Gefühl, dass es sich dabei um eine Ausbeutung des, wie Adler herausgearbeitet hat, universal-menschlichen Minderwertigkeitsgefühls handelt. Aber selbst wenn Sie das anders sehen: Ist Barmherzigkeit wirklich eine anstrebenswerte Beziehungsqualität zwischen gleichwertigen Menschen? Oder ist es am Ende doch eine Position der Überlegenheit?
Mein "Gegenangebot" wäre, es statt Barmherzigkeit erst einmal mit Warmherzigkeit zu versuchen. Mag sein, dass Ihnen das um genau jenen Tick zu wenig ist, wie mir "Barmherzigkeit" zu weit geht. Doch Warmherzigkeit impliziert nach meinem Verständnis
(a) ein gleichwertiges Akzeptieren des anderen, so wie er ist (und nicht nur so, wie er nach meiner Meinung sein sollte oder müsste)
(b) Wohlwollen
(c) Geduld
(d) ein echtes Interesse an dem anderen und
(e) an dessen positiver Weiterentwicklung.
Das wäre gar nicht so schlecht für den Anfang, finde ich. Warmherzigkeit (obwohl ich diesen Begriff bislang noch nie verwendet habe) entspricht damit nach meinem Dafürhalten erstaunlich gut dem Ideal einer ermutigenden Grundhaltung.
Ich bin gespannt, was Sie beide dazu meinen – und wohin uns diese Diskussion führen wird.
Ermutigung, Entmutigung, Hilflosigkeit, Ehrlichkeit etc.
"Ich habe für mich akzeptiert, dass es Menschen gibt, die leiden wollen."
Im Prinzip ja. Aus der Tatsache, dass jemand seine Ermutiger entmutigt, lässt sich das allerdings noch nicht unbedingt schließen. Denn wenn ich selber fest davon überzeugt bin, dass ich auf einem bestimmten Gebiet hoffnungslos untalentiert, unfähig oder was auch immer bin, dann löst jede Ermutigung von außen ja erst einmal das Gefühl in mir aus, dass der andere bloß noch nicht begriffen hat, wie unfähig ich auf diesem Gebiet bin; zugleich reagiere ich auf seine Ermutigung mit Unwillen, weil ich keine Lust habe, mir mit einem erneuten Versuch eine erneute Niederlage und schmerzliche Bestätigung meiner Unfähigkeit einzuhandeln.
Das ist wohl genau der Punkt, der die Ermutigung von Erwachsenen sehr viel schwieriger macht als die von Kindern und Jugendlichen: Wir "wissen" längst sehr viel genauer, wie wir sind, wo unsere Stärken und wo unsere (unabänderlichen) Schwächen liegen; unser Grad an Resignation ist auf bestimmten Gebieten sehr viel tiefer und unbeirrbarer. Ein Kind, das sich zum Beispiel für unmusikalisch oder für mathematisch unbegabt hält, ist sehr viel leichter (aber deswegen noch lange nicht "leicht") dazu zu verführen, sich selbst noch einmal eine Chance zu geben als ein Erwachsener, der "einfach weiß", das es keinen Zweck hat – und gerade deshalb seine Ermutiger entmutigt.
Ich bin voller ehrlicher Bewunderung für Leute, die es schaffen, Menschen – und speziell Erwachsene – auf den Gebieten ihrer Resignation zu ermutigen. Allerdings zeigt das Beispiel vieler "Motivationstrainer", die ja durchaus oft eine kurzfristige sehr starke Ermutigung bewirken, dass Ermutigung einen langen Atem braucht und sich in ihr Gegenteil verkehrt, wenn nach dem Höhenflug des "Du kannst alles erreichen" der Bodenkontakt umso ruppiger ausfällt.
"Ich bin lieber ein ehrlicher Begleiter als ein hilfloser."
Vermutlich wäre jeder lieber ein ehrlicher Begleiter als ein hilfloser, wenn er/sie/es die Wahl hat. (Das ist so wie mit reich und gesund vs. arm und krank.) Dumm ist, wenn man die Wahl nicht hat: Auch für gute, erfahrene, mutige Berater gibt es Situationen, in denen sie sich hilflos fühlen. Ihrer Forderung nach Ehrlichkeit stimme ich bereitwillig zu, nur mit dem Hinweis, dass Ehrlichkeit die Hilflosigkeit nicht aufhebt. Trotzdem gehe ich einig mit Ihnen, dass es fair ist, dem anderen die Entscheidung darüber zu überlassen, was er damit macht. Zumal er sie sowieso hat.
"Ermutigung sehe ich nicht als Wagnis."
Ermutigung wird zum Wagnis, wenn Sie sie an den Erfolgsdruck koppeln, dass sie wirken muss, und zwar am besten messbar in Euro. Sie ist dann (und nur dann) kein Wagnis, wenn wir den Gedanken akzeptieren, dass es letztlich alleine in der Hand des Adressaten liegt, ob er Ihren Impuls aufgreift und etwas daraus macht. Genau deshalb ist mir wichtig, dass Sie und andere Ermutiger sich nicht unter den Erfolgsdruck setzen, dass dabei ein "Gewinn in Euro" herauskommen muss.
"Wenn einem Menschen Hartz IV droht..."
Ja, einverstanden. Nur: Es ist sein Job und nicht mein Job, für diesen Cash-Flow zu sorgen. Ermutigung kann, da bin ich mit Ihnen einig, sehr wohl Cash-Flow-wirksam sein, sofern sie (a) qualifiziert ist und (b) angenommen und (c) umgesetzt wird. Daran ist auch nichts Verwerfliches; mir ist nur wichtig, dabei die Selbstverantwortung jedes Einzelnen für sein Handeln nicht zu verwischen. Das scheinen Sie mir letztlich auch zu sagen, wenn Sie schreiben: "Ich kann einem anderen Möglichkeiten aufzeigen, seinen individuellen Masterplan muss er sich selber schreiben." So ist es!
[url]"... hilft es weder dem Ermutiger noch dem Ermutigten, gesellschaftliche Wertentwicklungen zu ignorieren. Es gefällt mir ebensowenig wie Ihnen, dass Menschen in Euro gemessen werden."[/url]
Nicht ganz einverstanden. Zwar können und sollten wir gesellschaftliche Wertentwicklungen in der Tat nicht ignorieren, aber wir können die Gleichwertigkeit aller Menschen auch schlecht unter den Vorbehalt eines ausreichenden Kontostands stellen. Hilfreich erscheint mir da Adlers Unterscheidung der Lebensbereiche. Für den Lebensbereich Beruf ist Geld ein zentraler Indikator. Es bestimmt zwar nicht unseren Wert ("he's 300.000$ worth"), aber es ist unzweifelhaft ein Maß für den Wert, den wir schaffen. (Auch wenn einige "Marktanomalien" kaum zu bestreiten sind.)
