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Anzahl Nachrichten: 9 - Seiten (1): [1]
Autor: Mary
Erstellt: 18.02.2008 - 11:56
Betreff: Intuition - trainierbar?
Einen schönen Tag, Herr Berner und alle Forumsmitglieder!

Als Coach und Trainerin für Teams und Führungskräfte bin ich bereits zweimal darauf angesprochen worden, ob ich auch "Intuitionstrainings" anböte. Diese Anfragen haben mich dazu veranlasst, mich etwas intensiver mit dieser Thematik zu befassen, vor allem mit der Frage, ob und wie sich Intuition trainieren läßt. Das Thema scheint im Trend zu liegen.

Bei der Recherche bin ich auf diese Website - von der ich übrigens sehr begeistert bin - gestoßen. Besonders gefallen hat mir an Herrn Berners Artikel zu diesem Thema die Aussage, dass der Begriff "Intuition" teilweise als Ausrede für Denk- oder Analysefaulheit genutzt wird, steckt doch hinter dem Wunsch nach einer verbesserten Intuition oft
der Wunsch nach "Wissen ohne Anstrengung".

Interessanterweise bezeichnet "Intuition" allerdings genau diesen Vorgang, nämlich nach Plotin das "schlagartig auftretende Erfassen des Ganzen eines Erkenntnisgegenstandes", diese Art des Erkenntnisgewinns steht im klaren Gegensatz zur diskursiven, das heißt stufenweise voranschreitenden Erkenntnis.
Läßt sich diese Art des Erkenntnisgewinns überhaupt trainieren?

Sowohl aus der asiatischen Kampfkunst als auch vom "intuitiven Bogenschießen" weiß ich, dass man dort seine Intuition nur durch hartes Training verbessern kann. "Sehen ohne zu sehen" - das Wissen um die nächste Aktion des Gegners oder den Pflug des Pfeiles - ist ein Phänomen, dass sich erst nach jahrelanger Übung und Erfahrung einstellt, oft erst, nachdem man viele Schläge schmerzhaft einstecken mußte.

Im Gespräch mit Kunden wurde mir Intuition oft als Folge von langer Erfahrung mit einer Thematik beschrieben. Diese ermöglicht es dem "Experten", neben den objektiven Informationen, die zu einem Gegenstand vorliegen, viele andere Informationen zu verarbeiten. Diese "anderen Informationen" würden von unerfahreneren Menschen kaum wahrgenommen werden, weil sie nicht als relevant erkannt würden.

Auf die Frage, worum es sich bei diesen "anderen Informationen" handelte, konnte mir allerdings kaum jemand eine klare Antwort geben. Und hier liegt vielleicht das "Geheimnis" der Intuition:

Um zu "Wissen, ohne sich anzustrengen", muss man sich vorher angestrengt haben. Dann entsteht wohl etwas, das mehr ist als die Summe seiner Teile und das unseren "Bauch" erreicht, so dass ein -verzeihen Sie bitte den abgenudelten Begriff - "ganzheitlicher Eindruck" von einer Sache entsteht.

So wie ich Intuition - und die "Nachfrage" danach - jetzt sehe, halte ich ein "Intuitionstraining" für eine lukrative Idee, allerdings für eine augenwischende.

Meines Erachtens läßt sich Intuition am besten dadurch trainieren, dass man sich intensiv mit seinen Aufgaben vertraut macht, Wissen erwirbt und versucht, mit allen Sinnen wach zu sein. Die "Wachheit mit allen Sinnen" läßt sich allerdings trainieren - liegt hier vielleicht der Schlüssel zum "Intuitionstraining"?

Ich bin gespannt auf anregende Beiträge zu diesem Thema und sende Grüße aus dem herbstlichen Westerwald,

Mary Niegot

______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 1.10.2007
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 12:06
Betreff: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Frau Niegot,

das ist eine ebenso spannende wie komplexe Fragestellung, die Sie da aufwerfen. Mal sehen, wohin sie uns führt!

Zunächst meinen Glückwunsch zu dem wunderbaren Satz: "Um zu wissen, ohne sich anzustrengen, muss man sich zuvor angestrengt haben." Besser und prägnanter kann man nicht auf den Punkt bringen, was reife und "hochwertige", das heißt treffsichere Intuition von erratisch-unsicherer "Intuition 1" unterscheidet. Ihre Beispiele aus dem asiatischen Kampfsport und dem "intuitiven Bogenschießen" finde ich beeindruckend – auch und gerade, weil wir den Fernen Osten ja gern als Quell intui-tiefer Weisheit ansehen. Die schlechte Nachricht für all diejenigen, die sich mit Intuition die Mühe des Denkens ersparen wollen, wäre demnach: Intuition hat leider auch mit Arbeit zu tun.

Intuition und Erfahrung

Wie wichtig Erfahrung für die Qualität der Intuition ist, hat Daniel Quinn in seinem neuen Buch If They Give You Lined Paper Write Sideways herausgearbeitet, das ich gerade besprochen habe. (Intuition ist ein absolutes Randthema seines Buchs, doch ich finde die Klarheit und Präzision seiner Erläuterung bewundernswert.) Im Dialog mit seiner Leserin Elaine erläutert er:

"If you were to follow an aboriginal hunter through the forest, he'd see things that were literally invisible to you. He'd see and recognize marks in the dirt that you'd have to concentrate to see at all. He'd notice disturbances in the grass that would be imperceptible to you. (...) The same would be true for the hunter if he were to yollow you through the women's section of a department store. You'd immediately distinguish between the really good clothes and the cheap ones, which he certainly wouldn't. You'd notice a clerk having a personal conversation on the phone. Without even thinking about it, you'd be aware of the subtle differences between a personal telephone conversation and a business conversation, and the hunter wouldn't." (S. 66)


Weil Intuition so viel mit Erfahrung und Übung zu tun hat, teile ich Ihren Verdacht, dass die Hoffnung, hier durch Intuitionstrainings oder irgendwelche speziellen Methoden eine Abkürzung nehmen zu können, ins Leere geht. Ich halte das für eine unglückselige Mischung von Naivität und Verwöhnung, die durch die Realität kaum gedeckt ist. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass man nach einem hinreichend suggestiven Intuitionstraining oder dem Erlernen einer einschlägigen Erfolgsmethode viel unerschütterlicher an seine Intuition glaubt als zuvor, und damit vermutlich auch entschlossener handelt. Was die Resultate wahrscheinlich selbst dann verbessert, wenn die "naive Intuition" selbst nur die dritt- oder viertbeste Alternative nahegelegt hat.

Das Problem im betrieblichen wie privaten Alltag ist ja nicht, dass es uns an Intuitionen mangelt. Wir haben ständig eine Vielzahl von Intuitionen, nur die Qualität dieser Intuitionen ist zuweilen etwas defizitär. Dazu kommt, dass wir im Vorfeld wichtiger Entscheidungen nicht nur eine Intuition haben, sondern gleich mehrere, die nur leider widersprüchlich sind: "Ich mache es. Oder nein, doch besser nicht. Oder sollte ich es doch machen? Ich glaube, ich mache es doch! Oder nein, Moment!" Die wirkliche Frage ist in diesem Fällen nicht: Soll ich auf meine Intuition hören oder auf meinen Verstand?, sondern: Auf welche meiner Intuitionen soll ich hören? Nehmen wir das Problem der Frauen, die immer wieder an den falschen Mann geraten (oder umgekehrt): Im Nachhinein können sie natürlich sagen: Ich hätte besser auf meine Intuition gehört. Aber genau das haben sie ja – es war nur die falsche. Welche Intuition aber die falsche war, stellt sich oft erst im Nachhinein heraus. Die Aussage müsste also eigentlich lauten: Ich hätte doch auf meine andere Intuition hören sollen. Was zwar stimmen mag, aber bei nicht wirklich hilft – weder rückwirkend noch bei der nächsten Entscheidung. Beim nächsten Mal hat man dann seine Lehren aus seinem Fehler gezogen – und macht einen neuen.

Jene geheimnisvollen "anderen Informationen"


Das obige Quinn-Zitat liefert übrigens auch einen Hinweis, was jene "anderen Informationen" sind, von denen Sie sprechen: Es sind gar keine anderen Informationen, sondern es ist eine andere Art, die gleichen Informationen zu lesen. Der "Wilde" und die "Städterin" haben objektiv identische Rohdaten zu Verfügung, doch ihre Fähigkeit, sie zu entschlüsseln, unterscheidet sich dramatisch. Im "Spiegel" war gerade ein Interview mit dem Max-Planck-Forscher Gerd Gigerenzer zu lesen, in dem er erklärte, dass unsere Wahrnehmung nicht aus einer passiven Aufnahme von Informationen "one-way" besteht, sondern aus einem – ich sage es in meinen laienhaften Worten – lebhaften "Gegenstrom" von Informationsangeboten ("bottom-up") und Selektions- und Interpretationsmustern unseres Gehirns ("top-down"). Je differenzierter unser Wahrnehmungswelt, desto mehr Muster und "Informationen" erkennen wir in dem, was wir sehen, weil unser Top-Down-Repertoire reicher ist: Wir erkennen, was wir kennen.

