Hallo Simone,
Ihre Frage erinnert mich daran, dass ich den Artikel Gerüchte mal überarbeiten und erweitern sollte. Hier ein "Vorschuss" mit Bezug auf Ihre konkreten Punkte:
Bei Entstehung von Gerüchten scheint es mir sinnvoll, drei Stufen zu unterscheiden: erstens die "Produktion" von (wahren / halbwahren / falschen) Nachrichten, zweitens deren Weiterverbreitung und drittens ihre Verfestigung. Besonders interessant sind in meinen Augen die zweite und vor allem die dritte Stufe: Wie kommt es, dass manche Geschichten sich besonders schnell verbreiten und/oder sich dauerhaft festsetzen?
Entstehung, Verbreitung und Verfestigung von Gerüchten
Die Stufe der "Nachrichtenentstehung" scheint mir relativ banal: Wo immer sich Menschen regelmäßig treffen, wird viel geredet – bevorzugt natürlich über interessante Neuigkeiten: Wer ein Verhältnis mit wem hat, wie es kommt, dass der X nach so kurzer Zeit schon die nächste Beförderungsstufe genommen hat, dass das laufende IT-Projekt seinen Zeit- und Kostenplan völlig gesprengt hat, usw.
Wie die Meldungen auf der Seite "Vermischtes" in der Tageszeitung sind dies überwiegend Geschichten mit negativer Tönung – was vermutlich daran liegt, dass positive Nachrichten meistens langweilig sind, weil sie wenig Stoff zur Selbstdarstellung bieten. Wer will schon wissen, dass im Projekt Y ausgezeichnete Arbeit gemacht wurde oder dass Frau Z ihre Beförderung wirklich verdient hat? Negative Stories eröffnen den Beteiligten die Möglichkeit, durch ihre Weitergabe (Stufe 2) zu erreichen, was man in der Individualpsychologie als "die vier Nahziele" bezeichnet:
1. Aufmerksamkeit ("Haben Sie schon gehört?!")
2. Entschuldigung eigener Mängel ("In diesem Haus macht man nur mit Selbstdarstellung und Politik Karriere. Kein Wunder, dass redliche Fachleute – wie wir beide – es zu nichts bringen!")
3. Überlegenheit ("Ist es nicht unmöglich, dass der mit seiner eigenen Sekretärin ...?")
4. Rache und Vergeltung ("Nun wird endlich einmal allen klar, was für ein mieser Lump das ist!")
Sie haben Recht: In die Nachrichtenproduktion lassen sich mit etwas Geschick auch beliebige Falschmeldungen, tendenziöse Geschichten und Intrigen einspielen, sei es aus Neid, als "Revanchefoul" oder aus politischem Kalkül. Aber das ist im Grunde gar nicht so wichtig, weil der Wahrheitsgehalt bei Gerüchten ohnehin ein Randaspekt ist. Da nur wenige Menschen genau (im Sinne von analytisch) zuhören und noch weniger bereit und in der Lage sind, sauber zu unterscheiden zwischen dem, was sie gehört, und dem, was sie sich dazu ausgemalt haben, geschweige denn zwischen dem, was ihnen ihr "Gewährsmann" an harten Fakten genannt hat und dem, was seine Interpretationen, Meinungen und Spekulationen dazu waren (oder ihre eigenen), hat das Weitererzählen von Gerüchten ohnehin nur wenig mit der Weitergabe von Fakten zu tun. Viel mehr handelt es sich um "Variationen über ein gegebenes Thema", um die "Re-Produktion" von Bildern, um "Nacherzählungen", die sich nicht an Genauigkeit, sondern an Plausibilität orientieren.
Dabei scheint sich der Inhalt der Meldungen in vorhersagbarer Weise zu verändern: Mutmaßungen und Spekulationen verwandeln sich im Laufe des Weitererzählens in Fakten; zugleich findet eine allmähliche Dramatisierung statt. (Eigentlich logisch, wenn man ungenaues Zuhören mit Sensationslust paart.)
Das meiste von dem, was in Unternehmen geklatscht und getratscht wird, zieht für ein paar Tage seine Kreise und wird dann von den nächsten "neuesten Nachrichten" verdrängt: "Das mit dem Verhältnis ist ja allgemein bekannt. Aber haben Sie schon gehört, dass ..." Dieser Aktualitätszwang erfordert es, dass diejenigen, die sich durch die Weitergabe von Gerüchten interessant machen wollen, "ständig offene Ohren haben" und aufgeschnappte Gerüchte möglichst sofort weitergeben müssen – schließlich steht nur der erste, der ein Gerücht weitergibt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit; der Zweite erntet kein großes Interesse mehr, und der Dritte wird nur noch milde belächelt.