In den Lebensbereichen Liebe und Gemeinschaft ist zwar so, dass sich der Kontostand auch hier erheblich auf die verfügbaren Handlungsoptionen und Gestaltungsmöglichkeiten auswirkt. Das ist übrigens keine so neue Entwicklung; das war in Freuds und Adlers Wien auch schon so. Dennoch ist Geld in diesen Lebensbereichen nicht der Maßstab, und ich meine, wir sollten uns gesellschaftlichen Wertentwicklungen, die in diese Richtung gehen, mit Nachdruck entgegenstellen.
Zwar gibt es natürlich unzählige Firmen, die nur an unserem Besten interessiert sind und uns deshalb suggerieren, dass unsere Freizeit nur dann etwas Wert ist, wenn wir sie mit Wochenendtrips nach New York oder Rio füllen, selbstverständlich in Fünf-Sterne-Hotels und in First-Class-Arrangements. Eine Wochenendwanderung im Spessart erscheint daneben nicht nur spießig, sondern volkswirtschaftlich geradezu unverantwortlich. Doch ich bin der festen Überzeugung, dass viele unserer globalen wie regionalen Probleme zentral damit zu tun haben, dass wir dabei sind zu verlernen, den Wert der Teile unseres Lebens zu sehen, an denen kein Preisschild klebt – gleich ob es unsere frei fließende Donau hier in Niederbayern ist, der Zugang zu sauberer Luft und sauberem Trinkwasser oder ein lebendiger Freundeskreis. Auch dafür kann sich der Hartz IV-Empfänger zwar nichts kaufen, und es ist zugegebenermaßen auch nicht sein dringendstes Problem. Aber er würde es bezahlen, wenn es das nicht mehr gäbe.
So, nun ist es doch viel zu lange geworden – danke für Ihre Geduld und Beharrlichkeit beim Lesen!
Freundliche Grüße
und eine sonnige Pfingstwoche
Winfried Berner
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:26
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Frau Nehls,
gestern beim Wandern – es gibt schon seltsame Gelegenheiten für Erinnerungen – ist mir eingefallen, dass ich Ihnen noch eine Antwort zu Ihrem Beitrag schuldig bin.
So hätte vermutlich Adler geantwortet:
„Alle meine Konzepte sind hilfreiche Konstruktionen, keine absoluten Wahrheiten, und bei der Wissenschaft geht es nur darum, immer nützlichere Konstruktionen zu erstellen.“
Auch wenn ich diesem Statement vom Prinzip her gerne beipflichte, hilft es meines Erachtens nicht, den (möglichen) Widerspruch zwischen Ganzheitlichkeit und dem Prinzip "Tat und Täter trennen" zu lösen. Auch wenn Konzepte natürlich keine Wahrheiten sind, sollten sie dennoch widerspruchsfrei sein. Wir stehen also weiter vor der Notwendigkeit, den Widerspruch entweder aufzulösen oder eines der beiden Prinzipien aufzugeben.
Ganzheitlichkeit: Die Unteilbarkeit des Menschen
Da beide Prinzipien aus meiner und offenbar auch aus Ihrer Sicht schlüssig und wertvoll sind, müssen wir also, wenn wir sie beide retten wollen, zeigen, dass der Widerspruch zwischen ihnen nur ein scheinbarer ist. Nachdem ich mittlerweile mehr als ich geplant hatte, über dieses Rätsel nachgedacht habe, habe ich dazu nun einen Vorschlag.
Einen Ansatzpunkt scheint mir Ihr Satz zu liefern:
Schliesslich verfolgt der Mensch Ziele. Eines seiner Ziele kann durchaus entgegen der Gemeinschaft wirken, somit ist nicht der ganz Mensch gegen die Gemeinschaft oder der ganze Mensch schlecht.
Ich nehme diesen Punkt erst einmal genau anders als Sie ihn gemeint haben: Da der Mensch ein Ganzes, ein unteilbares In-dividuum ist, lassen sich Tat und Täter niemals trennen. Eine üble Tat ist, wenn wir das Prinzip des Holismus nicht aufgeben wollen, eben nicht bloß eine Schlechtigkeit, die dem Menschen ungewollt passiert ist, so wie ihm angeblich "die Hand ausgerutscht" ist, sondern die Folge seiner (bewussten oder vorbewussten) Entscheidung. Insofern gilt die die Tat genau das Gleiche wie für die Emotionen, die zur Tat führten: Wir sind eben nicht von geheimnisvollen Mächten fremdgesteuert, sondern verantwortlich für unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen. Was die Verantwortlichkeit betrifft, können wir daher nicht zwischen Tat und Täter trennen. Anderenfalls dürfte die Gesellschaft Übeltäter ja nicht bestrafen, sondern müsste sich darauf beschränken, die Tat ins Gefängnis zu sperren. (Was vielleicht platzsparender wäre, aber irgendwie nicht so recht sinnvoll.)
Das Prinzip der Gleichwertigkeit
Das Prinzip, Tat und Täter zu trennen, kann sich meines Erachtens nicht auf die Verantwortlichkeit (und damit auf die Einheitlichkeit des Individuums) beziehen, sondern nur auf ein anderes zentrales Prinzip der Individualpsychologie, nämlich das von der Gleichwertigkeit aller Menschen. Das würde bedeuten: Auch wenn die Tat zu missbilligen, zu verurteilen oder gar zu verabscheuen ist, ändert sie nichts daran, dass der Täter gleichwertig ist mit Ihnen, mir, Franz Beckenbauer und dem Dalai Lama, um von Papst Benedikt und George Bush, Britney Spears und Mutter Teresa gar nicht zu reden.
Ich glaube, erst die Nennung von Namen macht deutlich, welche Zumutung für unsere Entwertungs-, Verurteilungs- und Verachtungsreflexe Adlers Prinzip der Gleichwertigkeit ist. Das heißt ja: Auch wenn ein Mensch ausschließlich Ziele verfolgt, die "entgegen der Gemeinschaft wirken", das heißt wenn er asozial oder gar antisozial handelt, verliert er dadurch nicht an Wert, sondern bleibt gleichwertig und behält seinen Platz in der Gemeinschaft.
So betrachtet, hat das TuTt-Prinzip eine ungeahnte Brisanz. Es fordert von uns ja, unabhängig von ihren Taten, eine Mutter, die neun Kinder getötet und verscharrt hat, als gleichwertig anzusehen mit jemanden, der sein Leben voll in den Dienst der Hospizarbeit oder der Pflege kranker Angehöriger stellt, oder jemanden, der in großem Stil mit Drogen handelt, als menschlich gleichwertig mit jemanden, der in zäher und frustrierender Kleinarbeit und mit sehr begrenztem Erfolg einen Bruchteil der Folgen dieses Drogenhandels zu korrigieren versucht. Können und wollen wir den Selbstmordattentäter, der 50 Menschen mit in den Tod reißt oder schwer verletzt, wirklich als gleichwertig ansehen mit der Ärztin oder Krankenschwester, die wenigstens zwei der Opfer zu retten versucht? Das TuTt-Prinzip wird hier auf eine harte Probe gestellt. Und, wie so oft im Leben, wir müssen uns entscheiden: So oder so.