Fragen Sie einmal einen ganz normalen Menschen nach einem einstündigen Waldspaziergang, wie viel Wildverbiss (also vom Rotwild verbissene Jungbäume und -sträucher er/sie/es gesehen hat. Die Antwort wird lauten: "Wildverbiss?! Welcher Wildverbiss? War da welcher? Ich habe keinen gesehen." Und lassen sie ihn schätzen, wie viele Bäumchen es gewesen sein mögen. Die Schätzung wird extrem niedrig ausfallen: Es war ja keiner zu sehen. – Ich hatte heuer im Sommer das Glück, Dr. Georg Meister, den früheren Leiter des Nationalparks Berchtesgaden (Die Zeit des Waldes; Tatort Wald) auf einer Fotowanderung durch den Nationalpark Bayerischer Wald begleiten zu dürfen. Er hat mir sozusagen sein geschultes Auge geliehen und mir viele Beispiele für Wildverbiss gezeigt. Seither sehe ich Wildverbiss. Und zwar fast in jedem Wald, den ich betrete. (Was keine wirkliche Freude ist, aber ein Zeichen für eine weiterentwickelte Wahrnehmung.)

Zurück zum Thema Intuition. Nun fragen wir den "ganz normalen Menschen" von oben, ob es zu viel Wild in unseren Wäldern gibt. "Rein intuitiv" wird er Ihnen antworten, dass er sich das kaum vorstellen kann – man sieht ja nur so selten welches. Fragen Sie Bauern, deren Felder am Waldrand liegen, erhalten Sie eine ganz andere Intuition. Die erzählen Ihnen lange und aufgebracht, welche Schäden das Wild jedes Jahr an ihren Ernten anrichtet. Die Jagdlobby wird diese Aussagen aufgrund ihrer Erfahrung (= Intuition) stark relativieren und die von staatlichen Stellen vorgegebenen Abschussquoten als völlig überzogen bezeichnen. (Die beiden Beispiele zeigen, dass Intuition nicht nur von Erfahrung, sondern auch von Interessen bzw. unserem gesamten Denksystem beeinflusst sein kann.) Und wenn Sie Dr. Meister fragen, wird er Ihnen sehr fachkundig und überzeugend darlegen, dass unsere Wildbestände um ein Vielfaches zu hoch sind, mit der Folge, dass die natürliche Waldverjüngung stark gestört und die Schutzfunktion des Waldes gefährdet ist. Nach zehn Minuten in einem fremden Wald kann Ihnen der alte Meister "rein intuitiv", aber dennoch ziemlich präzise sagen, um wie viel die Wildbestände hier zu hoch sind.

Überindividuelle Erfahrung

Aber welche der vier Intuitionen ist nun die Richtige, Treffende? Das hängt, wie die Beispiele 2 und 3 zeigen, wohl auch ein bisschen von der Interessenlage ab. Ich persönlich neige "rein intuitiv" dazu, dem Dr. Meister zu glauben – nicht nur, weil er mir mit seinen Büchern und Worten "die Augen geöffnet" (älterer Ausdruck für "meine Intuition trainiert") hat. Sondern auch, weil mich meine Erfahrung (Intuition) lehrt, eher solchen Menschen zu vertrauen, die ihre Maßstäbe und Kriterien offenlegen und dabei authentisch sind, als solchen, die sich auf nicht näher dargelegte Erfahrung und Expertise berufen.

Doch woher kommt die Intuition, wessen Intuition man vertrauen soll und wessen nicht? Wie beurteilen wir eigentlich "intuitiv", was authentisch und glaubwürdig auf uns wirkt und was nicht? Hier stoßen wir auf eine Quelle der Intuition, die wohl nicht allein der individuellen Lebenserfahrung entspringt. Trotzdem handelt es sich dabei um nichts Metaphysisches, sondern vermutlich nur um phylogenetische Erfahrung, also um solche, die die Menschheit im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte erworben hat. Vermutlich hat es sich im Laufe der Phylogenese als Überlebensvorteil erwiesen, richtig einschätzen zu können, wem man vertrauen sollte und wem besser nicht.

Es ist gut möglich, dass gerade im Bereich unserer sozialen Intuitionen auch "angeborene" Komponenten eine Rolle spielen – das wusste ich noch nicht, als ich meinen Artikel zum Thema Intuition geschrieben habe (insofern wäre mal eine Überarbeitung fällig). Ich habe gerade begonnen, Marc Hausers "Moral Minds" zu lesen. Nach seinen Untersuchungen und Recherchen scheint es so zu sein, dass wesentliche Elemente unseres Rechts- und Gerechtigkeitsempfindens nicht auf unsere eigene Erfahrung und noch weniger auf philosophische Erwägungen zurückgeht, sondern auf die zu genetischem Code gewordene Lebenserfahrung von Tausenden Generationen unserer Vorfahren. (Was auch erklären würde, weshalb die Rechtsphilosophie so furchtbare Schwierigkeiten hat, unserem Gerechtigkeitsgefühl ein (pseudo)rationales Fundament zu liefern.)

Allerdings ist das wohl nicht so zu verstehen, dass das menschliche Gerechtigkeitsgefühl hardware-verdrahtet und damit unabänderlich ist. Erziehung und Kultur, aber auch eigene Wertentscheidungen vermengen sich mit angeborenen Elementen zu einem untrennbaren Amalgam, und was in einer konkreten Situation dabei als Intuition herauskommt, ist weder unfehlbar noch einheitlich. Nichts könnte sich fundamentaler unterscheiden als das intuitive Gerechtigkeitsgefühl eines aufgebrachten Mobs und das eines Experten für Strafprozessrecht.

"Was lernt uns dies?" Meine vorläufige Antwort auf Ihre Titelfrage müsste wohl lauten:

Ja, Intuition ist trainierbar. Aber nicht durch Intuitionstrainings.


Ich bin gespannt auf Ihre Gedanken dazu!

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Autor: Mary
Erstellt: 18.02.2008 - 12:07
Betreff: re: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Herr Berner!

Ich freue mich über Ihre Reaktion auf meinen Beitrag, zumal ihr Artikel meine Synapsen trotz ziemlicher Übermüdung am heutigen Abend in rege Bewegung bringt, womit ich nicht mehr gerechnet hatte (-;

Das Phänomen der erweiterten Wahrnehmung - was Sie nach dem Wissen um den Wildverbiss beschreiben - kenne ich auch aus verschiedenen Bereichen sehr gut. Besonders abstrus wurde ich von diesem Phänomen heimgesucht, nachdem mir ein Freund das Schweißen beigebracht hatte: Tagelang sah ich überall Schweißnähte und begutachtete im Kopf ihre Güte ("Aha, schöne Schuppennaht" oder "Mmh, ziemlich geschlampt und nicht ordentlich geschliffen..."). Zuvor hatten Schweißnähte mich völlig kalt gelassen...Hier zeigt sich aber mal wieder, dass man zu Themen, die man sich vertraut macht, auch plötzlich Emotionen entwickelt, selbst bei Schweißnähten.
Das Beispiel aus dem Buch von Daniel Quinn - ist das nicht der Autor von "Ismael"? - finde ich sehr anschaulich!

Doch zurück zum eigentlichen Thema und der Frage, ob Intuition trainierbar ist.
Was ist eigentlich so toll an der Intuition und warum wollen Menschen sie überhaupt verbessern?

In einem anderen „Spiegel“ Artikel mit dem Titel „Warum das Bauchgefühl an der Börse versagt“, wird der Sozialpsychologe Daniel Kahnemann zitiert. Auf die Frage „Kann ich meinen Intuitionen trauen“ gibt er die Antwort: „In manchen Situationen ja, in manchen nein, vor allem wenn es um Geld geht“. Nun, diese Antwort klingt in meinen Ohren zunächst ziemlich frustrierend. Warum sollte ich mit einem so fehlerbehafteten Konstrukt auseinandersetzen?

Die Antwort kann nur lauten: Weil mir manchmal kaum etwas anderes übrig bleibt, da manche (Entscheidungs-) Situationen so komplex sind und ich auch nicht immer die Zeit habe, alle Fakten und Hintegrundinformationen zu erwerben. Dann muss ich den schnelleren Verarbeitungsweg wählen und auf Heuristiken – also Faustregeln - und vielleicht noch auf andere Informationsquellen (Stichwort „überindividuelle Erfahrungen“) zurückgreifen.
Die Frage danach, ob sich Intuition trainieren lässt, sollte ich vielleicht eher umformulieren in: Kann ich lernen, in welchen Situationen ich meiner Intuition trauen kann und wann nicht? Und besteht die Möglichkeit, meine Intuition weniger fehleranfällig zu machen?

Bei dem Begriff „Intuition“ kommt es immer wieder zu Konfundierungen, am häufigsten mit dem Begriff „unbewusst“ und „emotional“. Als intuitiv wird zumeist jede Entscheidung, die nicht bewusst herbeigeführt oder die emotional getroffen wurde, bezeichnet.
Damit von Intuition gesprochen werden kann, muss die Erkenntnis über einen Gegenstand jedoch „a priori“, d.h. vor der Entstehung einer Theorie zu diesem Gegenstand, also atheoretisch, sein.
Bei einer intuitiven Entscheidung werden Informationen anders verarbeitet als beim Nachdenken, nämlich nicht mittels bewusster Verknüpfung wie z.B. durch die Regeln der Logik oder der Wahrscheinlichkeit. Dieses geht mit einer hohen Verarbeitungsgeschwindigkeit einher (daher auch die oft „schlagartige Erkenntnis“ bei einer Intuition).