Spannend ist, dass es Ausnahmen gibt: Manche Nachrichten werden nicht von neuen Themen in die Vergessenheit gedrängt, sondern verfestigen sich (Stufe 3) und werden zu einer "subjektiven Wahrheit" des Unternehmens. Das hat sicher nichts mit ihrem besonderen Wahrheitsgehalt zu tun, sondern in erster Linie mit ihrer Brisanz. Die Sensationsgier des "Bildzeitungslesers" ist rasch verblasst – Ängste und Katastrophenphantasien der (mutmaßlich) Betroffenen hingegen halten länger vor, erst recht, wenn sie durch "misstrauische Spekulationen" angeheizt werden.
Das ist der Grund, weshalb ich Gerüchten über bevorstehende brisante Veränderungen größere Bedeutung beimesse als dem jeweiligen "Gerücht des Tages": Wenn sich im Unternehmen aufgrund mangelnder Kommunikation erst einmal die Gewissheit verfestigt hat, dass das laufende Projekt "letztlich nur dazu dient", die Verlagerung der Produktion nach Ungarn oder China vorzubereiten, dann wird es sehr schwer, die Mitarbeiter und den Betriebsrat später vom Gegenteil zu überzeugen.
Kurz- und mittelfristige Auswirkungen
Eine spannende Frage ist, welche Auswirkungen Gerüchte haben. Im obigen Beispiel würden sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit in einer geringen Kooperationsbereitschaft der Mitarbeiter bei Datenerhebungen niederschlagen, möglicherweise auch in verfälschten Angaben, weiter in moralischen Druck, der auf Mitglieder der Projektteams ausgeübt würde ("Verräter der Kollegen"), und in einer Verhärtung des Verhältnisses zwischen Betriebsrat und Geschäftsleitung. Daraus kann sich eine erhebliche Belastung für Veränderungsprojekte zusammenbrauen, die sie herunterbremst, ihre Aktivitäten lähmt und sie möglicherweise sogar scheitern lässt. (Sofern sie nicht durch massiven Einsatz externer Berater vorangetrieben werden, was allerdings zu Lasten ihrer Akzeptanz und Umsetzungschancen ginge.)
Dagegen kann ich mir kaum vorstellen dass die "ganz normale Gerüchteküche" so dramatische Folgen haben sollte wie psychosomatische Erkrankungen oder dauerhafte Produktivitätseinbußen. Ihre Folgen sind eher schleichend und langfristig: Sie schafft ein negatives, entwertendes Grundklima, das von geringer gegenseitiger Wertschätzung und – infolgedessen – einer gewissen Mut- und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Denn wenn alle um einen herum Idioten, Intriganten und Strauchdiebe sind, müsste man schon ziemlich naiv sein, um mit Optimismus in die Zukunft zu blicken.
Wohin dies führt, kann man in der Politik studieren. Seit Jahren überziehen sich die Parteien mit einem kontinuierlichen Strom übelster Vorwürfe: Unfähigkeit ("... kann es nicht!"), Heimtücke ("In Wirklichkeit machen Sie das ja nur, weil ...") und Unterstellung ethisch-moralischer Prinzipienlosigkeit. Alsdann stellen sie schockiert und mit großer Betroffenheit eine wachsende Politikverdrossenheit (genauer: Parteienverdrossenheit) fest und fordern, dass dringend etwas getan werden muss, um "die Menschen" wieder an die Politik heranzuführen. Vermutlich ahnen viele Politiker durchaus, dass sie da von ihrem eigenen Echo eingeholt wurden. Doch das Nachdenken über Konsequenzen aus dieser Einsicht wird überrollt von den nächsten Attacken.
In Unternehmen ist es (glücklicherweise) nicht gebräuchlich, sich so öffentlich mit Dreck zu bewerfen. Doch für die Wirkung macht es keinen großen Unterschied, ob es offen oder hinter vorgehaltener Hand geschieht. Von daher liegt es mir näher, das ständige Herunterziehen von Allem und Jedem als ein schleichendes Gift anzusehen, das letzten Endes auf einen selber zurückwirkt. Es lähmt, wie man am "Modell Deutschland" gut studieren kann, weniger die aktuelle Produktivität als das Selbstvertrauen, die Veränderungsfähigkeit und die Hoffnung auf die Zukunft.
Simone, das war (wieder einmal) mehr als ich eigentlich schreiben wollte. Offenbar haben Sie mit Ihrer Frage ein Thema erwischt, das mich derzeit selber beschäftigt – vielleicht auch angestoßen durch das Buch Die Kunst der Ermutigung von Marianne und Erik Blumenthal, das ich neulich rezensiert habe. Aber wenn Sie wollen, können Sie die letzten Absätze ja als meine Neujahrsansprache ansehen ...
Freundliche Grüße
Winfried Berner