Niemand hat meines Wissens das Prinzip, Tat und Täter zu trennen, überzeugener gelebt als der Wiener Psychiater Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie (und in vieler Hinsicht ein verkappter Individualpsychologe). Er sprach bei einem Vortrag in einem (so hieß das damals) Zuchthaus in aller Klarheit davon, dass die vor ihm versammelten Gefangenen nicht als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse oder ihrer frühkindlichen Erfahrungen dort einsäßen, sondern weil sie ein schweres Verbrechen begangen hatten, für das sie verantwortlich seien und für das sie die Konsequenzen tragen müssten. Und er tat das auf eine Art, die keinen Zweifel daran ließ, dass er diese Zuchthäusler als gleichwertige Mitmenschen sah.
Die Reaktion der Strafgefangenen war bemerkenswert: Sie reagierten mit Erleichterung darauf, dass Frankl nicht versuchte, ihre Verantwortung und damit ihre persönlich zurechenbare Schuld mit soziologischen oder psychologischen Argumenten wegzuerklären. Und sie spürten offenbar zugleich die ungeheure Ermutigung, die darin lag, dass Frankl sie nicht mit ent-schuldigenden Erklärungen entmündigte, sondern ihnen die volle Verantwortlichkeit für ihre Taten zumaß – und sie dennoch (!) als gleichwertige Menschen ansah und behandelte.
Auf diese Weise könnte sich der scheinbare Widerspruch auflösen: Aus der Perspektive der Ganzheitlichkeit lassen sich Tat und Täter nicht trennen; aus der Perspektive der Gleichwertigkeit müssen wir sie trennen.
Freundliche Grüße
und einen sonnigen Sonntag
Winfried Berner
Autor: Mone
Erstellt: 18.02.2008 - 18:32
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo, lieber Herr Berner, hallo, liebe Leserinnen und Leser,
Stichworte hebe ich in dieser Antwort immer einmalig fett hervor zur besseren Lesbarkeit.
Herr Berner, Ihre Schwierigkeit mit der Barmherzigkeit kann m.E. nicht dazu führen, sie Entmutigten vorzuenthalten.
Ich bin selbst katholisch und rein katholisch erzogen worden, weshalb mir die Ressentiments gegen die kath. Kirche, bzw. wie sie von ihren Mitgliedern verlangt, Glauben zu leben, keinesfalls unbekannt sind.
Es liegt in der Eigenverantwortung jedes Katholiken, seine Aggressionen, denn es sind letztlich Aggressionen, gegen etwas "Diffuses" wie den kath. Glauben aufzulösen. Die Projektion auf andere lehne ich ab. Nur weil ich mich in meiner Kindheit und Jugend von der kath. Kirche drangsaliert fühlte, kann ich die Barmherzigkeit, die auf weit ältere Kulturen zurückgeht, nicht außer Kraft setzen und pauschal verurteilen.
Wenn Ihr Verständnis von Barmherzigkeit ist, dass wir auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind, dann hat es die kath. Kirche erfolgreich geschafft, Sie ins Bockshorn zu jagen. Ich traue einem denkenden Erwachsenen durchaus zu, dass er irgendwann in seinem Leben erkennt, dass die kath. Kirche über Angst arbeitet, um ihre eigene vermeintliche Macht am Leben zu erhalten.
Nirgendwo wurde im Namen des Glaubens mehr gemordet und marodiert als in der kath. Kirche. Und all das wurde über den Glauben gerechtfertigt. Das alles hat nichts, aber auch gar nichts, mit der Liebe Gottes zu tun.
Anders herum wird ein Schuh draus. Ein Blick über den Tellerrand hilft sehr, denn in anderen Religionen wird deutlich gesagt, dass Gott reine Liebe ist, was bedeutet, dass keine Bedingungen mit dieser Liebe verbunden sind.
Barmherzigkeit kann nach meinem Verständnis schon deshalb nicht mit Überlegenheit gleichgesetzt werden, weil die Barmherzigkeit die Überlegenheit (= Macht) ausschließt. Auch die Barmherzigkeit ist mit Bedingungslosigkeit verbunden.
Um es vereinfacht auszudrücken: Alles was ich einem anderen aus der bedingungslosen Nächstenliebe heraus gebe, z. B. auch Mitgefühl, ist nie mit einer Gegenleistung des anderen verbunden, weil die Bedingungsloskeit dies ausschließt. Ebenfalls ausgeschlossen ist eine eigene innere Erwartungshaltung dem anderen gegenüber.
Ein wichtiger Punkt scheint mir die eigene Erwartung.
Ich kann anderen nicht helfen, wenn ich innerlich eine Erwartungshaltung habe, weil ich über die Erwartung nämlich meine vermeintliche Macht befriedige. Es kann nicht sein, dass ich den Erfolg eines anderen Menschen, den er durch meine Hilfe erlangen konnte, auf mein Machtbefriedigungskonto buche. Wer das tut, wird über kurz oder lang scheitern!
Eine Ewartungshaltung zu haben heißt auch, kein Vertrauen zu haben. Weder in sich, den anderen oder das Universum. Ich kann mir gegenüber Erwartungen haben, keinesfalls einem anderen gegenüber. Und selbst eine eigene Erwartungshaltung mir selbst gegenüber sehe ich kritisch.
Ein Beispiel:
Der Betriebsrat wird nächste Woche mit dem Vorstand verhandeln, dass mein Arbeitsplatz nicht an einen anderen zig hundert Kilometer entfernten Dienstort verlegt wird.
Ich erwarte nicht, dass der Betriebsrat erfolgreich ist, ich vertraue darauf.
Ich habe mir ein gutes "Blatt" auf die Hand sortiert und ziehe nun die erste Karte. Beim Joker sind wir noch lange nicht.
Zu Adler und der Psychologie allgemein:
Ich verlasse mich grundsätzlich nicht blind auf Aussagen Dritter oder wissenschaftliche Studien. Wenn mir eine Theorie oder Studie (bzw. Studienergebnisse) schlüssig scheinen, prüfe ich sie selbst und wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass sie stimmig sind, stehe ich auch dahinter. Grundsätzlich verlasse ich mich auf mein eigenes Urteil und meine Urteilsfähigkeit. Nur durch eignes prüfen kann ich sie schulen.
Die Warmherzigkeit wird von vielen Menschen gelebt und ist in jedem Fall eine gute Charaktereigenschaft. Ich würde sie dennoch nicht gegen die Barmherzigkeit austauschen. Warmherzigkeit schließt nach meinem Verständnis erst recht ein Machtstreben aus, weil "Wärme" und "Kälte" Gegenspieler sind.
Mein Angebot ist, die Barmherzigkeit ganz zu streichen, wenn diese Ihnen soviel Bauchschmerzen bereitet.
Denn wenn ich selber fest davon überzeugt bin, dass ich auf einem bestimmten Gebiet hoffnungslos untalentiert, unfähig oder was auch immer bin, dann löst jede Ermutigung von außen ja erst einmal das Gefühl in mir aus, dass der andere bloß noch nicht begriffen hat, wie unfähig ich auf diesem Gebiet bin; zugleich reagiere ich auf seine Ermutigung mit Unwillen, weil ich keine Lust habe, mir mit einem erneuten Versuch eine erneute Niederlage und schmerzliche Bestätigung meiner Unfähigkeit einzuhandeln.