Ich möchte das am Beispiel des „intuitiven Bogenschießens“ einmal verdeutlichen: „Intuitiv“ bedeutet in diesem Fall, dass das Treffen des Ziels nicht von der bewussten Berechnung und Einhaltung verschiedener Parameter abhängt, wie es mir z.B. ein moderner Sportbogen ermöglicht. Im „konventionellen“ Sportschießen sucht sich der Schütze einen festen Anker – zumeist in seinem Gesicht – auf den er seine Sehne und den Pfeil immer wieder zurückzieht. Mit dem Visier fixiert er das Ziel und versucht dabei, immer wieder genau die Bewegungen zu wiederholen, die optimale Treffer erzielen: Gleicher Anker, gleiche Armhaltung, gleiche Anvisierung des Ziels, möglichste gleicher und ruhiger Release („loslassen“) der Sehne. Hält der Schütze diese Parameter konstant ein, erhöht sich die Trefferquote. Er muss diese Parameter immer wieder bewusst durchgehen und überprüfen.

Beim „intuitiven“ Bogenschießen interessieren den Schützen diese Parameter zunächst nicht. Der Bogen ist blank – bietet also keine Hilfsmöglichkeiten wie Visier, Pfeilauflage, Stabilisatoren usw. Ein fester Ankerpunkt wird nicht angestrebt. Auf das Ziel wird lediglich „nach Gefühl“ geschossen, die ersten Male zumeist mit eher schlechten Ergebnissen. Und nach längerem Training stellt sich der Effekt ein, dass der Körper einfach „weiß“, wie man zu schießen hat, um zu treffen, selbst, wenn sich die Parameter ständig und blitzartig verändern, wie das zum Beispiel beim Bogenschießen vom Pferd der Fall ist. Hier sind der Schütze so wie das Ziel ständig in Bewegung und die Prozesse müssen so schnell ablaufen (zumindest im Galopp), dass kein Nachdenken, bewusstes Zielen und „ankern“ möglich sind. Und doch verrechnet unser Gehirn irgendwann blitzschnell die Informationen, die es erhalten hat, zu einem Ganzen und kann auch in neuen Situationen, bei denen die Parameter von den vorherigen abweichen, erstaunlich präzise Ergebnisse erzielen. Aber – hierzu ist mal wieder sehr viel Arbeit und Training notwendig.

Nun, die meisten Menschen kommen wohl eher selten in die Situation, vom Pferd aus Bogen zu schießen (auch wenn ich es als „Intuitionstraining“ wärmstens empfehlen kann!!), aber fast alle kennen Situationen, in denen wir unmöglich alle Parameter erfassen können, die wir für eine reine „Vernunftentscheidung“ bräuchten. Dann wünschen wir uns eine gute Intuition!

Und wie kann ich diese verbessern?

Bleibe ich mal beim Beispiel des „Bogenschießens vom Pferd“: Der erste Schritt zum „intuitiven Treffen“ besteht ganz profan im Erlernen von Techniken. Wie muss ich den Bogen halten, wie reite ich das Pferd im Galopp freihändig, wie nocke ich meine Pfeile aus der Bewegung auf usw.

Also Schritt 1: Wissen erwerben
Schritt 2: Machen, machen, machen!
Und dann kommt Schritt 3, der am interessantesten ist, und wohl am meisten mit „Intuition“ zu tun hat: Loslassen!

Fixiere ich mich darauf, das Ziel unbedingt treffen zu wollen oder habe ich Angst, dass ich vom Pferd fallen könnte, treffe ich natürlich nicht. Lasse ich von dem Wollen und den Ängsten los, klappt’s plötzlich.

Intuition scheint also dann am besten zu funktionieren, wenn wir von bewussten Prozessen, Wünschen und Vorstellungen loslassen können. Und Voraussetzung dafür ist, dass wir uns zuvor mit diesen bewussten Prozessen auseinandergesetzt haben, um sie überhaupt loslassen zu können. Das Loslassen allein scheint wenig hilfreich, wenn da vorher nix ist!

Ein Intuitionstraining könnte somit zunächst mit einem „Wahrnehmungstraining“ beginnen (Sie schreiben so schön von „Augen öffnen“). Je mehr ich in der Lage bin, Dinge wahrzunehmen, umso mehr Möglichkeiten zu Verknüpfungen von Informationen biete ich meinem Gehirn. Wahrnehmen ist dabei leichter gesagt als getan, weil viele unserer Wahrnehmungskanäle chronisch verstopft sind und wir nicht selten „Satelliten unserer Selbst“ sind.
Dann müsste eine Art „Täuschungspräventionstraining“ erfolgen, in dem ich mit eben diesen Prozessen des Wollens auseinandersetze, die meine vermeintliche Intuition eher zu Wunschdenken oder Vorurteilen machen.
Und dann – nun – wie trainiert man „Loslassen“? Hier könnten die guten, alten psychologischen Entspannungstechniken zum Einsatz kommen, die helfen, meine Gehirn in einen Zustand erhöhter Aufnahmebereitschaft zu versetzen und störende Faktoren wie Grübeleien und Ängste (kurzum:Anspannung) herabzusetzen.

Hmm, das wäre vielleicht was. Gibt es das eigentlich schon?

Jetzt verlassen mich meine Synapsen. Ich bin gespannt auf Reaktionen.

Herzliche Grüße und Gute Nacht,

Mary Niegot
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 12:13
Betreff: re: re: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Frau Niegot,

viele spannende Fragen und Gedanken! Ich will mal versuchen, einige Ihrer Bälle aufzunehmen und weiterzuspielen.

Zunächst zum Begrifflichen: Ich habe Zweifel, ob es sinnvoll und zielführend ist, Intuition völlig von "unbewusst" und "emotional" zu trennen. An welchen beobachtbaren / nicht rein definitorischen Merkmalen würden wir eine intuitive Entscheidung von einer unbewussten und/oder einer emotionalen unterscheiden? Äußern sie sich nicht alle drei in dem subjektiven (wenn auch möglicherweise falschen) Gefühl, das Richtige zu wissen und zu tun? Falls ja, wie und woran unterscheiden wir sie dann?

Auch mit der A-Priori-Erkenntnis habe ich Probleme. Ihr wunderbares Beispiel mit dem Bogenschießen vom galoppierenden Pferd (von dem ich auch ansonsten tiefen Respekt habe) und Ihr treffender Leitsatz "Machen, machen, machen" zeigt doch, dass die Grundlage der (oder wenigstens dieser) Intuition eine gereifte, trainierte Erfahrung ist.

Mein Eindruck ist generell, mit dem Konzept des "a priori" haben die Philosophen sich in fremdem Terrain verlaufen. Sie betrachten damit nur den ontogenetischen Aspekt, also die Erfahrungen der eigenen Lebensgeschichte, übersehen aber den phylogenetischen Hintergrund. Nicht in unserer körperlichen Konstitution, sondern auch in unserer gesamten Wahrnehmung und unserem Verhalten spiegelt sich die Lerngeschichte unserer Spezies, und darüber hinaus die unserer Gattung und unseres Stammes. Sie sind, wie Richard Dawkins es prägnant formuliert hat, als "simple rules of thumb" in unsere "Hardware-Verdrahtung" (sorry, dieser Stilbruch ist nicht von Dawkins) eingeflossen. Ein phylogenetisches "A Priori" ist aber kaum denkbar; das wäre reines Stochern im Nebel der Vorgeschichte.

Gut vorstellbar, dass diese "simplen Faustregeln", die uns die Evolution eingepackt hat, eine wesentliche Quelle unserer Intuition sind. Das würde auch unsere Erklärungs- und Begründungsnot – siehe obiges Beispiel mit der Rechtsphilosophie – erklären.

Unterschiedliche Arten von Intuition

Aus Ihren Ausführungen ist mir deutlich geworden, dass ganz unterschiedliche Dinge gemeint sein können, wenn der Begriff Intuition verwendet wird. Hier ein erster und vermutlich unvollständiger Versuch:

1. Ein blitzartiges Reagieren, wenn wir in einer überraschenden Situation "intuitiv" das Richtige (oder Falsche) tun, ohne darüber auch nur ansatzweise nachgedacht zu haben – und viel, viel schneller, als wenn wir erst zu denken versucht hätten;

2. das treffsichere (oder danebenliegende) Handeln in einer Situation von hoher Komplexität, das weit jenseits der Möglichkeiten unserer bewussten Denkkapazitäten liegt (wie in Ihrem Beispiel mit dem galoppierenden Bogenschießen);

3. das Treffen einer schwierigen "Entscheidung unter Ungewissheit", mit dem sich Daniel Kahneman und sein verstorbener Forscherkollege Amos Tversky sehr intensiv und fruchtbar befasst haben.

Zusätzlich scheint mir eine weitere Unterscheidung sinnvoll, nämlich:

* (Weitgehend) konkurrenzfreie Situationen;

* Konkurrenzsituationen im weitesten Sinne.

Für Typ 2 haben Sie mit dem intuitiven Bogenschießen vom galoppierenden Pferd ein wunderbares Beispiel geliefert, und ich kann Ihrem "Lösungsrezept" mit den drei Schritten nur zustimmen. (Manchmal entfällt der erste, wenn sich das erforderliche Know-how nicht kommunikativ vermitteln lässt, aber das ändert nichts am Prinzip.)

Ein ganz anderes Beispiel, das Ihr Prinzip bestätigt, ist das sogenannte "Berechnen" von Flanken und Eckbällen durch einen Fußballtorwart. Ich habe in meinen aktiven Jahren keinen Torwart kennengelernt, der dazu in der Lage gewesen wäre, die mathematische Funktion für das "Berechnen" eines Eckballs auch nur ansatzweise zu durchdringen, geschweige den in den paar Sekunden zwischen Anlauf des Schützen und der Ankunft des Balles im Strafraum. (Reden wir also gar nicht von einer aus dem Lauf oder aus einer Drehung geschlagenen Flanke.) Trotzdem hatten einige von ihnen (und das schienen mir nicht immer die mit der höchsten mathematischen Intelligenz zu sein) die Eckbälle und Flanken in geradezu bewundernswürdiger Weise "berechnet" und zum öffentlichen Beweis der Richtigkeit ihrer Rechenkunst auch noch im Sprung aus der Luft gefangen. Ich selber war auf der Linie recht gut, aber schlecht in der "Strafraumbeherrschung". Nach Ihrer Darlegung liegt der Grund auf der Hand: Ich hatte mich zu sehr auf meine Genialität verlassen und versucht, mir die Mühsal des Übens zu ersparen.

Intuition ist trainierbar II

Typ 1 unterscheidet sich von Typ 2 dadurch, dass wir mit einer (unliebsamen) Überraschung konfrontiert werden und darauf spontan richtig reagieren sollten. Beispiel: Sie sind mit Ihrem Auto eine Kurve etwas zu forsch angefahren, die Straße ist rutschig vom nassen Herbstlaub, Sie merken erschrocken, dass Ihr Auto ausbricht, gehen "intuitiv" vom Gas – und haben, ehe Sie sich's versehen haben, gewendet. Wenn Sie Glück hatten, sind Sie auf der Straße geblieben und hatten keine Berührung mit anderen Verkehrsteilnehmern, Bordsteinen oder anderen Verkehrshindernissen.

Was ist geschehen? Physikalisch ganz simpel, haben Sie die Haftreibung Ihrer Reifen überbeansprucht. In einer Situation, die ohnehin an der Haftgrenze war, haben Sie durch das Gaswegnehmen und die Bremswirkung des Motors die Vorderachse stärker belastet (= mehr Haftung) und die Hinterachse entlastet (= weniger Haftung). Weil Sie bzw. Ihr Auto vorne mehr Bodenhaftung hatten als hinten, hat die Hinterachse Sie überholt: Ein lebensgefährliches Beispiel dafür, dass uns unsere untrainierte Intuition auch ins Verderben schicken kann. (Trotzdem kein Grund für Reklamationen und Regressansprüche: Der Hersteller würde mit Recht darauf hinweisen, dass unsere Intuition für solche Zwecke nicht konstruiert ist.)

Doch obwohl dies nicht der bestimmungsgemäße Gebrauch unserer Intuition ist und eine Gewährleistung von daher ausscheidet, ist es nicht schwer, sie auch für solche Zwecke zu trainieren. Eine kurze Erläuterung (Ihr Schritt 1), ein paar Übungen auf abgesperrter Strecke (Ihr Schritt 2), und Sie haben gelernt, in schlüpfrigen Situation, statt vom Gas zu gehen, sofort auszukuppeln. (Dann ist auch egal, ob Sie das Gas wegnehmen.) Die Physik dazu: Durch das Auskuppeln üben weder Motor noch Getriebe Kraft auf die Räder aus und beanspruchen daher auch keine Haftreibung. Infolgedessen steht die volle Haftreibung für die Seitenführung zu Verfügung, und das sollte reichen, um Sie heil um die Ecke zu bringen.

Das Beispiel zeigt: Selbst wenn uns eine falsche Reaktion intuitiv naheliegt (und möglicherweise sogar Hardware-gestützt ist), ist es möglich, diese unbrauchbare Intuition durch Training mit einer besseren zu überschreiben. Noch besser: Man kann das sogar relativ schnell lernen – viel schneller vermutlich als Bogenschießen vom Pferd.) Das Prinzip dabei ist genau das, das Sie in Ihren drei Schritten beschrieben haben. Entscheidend scheint mir dabei der Mittelteil: "machen, machen, machen"! (Jährliche Auffrischung empfohlen.)

Das "Loslassen" ist in diesem Fall übrigens früher gefordert: Entscheidend und zugleich die größte Schwierigkeit ist das "Loslassen" der alten Intuition, wenn das Auto rutscht. Beim ersten Mal ist das Auskuppeln eine echte Überwindung – das geht einem voll gegen das "Gefühl" (bzw. die glasklare Intuition, was in dieser Situation richtig oder falsch ist). Aber wenn man dann erlebt, dass sich das Auto tatsächlich wieder fängt, wenn man auskuppelt, wird auch die "alte Intuition" kleinlauter und lässt sich schließlich gegen eine neue auswechseln.

Trotz des Unterschieds zwischen Schreckreaktion (Typ 1) und absichtlichem Handeln (Typ 2) scheinen mir die Parallelen zu überwiegen: Erstens werden beide Intuitionen durch Training besser, zweitens nähern sie sich asymptotisch einer "relativen Unfehlbarkeit": Zwar können weder der Bogenschütze noch der Torwart oder der Autofahrer die Grenzen von Physik, Chemie etc. überwinden, aber innerhalb dieser Grenzen nähern sie sich dem Idealzustand: einer nahezu unfehlbaren Intuition, der man blind (naja) vertrauen kann. Ein Misstrauen gegen die eigene Intuition scheint mir in diesem Fall völlig überflüssig: Solange die Reifen aus Gummi und die Bälle aus Leder (oder etwas Ähnlichem) sind, wird die trainierte Intuition optimal funktionieren, d.h. so gut, dass durch Rationalität keine Verbesserung möglich ist.

Entscheidungssituationen

Dass die trainierte Intuition in obigen Situationen so treffsicher ist, hängt allerdings mit drei zusätzlichen Faktoren zusammen:

* Erstens dass die Handlungssituationen zwar komplex, aber (im Prinzip) vollständig bestimmt sind.

* Zweitens dass sie (weitgehend) frei von starken Emotionen / Wünschen sind.

* Und drittens, dass niemand versucht, unsere Intuitionen gezielt zu seinem Vorteil (und damit potenziell zu unserem Nachteil) zu steuern.

Mit dem ersten Punkt meine ich: Sowohl Pfeil und Bogen als auch Pferd und Zielscheibe befinden sich in einem gemeinsamen Raum an angebbaren (und zu jedem Zeitpunkt eindeutig bestimmbaren) Plätzen. Das ist eine prinzipiell andere Situation als bei einer Entscheidung unter Ungewissheit, wo zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht feststeht, wie manche Variablen (wie etwa die Konjunktur, die Rohstoffpreise oder das Verhalten der Wettbewerber und Kunden) sich entwickeln werden. Auf das Bogenschießen übertragen, ist das, wie wenn Sie bei Nebel und Dämmerung auf eine Scheibe schießen, von der Sie damit rechnen müssen, dass sie im Moment Ihres Schusses durch eine Windböe verschoben, vielleicht auch auf die Seite gedreht wird. Hier wäre es nicht Intuition, sondern Präkognition, wenn Sie mit Ihren Entscheidungen immer richtig lägen. Denn viele der relevanten Fakten stehen zum Zeitpunkt der Entscheidung noch gar nicht fest.

Trotzdem unterlaufen uns und unserer Intuition hier systematische (und damit unnötige) Fehler. Kahneman, Tversky und Kollegen haben in bahnbrechenden Arbeiten (unter anderem) erforscht, nach welchen Gesetzmäßigkeiten wir uns bei der Analyse und Bewertung von Entscheidungssituationen irren. Daraus hat sich die "Prospect Theory" entwickelt, aber auch das spannende Feld der "Behavioral Economics". Ein ebenso lesenswertes wie nützliches Buch hierzu stammt von Gary Belsky und Thomas Gilovich Why Smart People Make Big Money Mistakes and How to Correct Them.

Fehlleitung von Intuitionen und Selbstbetrug

Die Behavioral Economics befassen sich auch mit dem zweiten Aspekt, den Emotionen. Hier sind zwei wahrscheinlich besonders wichtig für die Fehlleitung von Intuition, nämlich Angst und Gier (wobei Gier im Grunde auch eine Angst ist, nämlich die, zu kurz zu kommen). Die beiden eignen sich hervorragend, um beispielsweise an den Kapitalmärkten massenpsychologische Überschwingeffekte auszulösen.