Wenn ein Entmutiger dergestalt auf eine Idee des Ermutigers reagiert zeigt das m.E. sehr deutlich, dass in dem Entmutigen vorrangig Selbst-Vertrauen aufzubauen ist.
Womit ich wieder beim Vertrauen bin.
Wenn mir ein anderer etwas zutraut, was ich mir selber nicht zutraue, dann zeigt das, dass Fremd- und Eigenbild stark voneinander abweichen.
Der Entmutigte kann mit Unwillen reagieren oder mit Freude darüber, dass ihm etwas zugetraut wird.
Wenn der Entmutigte dem Ermutiger gegenüber mit Unwillen reagiert, stellt sich für mich die Frage nach dem Warum.
Letztlich bedeutet es m.E., dass der Entmutigte dem Ermutiger ein persönliches Machtstreben unterstellt, wenn auch unterschwellig und unbewusst.
Unwillen ist Ablehnung.
Die Frustrationstoleranz kann bei Erwachsenen niedriger sein als bei Kindern, muss jedoch nicht. Da ich auch mit lern- und entwicklungsgestörten Kindern arbeite, erlebe ich wöchentlich die niedrige Frustrationstoleranz bei Kindern aufgrund der Lebenserfahrungen in Schule, Elternhaus, Therapeuten und durch Freunde.
Wir dürfen m.E. nicht außer Acht lassen, dass Kinder ein anderes Zeitempfinden haben als Erwachsene. Für Kinder läuft die Zeit langsamer, was bedeutet, dass ihnen die Erfolge nicht schnell genug kommen. Das subjektive Erfolgserleben ist stark mit dem persönlichen Zeitempfinden verbunden.
Erwachsene haben ein "reales" Zeitempfinden und können eher akzeptieren, dass es u.U. Monate braucht, bis sich der gewünschte Erfolg einstellt. Für Kinder sind Monate eine "Ewigkeit".
Ich strebe immer danach, Menschen aus ihrer Resignation zu holen. Die Taktik der Motivationstrainer befremdet mich allerdings, weil ich genau wie Sie der Meinung bin, dass diese kurzgesprungenen Ermutigungsschübe den harten Aufprall zur Folge haben.
Ermutigung durch Motivation muss daher als ein längerfristiges Projekt angelegt sein und der Zeitrahmen orientiert sich an der persönlichen Ausgangslage, muss also fallweise abgesteckt werden.
Erwachsenen Entmutigten sollte einleuchten, dass Erfolg eher über einen vermeintlichen Umweg erreicht wird.
So kann es sein, dass durch den Beitritt in einem Sportverein, den Besuch einer Messe usw. soziale Kontakte entstehen, die Perspektiven eröffnen.
Dumm ist, wenn man die Wahl nicht hat: Auch für gute, erfahrene, mutige Berater gibt es Situationen, in denen sie sich hilflos fühlen. Ihrer Forderung nach Ehrlichkeit stimme ich bereitwillig zu, nur mit dem Hinweis, dass Ehrlichkeit die Hilflosigkeit nicht aufhebt.
Die Hilflosigkeit des Ermutigers zeigt die (selbst gesteckte?) Limitation. In unserer Welt ist es üblich, begrenzt zu sein.
Ich finde, dass es eine Herausforderung ist, zu prüfen, ob die Begrenztheit tatsächlich existiert oder ob sie ein Jahrtausende alter Glaubenssatz ist, der ebenfalls auf die kath. Kirche zurückgeführt werden kann.
Bei dem Thema "Ermutigung als Wagnis" und "Cash-Flow" sind wir uns doch einig.
Was bei mir den Erfolgsdruck auslöst, ist die Ewartung des anderen an mich. Ich selber habe keine Erwartung (zumindest strebe ich das grundsätzlich an), doch wird diese eingefordert.
Ich käme ja nicht zu dem Schluss, wenn ich es nicht erleben würde, dass Menschen in Seminaren sagen oder denken: "Wenn ich schon Geld für ein Seminar ausgebe, dann erwarte ich etwas Großes."
Da frage ich mich, wie hoch muss ich springen, um dieser Erwartungshaltung gerechet zu werden?
Ich kann z.B. nicht beweisen, dass eine Strategie immer funktionieren wird, ich kann aus der Erfahrung sagen, dass eine Strategie zu X Prozent erfolgreich war.
"Mein" Unternehmen wurde gekauft, wir befinden uns in der Integration, es wird Teilbetriebsstilllegungen geben usw.
Selbst wenn ich die Möglichkeiten aufzeige, die sich aus dem Sozialplan ergeben, kommt unter Garantie ein: "Ja, aber..."
Ich träume inzwischen von dem von mir täglich zigfach gesagten Satz: "Es gibt keine Patentlösung für mehrere tausend Mitarbeiter gleichzeitig, es gibt jedoch die Möglichkeit guter Einzellösungen. Ihr müsst euch nur bewegen und auf die Verantwortlichen zugehen. Mehr müsst ihr gar nicht tun."
Es wird ja von den Kollegen gerne vergessen, dass die Helfenden, wie z.B. Personalabteilung, Unternehmenskommunikation usw. selbst Teil der Auflösung sind und dass sich die Mitarbeiter zusätzlich um ihre eigene Existenzsicherung kümmern müssen. Die Frustration und auch Aggression von Kollegen kommt noch als Sahnehäubchen obendrauf.
Wer geht denn in den Ring mit den McKinseys? Das sind doch nicht die Kollegen der letzten Reihe, dass sind doch die, die in der ersten Reihe stehen.
Wir haben keinen einzigen psychologischen Berater an Board, der als Puffer fungieren könnte, um den ein oder anderen Ball abzufedern. Das ist klassische McKinsey-Strategie: Per gezieltem Psychoterror die Mitarbeiter rauskicken, die man sowieso nicht haben will. Von allen Mitarbeitern existiert ein Psycho-Profil und so wissen die McKinseys genau, welche Register sie ziehen müssen, um den Einzelnen weichzukochen.
Mehr als sagen: "Sieh zu, dass du aus der Schusslinie kommst, indem du dir einen Stellvertreter (z.B. BR, Rechtsanwalt usw. nimmst)", kann ich nicht.
Die Kollegen haben schon Angst, eine Rechtsberatung, die wohlgemerkt seitens der Gewerkschaften angeboten und empfohlen wird, anzunehmen, weil sie die Konsequenzen fürchten.
Wenn der Entmutigte schon Angst hat, seine Chancen zu prüfen, dann bin ich als Ermutiger tatsächlich ausgesprochen hilflos, denn die Konsequenz kann ich keinesfalls verhindern. Die ist immer inbegriffen.
Trotzdem kann es nach meinem Dafürhalten keineswegs sein, dass Betroffene ihre Würde usw. aufgeben, nur weil vielleicht die Existenz bedroht sein könnte.
Für den neuen Arbeitgeber sind das paradiesische Zustände, die er vorfindet. Überall Angst wohin er blickt. Er kann die Mitarbeiter wie Figuren auf dem Spielfeld hin- und herschieben, weil nur die wenigsten in Opposition zu ihm gehen.
Die nächste Woche ist bei mir nochmals arbeitsreich und gut gefüllt mit Terminen, ich werde sicherlich am Wochenende wieder ins Forum schauen und auch schreiben können.
Bis dahin alles Gute und viele Grüße
Mone
PS: Keine Erwartung zu haben heißt auch, nicht enttäuscht werden zu können, zumindest in der Theorie :-)
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:32
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo liebe Mone,
vielen Dank für Ihren umfang- und gedankenreichen Beitrag!
Nach erster Durchsicht habe ich den Eindruck, dass wir uns in vielen Punkten (mit Ausnahme der Religion) finden. Geben Sie mir jedoch bitte ein bisschen Zeit mit der Antwort: Da ich heute nachmittag schon wieder "auf die Walz" gehe und dafür "dringend" noch ein bisschen das schöne Wetter genießen muss, schaffe ich eine ernstzunehmende Antwort heute nicht mehr.
Ich melde mich voraussichtlich Ende der Woche wieder!
Freundliche Grüße
Winfried Berner
Autor: Menschin
Erstellt: 18.02.2008 - 18:33
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo, alle miteinander!
Meine Antwort lässt jetzt ein bißchen auf sich warten, da mich die Sommergrippe erwischt hat.
Der Kopf reicht nicht zum Weiterdenken.
Sonnige Grüße
Christa Nehls
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:36
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo Mone,
nochmal zum Thema "Barmherzigkeit": Sie deuten mich falsch, wenn Sie meine Vorbehalte, diesen Begriff im Zusammenhang mit Ermutigung zu verwenden, auf meine Erfahrungen mit der katholischen Kirche zurückführen. Vermutlich habe ich durch meine Bezugnahme auf "Gottes Barmherzigkeit" selbst dazu Anlass gegeben; eigentlich wollte ich damit aber nur sagen, dass Barmherzigkeit nach meinem Sprachverständnis eine sehr asymmetrische Beziehung voraussetzt.
Um hier weiterzukommen, müssen wir wohl als erstes prüfen, ob wir das Gleiche unter diesem Begriff verstehen. Denn sonst reden wir möglicherweise einfach deshalb aneinander vorbei, weil Sie diesem Wort eine andere Be-Deutung geben als ich.
Hier ein Definitionsversuch:
Jene altertümlichen Begriffe, die auf "...herzigkeit" enden (Barm-, Warm-, Kalt-, Hart-, ...), bezeichnen alle Eigenschaften des Herzens, also, etwas moderner ausgedrückt, Persönlichkeits- oder Charakterzüge. So wie "Hartherzigkeit" einen Charakter beschreibt, der von Härte gegenüber anderen Menschen gekennzeichnet ist, würde Barmherzigkeit demnach einen Charakter beschreiben, der von (Er-)Barmen geprägt ist – das heißt, von einer besonderen Hinwendung zu Menschen, die des Erbarmens bedürfen.
Dagegen habe prinzipiell überhaupt nichts einzuwenden – im Gegenteil: So verstanden, ist Barmherzigkeit ein sehr wünschens- und lobenswerter Charakterzug. Denn es gibt auf unserer Welt in der Tat nicht ganz wenige Menschen, die unseres Erbarmens bedürfen. Aber was für Menschen sind das genau? Unseres Erbarmens bedürfen Menschen, die in einer erbärmlichen Lage und/oder einem erbarmenswerten Zustand sind. Erbärmlich / erbarmenswert ist ein Zustand aus meiner Sicht dann (und nur dann), wenn der Betreffende ganz tief drunten, kurz vor (oder nach) dem Ende seiner Kräfte ist und sich aus seiner eigenen Kraft nicht mehr helfen kann. Das kann zum Beispiel ein Drogenabhängiger im letzten Stadium sein, ein Schwerstverletzter, jemand, der von einer schweren Krankheit niedergestreckt ist, vielleicht auch – wenigstens vorübergehend, in der ersten Phase des Schocks und der Panik – jemand, der von seinem Partner verlassen wurde oder seinen Job verloren hat.
Genau hier liegt das Problem, das ich mit dem Begriff der Barmherzigkeit im Kontext der Ermutigung habe: In einem "erbarmungswürdigen Zustand" sehe ich die allermeisten meiner Mitmenschen (und Kunden / Klienten) nicht. Viele von ihnen mögen durchaus der Ermutigung bedürfen und können ein bisschen Warmherzigkeit gut vertragen, doch sie stehen respektabel im Leben und würden es – wie ich selbst auch – als völlig unangemessen zurückweisen, wenn sich ihnen jemand mit "Barmherzigkeit" nähern würde. Mit völligem Recht würden sie – und würde ich – fragen: "Wer sind Sie denn, dass Sie sich meiner zu erbarmen erdreisten? Wer wäre ich, dass ich Ihres Erbarmens bedürfte?!"
Was die Betreffenden – und gleichermaßen auch ich – da zurückweisen würden, ist nicht die ermutigende Zuwendung, sondern die implizite Entwertung, die darin liegt, dass ihr Zustand mit der barmherzigen Zuwendung als erbarmenswert / erbärmlich charakterisiert wird, aber auch die Anmaßung, die darin liegt, diese "Erbarmungswürdigkeit" oder "-bedürftigkeit" zu diagnostizieren. Genau damit stellt sich der "Barmherzige" meines Erachtens über den, dessen er sich erbarmt.
Zum Thema Barmherzigkeit und Überlegenheit:
Es ist meines Erachtens nicht richtig, Überlegenheit mit Macht gleichzusetzen. Macht über andere Menschen anzustreben, ist zwar ohne Zweifel eine Form von Überlegenheit, aber keineswegs die einzige. Eine andere Form ist zum Beispiel moralische Überlegenheit: Das ist sozusagen die Variante der Überlegenheit für Ohnmächtige, denn sie besagt ja: "Ich habe zwar nichts zu melden, aber der bessere Mensch bin dennoch ich!" Auch Helfen ist eine hierarchische Interaktion, ebenso wie Loben meist aus einer Position der Überlegenheit kommt. Wenn Sie es nicht glauben, sagen Sie mal zu Ihrem Chef: "Das haben Sie gut gemacht! Weiter so, dann wird mal was aus Ihnen!"
Das heißt, mit dem Hinweis, dass Barmherzigkeit nichts mit Macht im Sinne hat, haben Sie wohl recht, Mone, aber das beweist noch keineswegs, dass Barmherzigkeit nicht eine Position der Überlegenheit einnimmt. Falls Sie Barmherzigkeit nicht anders definieren als ich, müssten Sie eigentlich einräumen, dass der/die Barmherzige über dem steht, dessen er/sie sich erbarmt. Daher meine Frage nach der Reversibilität: Was würden Sie davon halten, wenn Ihre Klienten Ihnen mit Barmherzigkeit begegneten? Oder gar "aus reiner Barmherzigkeit" zu Ihnen kämen?