Vermutlich ist der zugrunde liegende Mechanismus ein Erbstück aus der Menschheitsgeschichte: Wenn alle wegrannten, war es vermutlich überlebensfördernd, ohne langes Nachdenken auch wegzurennen. Und wenn alle irgendwo hin strömten, war es vermutlich nahrhaft, mitzurennen und beherzt zuzugreifen. Wer zu spät rannte, den bestrafte der Säbelzahntiger, und wer zu spät kam, ging leer aus. Beide Verhaltensmuster scheinen in unseren Genen "a priori" verankert zu sein, weil sie unter natürlichen Lebensbedingungen eine gute Kosten-Nutzen-Bilanz hatten: Es gab viel zu gewinnen, und das maximale Risiko war, bei einem falschen Alarm ein paar Kalorien (die damals noch beliebter waren als heute) umsonst verbrannt zu haben.

Der gleiche Mechanismus kann in einer Marktwirtschaft zu drolligen Effekten führen. Wenn sich zum Beispiel am Kapitalmarkt alle auf die Werte stürzen, auf die sich alle anderen auch stürzen, dann führt das zu einer optischen Aufblähung der Beute: Die Nachfrage steigert den Preis, jedenfalls solange sie anhält. Also sehen alle mit Freude, dass ihre "Intuition" richtig war, und ordern noch mehr – und genau die Tatsache, dass sie und viele andere das tun, läst sie recht behalten und noch fester an ihre Genialität glauben. Warum bloß haben sie nicht von Anfang an mehr geordert, wo sie doch den richtigen Riecher besessen hatten?! Umso mehr, gilt es nun, das Versäumte nachzuholen: "Wir basteln uns eine Blase."

Umgekehrt funktioniert es genauso: Sobald die ersten wegrennen, sinkt der Preis. Was von hochbezahlten Analysten anfangs noch als "technische Reaktion" fehl-erklärt wird, entwickelt sich zur sich selbst bestätigenden Massenpanik, der sich bald auch die Analysten anschließen, mit verdächtig geringem Vertrauen in ihr eigenes Urteil. Und siehe da: Wieder sehen alle, dass sie mit ihrer "Intuition" richtig lagen, und bedauern nur, dass sie ihr nicht ausreichend vertraut und gleich am ersten Tag des Umschwungs ihre gesamten Bestände verkauft haben.

Aber natürlich ist dies kein Mangel an "intuitiver Intelligenz" oder an Vertrauen in die eigene Intuition, sondern blanker Selbstbetrug. In Wirklichkeit haben all diese Marktteilnehmer (einschließlich der allermeisten Banker und Analysten) in jeder Phase des Prozesses voll ihrer Intuition vertraut und danach gehandelt. Am Anfang des Booms hatten sie eben noch kein Vertrauen in den Aufschwung, deshalb haben sie nur zaghaft investiert. Später trieb sie die Angst, zu kurz zu kommen, zu gierigen Investitionen. Kurz nach dem Wendepunkt schwankten sie noch zwischen aufkommender Angst und fortbestehender Gier, deshalb verkauften sie nur zögernd. Und im Crash trieb sie die nackte Panik, gefressen zu werden, zu Panikverkäufen. Nur deshalb taten sie das Dümmste, was man tun kann, nämlich in einen nicht aufnahmebereiten Markt zu verkaufen.

Der Wunsch, über ein Intuitionstraining zu lernen, besser und konsequenter auf die eigene Intuition zu hören, ist nicht die Lösung, sondern Teil des Problems: der selbstbetrügerischen Neigung, den fehlerhaften Teil der eigenen Intuition rasch zu vergessen und jenen Teil zu glorifizieren, der sich im Nachhinein als richtig herausgestellt hat. Das hat meines Erachtens weit mehr mit Illusion zu tun als mit Intuition.

Intuition mit Gegenspielern

Beim Bogenschießen, im schleudernden Auto und beim Berechnen des Eckballs haben wir außer der Realität (und uns selbst) keinen Gegner. Einmal abgeschossen, fliegen Pfeil und Ball, wie sie fliegen, und nur noch die Naturgesetze wirken auf sie ein. Auch das schleudernde Auto folgt einzig und allein den auf es einwirkenden physikalischen Kräften – im Guten (Auskuppeln!) wie im Bösen. In vielen Lebenssituationen hingegen haben wir es mit Gegenspielern zu tun, für deren Erfolg es fatal wäre, wenn unsere Intuition uns optimal beriete – und für die es viel vorteilhafter ist, zu versuchen, unsere Intuition in ihrem Interesse zu manipulieren, uns also zu "falschen Intuitionen" zu veranlassen.

Hier treten plötzlich zwei intuitive Systeme in Konkurrenz, was einen enormen Selektionsdruck auf die Weiterentwicklung beider intuitiver Systeme ausübt. Besonders vorteilhaft wäre dabei die Fähigkeit, das intuitive System der Gegenseite im eigenen Interesse zu manipulieren. Viele Vögel haben zum Beispiel ein "Raubvogelschema" in ihrem Wahrnehmungssystem einprogrammiert. Wenn eine entsprechende Silhouette am Himmel auftaucht, rät ihnen eine starke Intuition, sich unverzüglich in Deckung zu begeben. Was für die Hühner gut ist, ist schlecht für die Bussarde. Deshalb setzen sich im Bussard-Genpool jene Mutanten durch, die eine Strategie besitzen, die Intuition ihrer Möchte-ungern-Beutetiere zu überlisten.

Mit anderen Worten, die Evolution fördert bei Hühnern Intuitionen, die schlecht für Bussarde sind, und bei Bussarden Intuitionen, die schlecht für Hühner sind. Spätestens wenn sich bei der einen Art eine (für sie) erfolgreiche Mutante durchzusetzen beginnt, würde bei der anderen eine Mutante hoch belohnt, die dafür eine wirksame Gegenstrategie liefert. Ähnliches gilt auch für die innerartliche Konkurrenz, wo es ja auch vielfältigen Wettbewerb um knappe Ressourcen gibt. Wie kann man unter solchen Umständen naiv an die Unfehlbarkeit seiner Intuition glauben?! Intuitionen sind ohne Zweifel ein cleveres Konzept der Evolution – der einzige Haken ist, dass sie unsere Konkurrenten auch damit ausgestattet hat. Gerade deshalb können in Konkurrenzsituationen nicht alle teilnehmenden Intuitionen optimal, geschweige denn unfehlbar sein. Schade natürlich, aber so ist das Leben.

So weiß ein guter Verkäufer "intuitiv" und/oder aus Erfahrung, welche Knöpfe er bei seinen Kunden drücken muss, um sie zu einer für ihn, den Verkäufer, vorteilhaften Intuition zu führen. Robert Cialdini hat diese Mechanismen in seiner Psychologie des Überzeugens brillant herausgearbeitet. Zum Einfallstor für Manipulationen wird dabei genau die Tatsache, dass die phylogenetische Basis dieses vermeintlich sicheren A-Priori-Wissens nur "simple rules of thumb" sind, die (intuitiv oder durch systematisches Studium) durchschaut werden können und damit anfällig für Manipulationen sind. Viele unserer Intuitionen sind für gute Beobachter vorhersagbar. Falls diese Beobachter also zufälligerweise in Konkurrenz zu uns stehen, müssen sie nur die (für sie) richtigen Intuitionen in uns auslösen, um zu ihrem Ziel zu kommen. Ein einziger Bummel durch eine Fußgängerzone konfrontiert uns mit so vielen Einladungen zum Entwickeln unvorteilhafter Intuitionen, dass es für mehr als eine Habilitation reichte: von den Bettlern, die ihre bemitleidenswerte Lage professionell-dekorativ ausstellen bis hin zu den Superschnäppchen, die selbstverständlich nur noch diese Woche gelten.

Falls all das auch nur halbwegs richtig sein sollte, hieße das in der Konsequenz: Unseren sozialen Intuitionen können wir weitaus weniger blind vertrauen als jenen beim Umgang mit einer "interesslosen Realität". Denn es könnte immer sein, dass jene Intuition, die uns gerade ein starkes Signal gibt, keineswegs aus einem tiefen A-Priori-Wissen kommt, sondern einer geschickten Manipulation unserer Realitätswahrnehmung entspringt. Das naive Vertrauen in die Unfehlbarkeit unserer Intuition wird in diesen Fällen mit empfindlichen Geld- und Freiheitsstrafen bestraft.

Da unsere Intuition jedoch ein offenes, lernfähiges System ist, können wir sie auch für solche Bedingungen kultivieren. Was geradewegs in ein "intuitives Wettrüsten" mündet: keine sehr harmonische Konsequenz, aber wahrscheinlich eine realistische. Auch hier zählt am Ende, wie bei jeder Strategie, der relative Wettbewerbsvorteil: Solange Sie zu den wenigen zählen, die auf eine bestimmte Manipulationsstrategie nicht mehr anspringen, sind Sie im Vorteil. Denn solange das nur eine Minderheit ist, lohnt es sich für die "Gegenseite" nicht, eine Gegenstrategie zu entwickeln. Wenn Ihre Strategie sich jedoch durchzusetzen beginnt, steigt die "Belohnung" für das Entwickeln einer Gegenstrategie.