So, ich hoffe, ich konnte im zweiten Anlauf besser deutlich machen, wo mein Unbehagen mit dem Begriff der Barmherzigkeit herkommt (sofern er im Kontext von Ermutigung verwendet wird). Nun würde mich interessieren, aus welchen Überlegungen Sie (und auch Frau Nehls) zu einer völlig anderen Bewertung dieses Begriffs kommen.
Freundliche Grüße
Winfried Berner
PS: Auf einige Ihrer anderen Punkte will ich in einem separaten Beitrag noch eingehen.
Autor: Mone
Erstellt: 18.02.2008 - 18:38
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo, lieber Herr Berner,
vielen Dank für Ihre Erläuterungen zur Barmherzigkeit und Überlegenheit.
Barmherzigkeit
Die Barmherzigkeit sollte nach meinem Verständnis auch genau den Menschen zugute kommen, die sie aufgezählt haben, weshalb ich sie vorrangig im medizinischen Bereich, also bei Ärzten einsortieren würde. Weiters bedürfen für mich auch verletzte, misshandelte und sehr kranke Tiere der menschlichen Barmherzigkeit.
Bei Ermutigern bzw. bei jedem Menschen sollte die Barmherzigkeit zum Vorschein kommen, wenn der Entmutigte körperlich und seelisch in derart schlechter Verfassung ist, dass er sich selber nicht mehr helfen kann und auch keine Hilfe Dritter erfährt. Der Ermutiger kann in einem solchen Fall ohnehin nur den Arzt rufen, doch genau dies ist ein Akt der Barmherzigkeit.
Letzte Woche erfuhr ich, dass eine Kollegin aufgrund Psychoterrors kollabierte (Herzschmerzen und Herzrasen, Atemnot und Nervenzusammenbruch) und KEINER der anwesenden Kollegen erbarmte sich, 112 zu rufen. Im Gegenteil, sie ließen sie mit dem eigenen Auto nach Hause bzw. zum Arzt fahren.
Ich stimme Ihnen zu, dass Entmutigte, die körperlich und seelisch soweit gut beieinander sind, dass sie noch ihre volle Handlungsfähigkeit besitzen, nicht des Erbarmes bedürfen. In solch einem Fall käme die Barmherzigkeit einer Beleidigung gleich und würde signalisieren: "Ich trau dir nicht zu, dass du gut für dich selber sorgen kannst."
Anders sieht es aus, wenn ein Entmutigter konkret äußert, dass er nicht mehr in der Lage ist, selber für sich zu sorgen. Und genau diesen Satz höre ich hin und wieder schon.
Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass Entmutigte in jedem Fall der Zuwendung bedürfen.
Überlegenheit
Macht hat viele Gesichter. Die Überlegenheit ist daher ein Aspekt von vielen. Beispielsweise be-herrschen viele Kinder perfekt die Machtausübung über ihre Eltern durch sehr geschickte Strategien, wie Ohnmächtigkeit, Hilflosigkeit usw. Sobald ein Kind merkt, dass es mit einer Strategie Erfolg hat, wird es diese immer wieder anwenden.
Ich erlebte, dass ein sehr zartes 12-jähriges Mädchen ihre Eltern sehr fest im Griff hat, weil sie weiß, wie sie ihre Eltern über ihre Angsterkrankung und Dyskalkulie steuern kann. Die Eltern sagen immer nur: "Das arme Kind. Wir müssen es schützen." Das Kind ist nicht konfliktfähig, denn die Eltern halten jeden Konflikt von dem Kind fern. Das Kind kollabiert und fällt in einen Schockzustand, sobald auch nur ein einziges lautes Wort fällt. Hier sind nun auch die Lehrer hilflos. Das Kind isst nur jedes zehnte Teil, was auf ihrem Teller liegt, weil ihr ja mal wieder irgendwas auf den Magen geschlagen ist. Die Essstörung ist die dritte Form der Machtausübung. Und so hat sich das Kind etliche Möglichkeiten der Überlegenheit über ihre Eltern erarbeitet.
Den Eltern wurde mehrfach geraten, das Kind in eine Psychotherapie zu geben und die großen Ferien für eine Kinderkur zu nutzen. Das lehnen die Eltern konsequent ab. Das arme Kind soll keinesfalls belastet werden. Nun kommt das "arme Kind" im August in die Hauptschule und wird sich erstmals behaupten müssen. An Hauptschulen weht bekanntermaßen ein anderer Wind. Ich bin mir sicher, dass das Mädchen mit Schulverweigerung reagieren wird, weil es seine Kuschelpädagogik-Grundschule, wo es bislang hingegangen ist, nicht mehr vorfinden wird.
Diese Formen der Überlegenheit als Teilaspekt der Macht finden sich auch bei Erwachsenen. Der Ermutiger ist gut beraten, sehr genau zu schauen, ob der Entmutigung nicht eine Strategie innewohnt.
Wenn ich meinem Chef, zurzeit habe ich gar keinen, sagen würde:
"Das haben Sie gut gemacht! Weiter so, dann wird mal was aus Ihnen!",
hätte er das Gefühl, ich würde mich über ihn stellen. Das Gefühl, ich sei ihm überlegen, würde sich bei ihm besonders stark einstellen, wenn er weiß, dass er selten bis nie seine Mitarbeiter lobt. Durch mein Loben würde er sich klein fühlen.
Autoritäten oder solche, die sich dafür halten, fürchten nichts mehr als die moralische Größe eines niedriger gestellten.
Wenn der Chef eine moralische - menschliche gefällt mir erheblich besser - Größe besitzen würde, würde er das Lob entweder neutral aufnehmen oder es für sich positiv bewerten.
Ob wir uns klein fühlen bzw. unterlegen steht im Zusammenhang mit dem eigenen Wertgefühl und auch der Selbstsicherheit. Wenn ich weiß, dass ich wertvoll bin, wenn ich um meine Stärken und Talente weiß, wenn ich mir meiner selbst sicher bin usw. kann mich auch ein "Angriff" auf meine Größe (Autorität etc.) nicht erschüttern. Aus der Perspektive des Chefs nehme ich dann das Lob gar nicht als "Angriff" wahr.
Nun würde mich interessieren, aus welchen Überlegungen Sie (und auch Frau Nehls) zu einer völlig anderen Bewertung dieses Begriffs kommen.
Zu einer anderen Bewertung des Begriffes der "Barmherzigkeit" und evtl. auch der "Überlegenheit" komme ich wahrscheinlich deshalb, weil ich zurzeit die menschenverachtenden Verhaltensweisen und den gezielten Psychoterror der McKinseys erlebe. Das Sahnehäubchen sind dann die täglichen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft irgendwelcher junger Schnösel, so wie letzte Woche. Ich habe mich sehr aufgeregt über die Forderung eines CSU-Politikers, Hartz IV-Empfänger jeden Morgen zum Arbeitsdienst antreten zu lassen. Welche Assoziation ich als erstes hatte, brauche ich wohl nicht zu schreiben.
Viele Grüße und einen sonnigen Sonntag
Mone
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:39
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo, liebe Mone,
erneut vielen Dank für Ihren Beitrag: Ich denke, in sehr vielen Punkten finden wir damit zusammen - zuvorderst bei der Frage, wo Barmherzigkeit angebracht ist und wo nicht.
Ihr Beispiel mit dem kleinen, zarten Mädchen ist ein "wunderschönes" Beispiel für die "Macht der Schwäche". Völlig einverstanden, dass das blanke Machtausübung ist, wobei sich anzuschauen lohnen würde, welchen Nutzen die Eltern davon haben, diese Konstellation zu bewahren.
Für eine ausführlichere Antwort reicht es im Augenblick nicht, weil ich in zwei Stunden schon wieder im Zug sitzen muss und davor noch eine Stunde im Auto vor mir habe. (Das sind die "Nebenwirkungen", wenn man im Bayerischen Wald lebt.) Da uns am Freitag Abend ein Gewitter Telefon und Internet "ausgeschaltet" hat, konnte ich Ihren Beitrag erst jetzt lesen ... Ich melde mich am Wochenende nochmal.
Freundliche Grüße
und eine gewitterarme Woche
Winfried Berner
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 18:43
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo liebe Mone,
wie schon in meiner ersten spontanen Reaktion gesagt, kann ich dem, was Sie zuletzt über Barmherzigkeit geschrieben haben, nur zustimmen – einschließlich Ihrer Erweiterung auf Tiere und vielleicht sogar auch auf Ökosysteme. Vermutlich liegt es an unseren unterschiedlichen Arbeitsfeldern, dass ich nur ausnahmsweise mit Menschen zu tun habe, die körperlich oder seelisch in so schlechter Verfassung sind, aber ich bin einig mit Ihnen, dass es in solchen Fällen tatsächlich angebracht ist, von Barmherzigkeit zu reden.
Wobei Barmherzigkeit sich in solchen Fällen nicht darauf beschränken dürfte, für meidzinische Hilfe zu sorgen: Das ist unsere (menschliche und juristische) Pflicht, wenn wir uns nicht wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar machen wollen. Barmherzigkeit beginnt meines Erachtens erst dort, wo sie über die Pflicht hinausgeht, etwa in Form von "menschlichem Beistand". Da wir Menschen nun einmal Gemeinschaftswesen sind, ist für die meisten von uns wohl auch Leid leichter zu ertragen, wenn es "geteilt" wird – selbst wenn der andere uns nicht helfen kann.
Barmherzigkeit und Ermutigung
"... dass Entmutigte, die körperlich und seelisch soweit gut beieinander sind, dass sie noch ihre volle Handlungsfähigkeit besitzen, nicht des Erbarmes bedürfen. In solch einem Fall käme die Barmherzigkeit einer Beleidigung gleich und würde signalisieren: "Ich trau dir nicht zu, dass du gut für dich selber sorgen kannst."
Genau das war es, worauf es mir ankam. In diesem Fall wäre Barmherzigkeit nicht nur beleidigend, sondern auch – was in der Wirkung vielleicht noch fataler ist – entmutigend.
"Anders sieht es aus, wenn ein Entmutigter konkret äußert, dass er nicht mehr in der Lage ist, selber für sich zu sorgen. Und genau diesen Satz höre ich hin und wieder schon."
Das hängt meines Erachtens davon ab, wie hilflos der Betreffende tatsächlich ist und was die (bewusste oder unbewusste) Absicht hinter dieser Äußerung ist. Vielleicht ist sie ja auch nur, Sie (oder mich) als Helfer in die Gänge zu bringen. Wenn wir darauf allzu willfährig einschwenken, verstärken wir nur die Entmutigung, die wir eigentlich reduzieren wollten. Wir müssen uns daher wohl ein eigenes Urteil bilden, ob in der konkreten Situation eher Barmherzigkeit (= Hilfe, Handeln für den anderen) angebracht ist oder Ermutigung.
Lassen Sie uns einmal genauer auf die Beziehung zwischen Barmherzigkeit und Ermutigung schauen. Ich hatte zunächst gedacht, dass sie sich gegenseitig ausschließen, weil Ermutigung ja voraussetzt, an die Handlungsfähigkeit des anderen zu glauben, während Barmherzigkeit gerade seiner nicht mehr (oder kaum noch) vorhandenen Handlungsfähigkeit gilt. Aber das ist wahrscheinlich zu radikal gedacht. Vermutlich ist Ermutigung auch dann möglich, wenn jemand in miserabler Verfassung ist; sie muss dann nur auf den ihm verbleibenen Restfunken von Handlungsfähigkeit zielen und versuchen, ihn zu stärken – beispielsweise indem man dazu ermutigt, Beistand zuzulassen, vielleicht auch, das Leiden anzunehmen, statt damit zu hadern, aber auch, die verbliebenen Handlungsmöglichkeiten, und seien sie auch noch so geringt, zu nutzen.
Was meinen Sie dazu?
Macht und Überlegenheit
Ihr Beispiel mit der "zarten kleinen" 12-Jährigen ist wirkliche eine wunderbare Illustration, dass Macht keineswegs nur über Befehle und Kommandos ausgeübt wird. Auch Kinder, die solange quengeln, bis sie das Eis doch bekommen, oder Mitarbeiter, die eine Aufgabe auch nach der dritten Erklärung "einfach nicht verstehen" (und ihren Chef auf diese Weise dazu bekommen, dass er sie ihnen abnimmt), sind Beispiele dafür, wie Macht wirklich funktioniert. Etliche betriebliche Beispiele dafür und ihre verdeckten Mechanismen habe ich in dem Artikel über Verwöhnung beschrieben.
Trotzdem finde ich, dass wir zwischen Macht und Überlegenheit trennen müssen. Sie gehen zwar oftmals gemeinsam einher, aber sie sind nicht identisch. Macht ist die Fähigkeit, andere Menschen zu veranlassen, Dinge zu tun (oder zu unterlassen), die sie ohne meine Einwirkung nicht getan (oder unterlassen) hätten. Entgegen verbreiteter Meinung ist Macht nichts Negatives – negativ (oder positiv!) wird sie durch den Zweck, zu dem sie eingesetzt wird. Wenn der Zweck, die Finalität ichhaft / egozentrisch / selbstbezogen ist, wirkt die Macht gemeinschaftsschädlich; ist der Zweck positiv / sachbezogen / verantwortet, kann Macht auch sehr positive Wirkungen haben.
Überlegenheit wiederum hat zwei Aspekte: Den (negativen), sich über andere zu stellen (wie zum Beispiel im Falle der moralischen Überlegenheit), und den eher neutralen, der eine asymmetrische Beziehung beschreibt: zum Beispiel zwischen Eltern und kleinen Kindern, zwischen Lehrer und Schülern, zwischen Arzt und Patient. Der Unterschied liegt meines Erachtens darin, ob die menschliche Gleichwertigkeit akzeptiert oder bestritten wird. Wer sich moralisch (oder gesellschaftlich oder rassisch ...) überlegen fühlt, bestreitet die Gleichwertigkeit des anderen; wer sich in einer asymmetrischen Beziehung befindet, kann (und sollte) die Gleichwertigkeit akzeptieren.