Das heißt in der Konsequenz: Je "exklusiver" und untypischer Ihre Intuitionen sind, desto eher dürfen Sie ihnen auch in sozialen Situationen vertrauen; je mehr Sie hingegen dazu neigen, sich "rein intuitiv" ähnlich zu verhalten, wie sich andere Leute in der gleichen Situation auch verhalten, desto mehr sollten Sie für möglich halten, dass Ihrer Intuition von interessierter Seite "nachgeholfen" wurde.

So viel für den Moment – es ist ohnehin schon viel zu lange geworden ...

Freundliche Grüße

Winfried Berner

PS: Ja, Daniel Quinn ist der Autor von Ismael - ein Buch, das mich ziemlich bewegt und beeinflusst hat.
Autor: Mary
Erstellt: 18.02.2008 - 12:15
Betreff: re: re: re: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Herr Berner,

unser Austausch zum Thema Intuition verdeutlicht mir, dass der Begriff immer komplexer wird, je mehr man sich mit ihm beschäftigt.

Zunächst einmal zur Definition des Begriffs:
Es geht mir nicht darum, die Intuition völlig von „unbewusst“ und „emotional“ zu trennen, beinhaltet sie doch beides. Wichtig erscheint es mir lediglich, nicht alle unbewussten und emotionalen Entscheidungen als „Intuition“ zu bezeichnen, denn dann bräuchten wir die Begriff „Intuition“ ja nicht mehr.

Ihre Ausführungen zu dem Thema verdeutlichen, dass eine Definition von Intuition extrem schwierig ist, zumal ein neuer Begriff ins Spiel kommt, der wohl wieder für Konfundierungen sorgt: Der des „Instinktes“.

Als Instinkt wird der „Naturtrieb“ bezeichnet, nämlich
„die Fähigkeit von Tieren und Menschen, mittels ererbter Koordinationssysteme des Zentralnervensystems bestimmte vorwarnende, auslösende und richtende Impulse mit wohlkoordiniertem lebens- und arterhaltendem Verhalten zu beantworten. Instinktives Verhalten ist angeboren.“ (Quelle: Konrad Lorenz „Über tierisches und menschliches Verhalten“.)

In diesem Sinne ist die Reaktion von Hühnern und Raubvögeln wohl eher als instinktives Verhalten zu bezeichnen. Eine spannende Frage ist nun, ob das Verhalten der Aktienspekulanten z.B. bei Kurseinbrüchen auch eher als „instinktiv“ zu bezeichnen wäre, entspringt es doch den „evolutionären Frühtagen“ (SPIEGEL) des Menschen, nämlich dem Flucht oder Kampfimpuls bei starken negativen Reizen. Diese sind im Gehirn der Tätigkeit der Amygdala zuzuschreiben, und der Neurologe Antonio Damasio bringt es auf den Punkt wenn er sagt, dass die Amygdala zum Zwecke des Überlebens geschaffen wurde und nicht für die Börse.

Tja, nun ist die Begriffsverwirrung groß, und um noch einen drauf zu setzen, möchte ich ein weiteres Phänomen ins Spiel bringen, das ebenfalls oft mit Intuition in Verbindung gebracht wird: Das der „Vorahnung“ oder „Präkognition“, die Sie bereits weiter oben erwähnen.
Heutzutage steht das Ziel beim Bogenschießen vom Pferd in den meisten Fällen tatsächlich still, anders als zu Zeiten der alten Steppenkrieger. Allerdings gelingt es dem Rekordhalter in dieser Disziplin – dem Ungarn Lajos Kassai -, bewegliche Ziele, die aus unterschiedlichen Richtungen in die Luft geworfen werden, vom galoppierenden Pferd aus so gut wie immer zu treffen. Was für ein „7. Sinn“ (noch ein Synonym für Intuition) ist hier im Spiel?

Vor einiger Zeit ist mir folgendes passiert: Ich bin über eine grüne (!) Fußgängerampel gegangen, als mich plötzlich das Gefühl überkam, dass gleich etwas Schreckliches passieren wird und ich schaue „intuitiv“ nach rechts. Da sehe ich ein Auto sehr schnell auf mich zukommen (wie gesagt, ich hatte Grün), werfe alles von mir, springe hoch und rolle auch schon über die Motorhaube. Zum Glück hatte ich nur ein paar Prellungen (und einen riesigen Schock, denn auch wenn das nach einem „tollen Stunt“ klingen mag, so war die Situation doch einfach nur schrecklich!!), es wäre aber wahrscheinlich anders ausgegangen, wenn ich nicht nach rechts geschaut hätte und nicht hochgesprungen wäre. Die Situation hat mich noch lange beschäftigt, vor allem die Frage, warum mich plötzlich so ein ungutes Gefühl überkommen hatte, von dem Gedanken, was hätte passieren können, ganz zu schweigen!
War es Intuition, die mir in diesem Fall vielleicht das Leben gerettet hat?
Mir wird immer klarer: Die Suche nach der „korrekten“ Definition wirft wohl mehr Fragen auf, als sie Antworten gibt. Hier erscheint ein pragmatisches Vorgehen hilfreicher.

Also noch mal zurück zur Ausgangsfrage nach der Trainierbarkeit von Intuition.
Welche Art von Intuition bringt mir denn solche Vorteile, dass ich sie trainieren möchte? Und wie kann das aussehen?
Die Art Intuition, von der gerade die Rede war, hat mir in der speziellen Situation auf alle Fälle einen großen Vorteil gebracht: Ich lebte noch und war fast unverletzt.

In diesem Fall hing die „Güte“ der Intuition von zwei Faktoren ab:

1. Von der Güte der Wahrnehmung und
2. von der Güte der Reaktion

Ad 1: Ich denke inzwischen, dass die „ungute Vorahnung“ bei der oben geschilderten Situation wahrscheinlich daraus resultierte, dass ich Umgebungsmerkmale subliminal – also unterschwellig - wahrgenommen habe, die auf Gefahr hindeuteten; Vielleicht habe ich das Auto schon von weiterer Entfernung gehört, vielleicht jaulte der Motor und das Geräusch signalisierte mir bereits: Da ist jemand viel zu schnell unterwegs!

Ad 2: Dass der Weg von der Wahrnehmung (da kommt jemand auf mich zugerast!) zur Reaktion (wirf alles weg, spring über die Motorhaube) so kurz war, liegt wohl daran, dass ich schnelle Reaktionen häufiger trainiere (Beim Bogenschießen/Reiten und in der Kampfkunst).

Ist das Fazit nun, dass man Kampfkunst trainieren sollte und/oder berittenes Bogenschießen, wenn man seine Intuition trainieren will? Nun, es schadet wohl nicht ;-)
Aber die Kunden, die mich nach „Intuitionstraining“ fragten, erhofften sich davon eher einen beruflichen Vorteil, und da wird es komplizierter, wie Sie, Herr Berner, unter der Überschrift „Intuition mit Gegenspielern“ so treffend darlegen.

Das Prinzip für ein Intuitionstraining auch für komplexere soziale Situationen scheint mir jedoch das Gleiche zu sein, und hier möchte ich meinen im letzten Artikel angebrachten Ansatz „Wissen, Machen, Loslassen“ etwas modifizieren und den Aspekt der Wahrnehmung noch stärker betonen: Je schärfer und „offener“ meine Wahrnehmung ist, umso besser kann meine Intuition sein.

In einem erfolgreichen mittelständischen Betrieb fragte ich die Mitarbeiter einmal, was sie denn glaubten, worauf der Erfolg ihrer Firma zurückzuführen sei. Viele antworteten mir: „Auf den guten Riecher unseres Chefs“. Dieser hatte das Unternehmen immer wieder erfolgreich auch durch schwierige Zeiten geführt und das Unternehmen – teilweise auch gegen Proteste der Mitarbeiter – auf Wege geführt, deren Nutzen zum Zeitpunkt des Wandels für das Gros der Belegschaft noch nicht abzusehen waren.
Die Bemerkung eines Mitarbeiters fand ich sehr bezeichnend: „Der Chef kriegt einfach mehr mit als andere!“
Dieser Chef geht heute noch täglich einmal durch seinen gesamten Betrieb und bleibt so nah am Geschehen seiner Firma dran. Er wird sehr früh Missstimmungen und Probleme erfassen können, da er auch die Gelegenheit nutzt, sie wahrzunehmen.

Wenn ich meine Intuition verbessern möchte, dann muss ich - wahrscheinlich noch vor dem Schritt „Wissen erwerben“ - meine Wahrnehmung verbessern, and zwar vor allem die für das „nicht Offensichtliche“.
Wenn ich auf eine schwarze Fläche schaue, auf der sich zwei rote Punkte bewegen, folgen meine Augen automatisch den roten Punkten. Ich konzentriere mich fast zwangsläufig darauf. So funktioniert Manipulation: Ein erfolgreicher Manipulator weiß – vielleicht sogar intuitiv – was die wahrscheinlichste Wahrnehmung oder Reaktion seines Gegenübers ist oder sein wird.
Je mehr ich meine Wahrnehmung jedoch darauf schule, auch die nicht so offensichtlichen Informationen – also auch die dunkelgrauen Punkte auf der schwarzen Fläche – wahrzunehmen, umso weniger werde ich Opfer meiner ersten „Wahrnehmungsimpulse“ und kann mehr Faktoren in einer Situation erfassen. Das macht mich schwerer manipulierbar und schützt mich auch eher vor falschen Intuitionen.

In der Wahrnehmungspsychologie wird das Phänomen der „Salienz“ beschrieben: Es bezeichnet die Auffälligkeit eines Betrachtungsgegenstandes: So fällt uns zum Beispiel eher ins Auge, wenn eine Gruppe von farbiger Menschen am Bahnsteig steht, als eine „deutsch aussehende“ Gruppe. Und nicht nur das: In der Regel beobachten wir die Gruppe farbiger Menschen genauer und kritischer und neigen dazu, Dinge die sie tun, auf „farbige im allgemeinen“ zu übertragen. Dieses wiederum kann dazu führen, dass wir eine „Intuition“ in Bezug auf farbige Menschen entwickeln, die nichts weiter ist als ein Vorurteil und das Hereinfallen auf ein Wahrnehmungsphänomen.

Wahrnehmungsschulung bedeutet also zu lernen, meine Wahrnehmung nicht immer nur die „Wahrnehmungsautobahnen“ entlang fahren zu lassen, sondern auch die Nebenstraßen und die umgebende Landschaft – also das Gesamtbild - wahrzunehmen.

Und damit schließe ich wieder den Kreis zu Ihrem Beitrag, Herr Berner: Sie schreiben am Schluss: „Je exklusiver und untypischer ihre Reaktionen sind, desto eher dürfen Sie ihnen auch in sozialen Situationen vertrauen“. Genau das ist es wohl

Im Übrigen macht mir dieser Diskurs sehr viel Spaß und ich bin gespannt auf die Weiterführung.

Herzliche Grüße,

Mary Niegot
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 12:18
Betreff: re: re: re: re: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Frau Niegot,

ich empfinde diese Tele-Diskussion auch als ausgesprochen anregend: Ein Beispiel dafür, dass man im Dialog zu Einsichten kommen kann, die man im Alleingang nicht erreicht hätte. Allerdings komme ich zwischen Krakau (wo ich Ihren neuen Beitrag gelesen habe), einem kurzen Zwischenstopp zuhause, Frankfurt (gestern) und Stuttgart (heute) nur mit Verzögerungen dazu, Ihnen zu antworten. Ich hoffe, dass sich diese Verzögerungen nicht zu sehr als bremsend auf den Fluss der Gedanken auswirken.

Zunächst nochmal zum Begrifflichen: Ich habe (nicht nur in diesem Fall) den Eindruck, dass sich viele Dinge in der Sprache leichter auseinanderhalten lassen als in der Realität – so auch die Begriffe Intuition, Instinkt, Emotionen etc. Sprache und ihre Begriffe generell sind nun einmal prinzipiell unscharf; sie zeigen eher Richtungen bzw. Assoziationsfelder an als scharfe, überlappungsfreie Abgrenzungen.

Zum Begriff der Intuition

Trotzdem war es ein bisschen schlampig von mir, die Raubvogel-Fluchtreaktion von Hühnern mit dem Begriff Intuition in Verbindung zu bringen: Das ist wohl wirkliche eine "reine" Instinktreaktion, das heißt ein "fest verdrahtetes Reiz-Reaktionsschema". Doch reine Instinktreaktionen finden sich nur bei kaum lernfähigen Tieren sowie in Verhaltensbereichen, die sehr selten aktiviert werden, sodass sie nicht durch Lernen "verunreinigt" sind. Eines der seltenen Beispiele beim Menschen ist die Giftschlangen-Reaktion, über die, wenn ich mich richtig erinnere, der Verhaltensforscher Otto Koenig berichtet hat: Das quasi "reflektorische" (hier die nächste Konfundierung) Zurückprallen vor einer zustoßenden Schlange.

Dennoch halte ich den Punkt, den ich mit dem falschen Beispiel zu machen versucht habe, weiterhin für richtig. Denn nach meinem Sprachempfinden – und ich glaube, auch nach Ihrem – bewegen sich die Begriffe "Instinkt" und "Intuition" auf unterschiedlichen logischen Ebenen.

Wenn Sie Instinkte von Intuition trennen wollen (was mir plausibel erscheint), kann das meines Erachtens nicht heißen, dass intuitive Reaktionen per definitionem frei von instinktiven Elementen sein müssen. So scheinen mir in ihrem "intuitiven" Ausweichen vor dem heranrasenden Auto zwei instinktive Komponenten enthalten zu sein, nämlich erstens der Instinkt "Scanne ständig deine Umgebung auf mögliche Gefahren", deren biologischer Nutzen offensichtlich ist, und zweitens die (mutmaßliche) Instinktregel: "Gehe aus dem Weg, wenn etwas auf dich zukommt, das dir weh tun könnte!"

Trotzdem bezeichnen Sie Ihre Reaktion nicht als "instinktiv" (was manche Menschen tun würden), sondern als "intuitiv" (was auch mir plausibler erscheint). Das spricht aber dafür, dass der Begriff "Intuition" für Sie weniger eine Aussage über den (phylo- oder ontogenetischen) Ursprung Ihrer Reaktion transportiert (wie in der Lorenz-Definition des Instinkts), sondern über eine bestimmte Wahrnehmungsqualität: Wenn ich Sie richtig verstehe, sagen Sie damit, dass Sie in dieser Situation blitzartig ein sicheres Gefühl hatten, wie die Lage einzuschätzen ist und was Sie daher tun sollten. So wie ich Sie verstehe, schließen Sie dabei auch Ihr Handeln – das Ausweichen – in den Begriff Intuition ein.

Wenn das richtig ist, wäre Intuition wenigstens in diesem Beispiel durch vier Merkmale gekennzeichnet:

1. Sie haben etwas getan;

2. diese Handlung ist schnell und "ohne Überlegung" erfolgt, in diesem Fall wohl sogar, bevor Ihr Bewusstsein überhaupt registrieren konnte, dass Sie handeln;

3. sie war von einer sehr ausgeprägten Gewissheit, das Richtige zu tun, gekennzeichnet (das ist es, was ich mit "Wahrnehmungsqualität" meine: eine unbezweifelbare Gewissheit);

4. die Handlung hat sich im Nachhinein als richtig erwiesen ("Bewährung").


Intuition und "Bewährung"

Interessant ist nun, dass der vierte Punkt in gewisser Weise ein Fremdkörper in der Liste ist. Denn er ist ein Ex-Post-Kriterium: Ob die Handlung, die uns "eine Intuition eingegeben hat", richtig oder falsch war, stellt sich erst im Nachhinein an ihren Konsequenzen heraus. Diese Konsequenzen können sehr zeitnah eintreten (wie in Ihrem Beispiel), aber auch mit deutlicher zeitlicher Verzögerung (wie zum Beispiel bei Investitionsentscheidungen. Das heißt aber, dass die Wahrnehmungsqualität der "untrüglichen Gewissheit" in vielen Fällen einsetzt, bevor der Erfolg der Handlung feststeht.

Ich vermute sogar, dass diese Wahrnehmungsqualität zunächst einmal unabhängig ist vom Erfolg der Handlung, denn es gibt keinen logisch zwingenden Grund, weshalb eine Handlung, die von "untrüglicher Gewissheit" begleitet ist, automatisch richtig sein müsste (zum Pech vieler Börsenspekulanten und anderer "Intuitionisten"). Vielmehr glaube ich, dass wir hier zum (freiwilligen) Opfer unserer eigenen tendenziösen Wahrnehmung werden: Wir erinnern uns bevorzugt an Fälle, wo sich unsere "untrügliche Wahrnehmung" im Nachhinein als richtig erwiesen hat, und vergessen diejenigen, wo unsere Intuition uns getrogen hat.

Psychologisch wäre das gut durch die Theorie der kognitiven Dissonanz zu erklären: Es wäre eine große Irritation, wenn ein so eine zweifelsfreie Gewissheit objektiv falsch und damit irreführend gewesen wäre – eigentlich kann das doch überhaupt nicht sein. Umgekehrt ist es ein enormes Glückgefühl und eine unglaubliche Bestätigung, wenn sich eine Intuition nachträglich als richtig erwiesen hat. Denn das bedeutete ja, dass wir eine sehr starke und wertvolle innere Fähigkeit besäßen, in komplexen Situationen "unfehlbar" das Richtige zu erkennen und zu tun. (Was in der Tat großartig wäre, wenn es so wäre.)

Weil Sie sich diese Hoffnung nicht streitig machen lassen wollen, glauben viele Menschen unbeirrbar an die Kraft der Intuition – und reagieren ärgerlich und zum Teil aggressiv, wenn man diesen Glaubenssatz in Frage stellt. Das ist psychologisch verständlich, aber natürlich ohne Beweiskraft.