Die Eltern sind nicht "wertvoller" als die Kinder, die Lehrer nicht "wertvoller" als die Schüler, der Arzt nicht wertvoller als der Patient – aber sie am "oberen Ende" einer asymmetrischen Beziehung und deshalb mehr verantwortlich als ihre jeweiligen Partner für das, was bei der Sache herauskommt.
In diesem letzteren Sinne von Überlegenheit hatte ich in einem meiner vorigen Beiträge gemeint, dass Barmherzigkeit eine asymmetrische Beziehung beschreibt, auch wenn sie nichts mit Macht und (hoffentlich) auch nicht mit moralischer Überlegenheit zu tun hat.
So viel für heute, und noch einen schönen Sommersonntag!
Freundliche Grüße
Winfried Berner
Autor: Mone
Erstellt: 18.02.2008 - 18:44
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Hallo, lieber Herr Berner,
endlich komme ich dazu, auf Ihren Beitrag zu antworten.
In der letzten Woche habe ich eine TCM-Therapie in einer TCM-Klinik begonnen und die Auswirkungen aus den ersten beiden Akupunkturbehandlungen von einer "echten" chinesischen Ärztin finde ich nach wie vor faszinierend. Ich bin sehr neugierig, wie ich mich nach 15 Behandlungen fühlen werde :-).
Vermutlich ist Ermutigung auch dann möglich, wenn jemand in miserabler Verfassung ist; sie muss dann nur auf den ihm verbleibenen Restfunken von Handlungsfähigkeit zielen und versuchen, ihn zu stärken – beispielsweise indem man dazu ermutigt, Beistand zuzulassen, vielleicht auch, das Leiden anzunehmen, statt damit zu hadern, aber auch, die verbliebenen Handlungsmöglichkeiten, und seien sie auch noch so geringt, zu nutzen.
Was meinen Sie dazu?
Ich glaube, dass es genauo ist, wie Sie schreiben.
Die vollkommene Resignation findet sich eher selten, auch wenn es auf den ersten Blick häufig so scheint.
Vollkommene Resignation hieße, dass der Betroffene der fachkundigen Hilfe/Behandlung/Therapie eines Psychologen oder Arztes bedarf, weil der "Lebensfunke" quasi erloschen ist. In der Regel flackert er jedoch als kleines Teelicht vor sich hin, weshalb er leicht übersehen werden kann.
Beim Stichwort das Leiden anzunehmen kommt mir ein Gespräch aus meinem Aura-Soma-Vortrag von gestern in den Sinn.
Eine Frau erzählte mir, dass sie nicht mehr weiter wüsste. Sie habe ständig Schmerzen in den Beinen, die Ärzte würden nichts finden und sie habe die Hoffnung auf Besserung aufgegeben. Nun solle sie zur Untersuchung in eine Spezialklinik gehen, wogegen sie einen inneren Widerstand habe, weil sie ja die Hoffnung aufgegeben habe.
Ich bekam einen Tag vor dem Vortrag den Hinweis auf die Erkrankung dieser Frau, weshalb ich einen Flyer der TCM-Klinik mitbrachte.
Zunächst fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könne, Krankheit als Weg und ihr Schicksal als Chance zu begreifen. Da stutzte sie, weil hier nämlich das Annehmen des Leidens Voraussetzung ist.
Ich fragte sie, warum sie damit hadert, keine weiteren Strecken mehr laufen zu können (das äußerte sie nämlich). Es kam heraus, dass es immer so gewesen sei. Ich sagte, dass es einen tieferen, ja spirituellen Sinn hat, dass sie sprichwörtlich "stehenbleiben" bzw. "sitzenbleiben" soll, um nicht wie gewohnt "wegzurennen". Dieses sitzen müssen hat zur Folge, dass sie auf sich selbst aufmerksam wird und das bereitet ihr Unbehagen.
Im Verlauf des Gesprächs kam weiter heraus, dass sie ihr Leben lang anderen gedient hat. Sie habe schon als Kind immer den Wunsch gehabt, anderen zu helfen, ihnen sprichwörtlich zu dienen. Das ist ein guter Charakterzug, nur hat die Frau nie sich selbst gedient! Sie war stets gut zu anderen, nie zu sich.
Ich erklärte ihr, dass ihre Aufgabe darin besteht, zu lernen, gut zu sich selbst zu sein, sich selbst zu dienen, die Verantwortung für das eigene Wohlergehen zu übernehmen und vor allem sich selbst zu lieben.
Langsam löste sich ihr Widerstand gegen die TCM-Therapie. Anfangs war sie missmutig, weil sie "alles selbst bezahlen" müsse. Ich erklärte ihr, dass wir immer einen Preis zahlen, wenn wir versäumen, uns gut um uns selbst zu kümmern. Ich bat sie, sich ehrlich zu fragen, warum es ihr leid tue, einen zugegebenermaßen hohen Betrag in sich selbst zu investieren.
Dann zählte ich ihr die "Geschenke" auf, die sie erhält, wenn sie eine Therapie macht: Kraft, Ausdauer, Vitalität, Lebensfreude, Kreativität usw.
Zum Schluss sagte mir die Frau, dass sie in die Klinik fahren würde und unabhängig davon mit der Therapie in der TCM-Klinik beginnen würde. Sie würde, auch wenn man ihr wieder neue Pillen oder OPs verordnen wolle, diese ablehnen und den anderen Weg gehen.
Innerhalb einer halben Stunde hatte die Frau etwas in den Händen, um ihre kleine verbliebene Handlungsaktivität sinnvoll und zielgerichtet nutzen zu können.
Ich merkte schnell, dass keinesfalls darum ging, dass das Geld fehlte. Es ging vielmehr darum, dass die Frau sich ärgerte, nun einen hohen Geldbetrag in sich investieren zu müssen, der in ihren Augen keinen materiellen Gegenwert zur Folge hat.
Dieses Ärgernis, so erklärte ich ihr, würde sich nicht wiederholen, wenn sie - nach Wiederherstellung - künftig beim kleinsten Verdacht, dass etwas "angeflogen" kommen könnte, die TCM-Ärztin aufsucht. Dann zahlt sie statt beispielsweise 1000 Euro nur 100 Euro für das Arztgespräch und die folgende Therapie. Und dann wird sie keinesfalls missmutig sein, sondern stolz, weil sie gut auf sich aufgepasst hat.
Soviel für heute von mir.
Herzliche Grüße
Mone
Autor: Menschin
Erstellt: 18.02.2008 - 18:46
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: re: Ermutigung von Erwachsenen
Anzahl Nachrichten: 21 - Seiten (1): [1]
Sie müssen sich anmelden, um in dieser Konferenz eine Nachricht zu schreiben.
|