Eine falsche Hoffnung und das Intuitionstraining

Da wir aber trotzdem erleben müssen, dass wir nicht immer richtig entscheiden, ist eine verbreitete Erklärung, dass wir nicht ausreichend auf unsere Intuition hören würden. Falls das so wäre, könnte ein Intuitionstraining tatsächlich Sinn ergeben – unter der einzigen Zusatzbedingung, dass irgendwer angeben kann, was man tun sollte, "um besser auf seine Intuition zu hören". Dummerweise scheint das nicht so einfach zu sein: Die Aussagen, die ich hierzu bislang gehört und gelesen habe, waren entweder vages Geblubber oder naiver Unsinn (à la: "Folge immer deiner spontanen Eingebung!" – Nichts würde die Ramschverkäufer und Drückerkolonnen dieser Welt mehr freuen ...)

Besonders verführerisch ist diese falsche Hoffnung bei schwierigen Entscheidungen: Hier haben wir fast immer zwei Seelen in unserer Brust – was man, wie in meinem vorigen Beitrag dargelegt, auch als konkurrierende Intuitionen bezeichnen kann. Wenn sich eine Entscheidung nachträglich als falsch herausstellt, kann man sich als "Intuitionsliebhaber" also immer an seine andere Intuition erinnern und sich sagen: "Acht hätte ich doch nur auf meine Intuition gehört!" Wer so denkt, für den liegt es nahe, große Hoffnungen mit einem Intuitionstraining zu verbinden. Ich bezweifle nur, dass sie in Erfüllung gehen können.

Vielleicht sollten wir stattdessen erkennen, dass unsere Intutionen auch dann einen (Über)Lebensnutzen haben, wenn sie nicht unfehlbar sind. Selbst wenn sie eine Fehlerquote haben (die, wie im vorigen Beitrag dargelegt, je nach Kontext unterschiedlich groß ist), helfen sie uns doch, schnell zu reagieren und kraftvoll zu handeln. Das ist wahrscheinlich in den meisten heiklen Situationen besser als, verzögert zu reagieren und kraftlos zu handeln. Für den evolutionsbiologischen Wert der Intuition ist überhaupt nicht erforderlich, dass sie unfehlbar sind, sondern nur, dass man mit ihrer Hilfe in Summe – das heißt im Mittelwert vieler Versuche – besser wegkommt als ohne sie.

So viel mal für den Moment. Ich bin bedauerlicherweise noch auf viele von Ihren Gedanken nicht eingegangen, die eine tiefere Diskussion wert wären. Aber jetzt muss ich erst mal wieder in das nächste Meeting, und bevor ich bis zum Wochenende warte, poste ich lieber eine unvollständige Antwort ...

Herzliche Grüße

Winfried Berner
Autor: Mary
Erstellt: 18.02.2008 - 12:19
Betreff: re: re: re: re: re: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Herr Berner,

obwohl unsere Diskussion hier im Forum eine längere Pause hatte, so hat das Thema unseres Dialoges doch sehr in mir weiter gearbeitet. Seit dem letzten Beitrag bin ich ebenfalls sehr viel unterwegs gewesen (und bin auch wieder auf dem Sprung, daher wird dieser Beitrag auch etwas kürzer ausfallen...) und habe einige Menschen zu diesem Thema befragt, und es kam eigentlich immer eine ähnliche Antwort:
Intuition hat viel mit Erfahrung zu tun und äußert sich zudem oft darin, dass man keine kausalen Zusammenhänge ("Ich tue das, weil...")für sein Handeln nennen kann.

Sehr interessant finde ich das Phänomen, dass die Intuition trotz ihrer Fehleranfälligkeit einen sehr positiven Ruf besitzt. Diese Art der Entscheidungsfindung und des Handlungsimpulses scheint für uns Menschen faszinierend zu sein, so faszinierend, dass sogar Aussagen wie "Folge immer Deiner spontanen Eingebung" attraktiv klingen (Oh je, würde ich nach diesem Motto leben, würde ich wahrscheinlich gar nicht mehr leben...).Diese Faszination liegt wahrscheinlich in dem begründet, was Sie als "Überlebensnutzen" im lezten Abschnitt Ihres Artikels beschreiben.

Ich persönlich habe auch schon viele Entscheidungen "intuitiv" getroffen, und mit den meisten davon bin ich tatsächlich gut gefahren. Aber - auch als Psychologin erliege ich sicherlich der tendenziösen Wahrnehmung und erinnere mich wahrscheinlich nicht mehr an die Situationen, in denen es nicht so gut gelaufen ist.

Das Thema wird mich noch weiter beschäftigen und ich möchte mich an dieser Stelle bei Ihnen, Herr Berner, ganz herzlich für die vielen fundierten Anregungen bedanken.

Herzliche Grüße,

Mary Niegot
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 12:20
Betreff: re: re: re: re: re: re: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Frau Niegot,

mir ging/geht es ähnlich: Ich habe, angeregt durch unsere Diskussion, begonnen, mich neu mit diesem Thema zu befassen. Und mich dabei auch selbst zu beobachten.

Dabei ist mir in den letzten Wochen immer deutlicher geworden, dass sich hinter dem Begriff Intuition einige recht unterschiedliche Dinge verbergen – von der blitzartigen Ad-hoc-Reaktion, wie Sie sie am Beispiel Ihres Beinahe-Unfalls beschrieben haben, bis hin zu Entscheidungen, die uns geraume Zeit beschäftigen und in denen "dennoch" nicht nur Gedanken und Überlegungen, sondern auch nicht begründbare, aber trotzdem unbezweifelbare Gefühle – "Intuitionen" – eine zentrale Rolle spielen.

Der Max-Planck-Forscher Gerd Gigerenzer scheint in seinem neuen Buch "Bauchentscheidungen" zu behaupten (sehr weit bin ich noch nicht mit der Lektüre), dass auch und gerade bei komplexen Entscheidungen die erste Intuition meist die richtige(re) ist als Entschlüsse, die erst nach Abwägen vieler Fakten, Informationen und Argumente getroffen werden. Das ist interessant, denn meine Intuition (offenbar gibt es auch eine "Meta-Intuition", eine Intuition zum Thema Intuition) sagt mir etwas anderes. (Könnte es sein, dass wir bei all unserem Nachdenken über Intuition nur eine rationale Begründung für das suchen, was uns unsere "Meta-Intuition" sagt? – Das ist wohl das Basisrisiko introspektiver Forschung.)

Eine Fallstudie in eigener Sache

Ich hatte gerade Gelegenheit, mich selbst bei einer halbwegs komplexen Entscheidung zu beobachten: Ich stand kurzfristig vor der Notwendigkeit, einen neuen Internet-Provider für diese Website zu suchen. Da ich (a) den Markt nicht kenne, (b) schon einige nicht optimale Entscheidungen hinter mir habe und (c) keine Zeit für eine aufwändige Recherche hatte, war das keine ganz einfache Sache. (Bei beiden vorausgegangenen Fehlentscheidungen hatte ich übrigens das sichere Gefühl ("Intuition"?), die richtige Wahl getroffen zu haben. Doch der eine Provider verlegte seinen Firmensitz nach Zypern und unterwarf seine AGB zypriotischem Recht; beim anderen begriff ich zu spät, dass meine Bedürfnisse nicht zu seiner Spezialisierung passten.)

Meine Webagentur nannte mir einen Provider, mit dem sie in letzter Zeit sehr gute Erfahrungen gemacht hatte. Doch mein Bedürfnis (Intuition?) ist, bei Entscheidungen, die eine gewisse Tragweite haben, die Alternativen zu kennen, bevor ich mich festlege. Also recherchierte ich bei webhostlist.de, was derzeit, gemessen an den Kundenbewertungen, die Top-Business-Provider sind. "Glücklicherweise" war der von meiner Agentur empfohlene Provider mit dabei. ("Glücklicherweise" heißt in diesem Fall: Ich war erleichtert, nicht in ein Dilemma zwischen widersprüchlichen Empfehlungen zu geraten. Eine Bestätigung für den Satz: Wir suchen nicht nach Erkenntnis, sondern nach Bestätigung.)

An vier Provider richteten wir eine Anfrage gemäß unseren Bedürfnissen, die ich gemeinsam mit der Agentur entworfen hatte. Auf der Basis der Ergebnisse wollte ich entscheiden, bei wem ich vor Anker gehe. Ergebnis: Geringfügige Differenzen, aber unter dem Strich drei von vier beinahe gleichauf. Also richteten wir eine zweite, kniffligere Anfrage an sie. Ergebnis: Erneut ein glasklares Unentschieden.

Was tun? Gemäß meiner eigenen Empfehlung: Nach Abwägung aller Fakten aus dem Bauch heraus entscheiden. Das ging denn auch ziemlich schnell, und es wurde der Provider, den mir meine Agentur als erstes genannt hatte. Und was waren die Gründe für diese Entscheidung? Beim Versuch, die Logik hinter meinem Gefühl zu verstehen, würde ich sagen: Zwei unabhängige Urteile sind eine verlässliche Basis als eines. Außerdem gibt es einen Effizienzvorteil, weil meine Agentur mit den Systemen dieses Providers schon vertraut ist. Drittens, und vielleicht am wichtigsten, ein "soziales" Argument: Falls ohne Nachteile möglich, ziehe ich es vor, den Empfehlungen von Menschen zu folgen, mit denen ich zusammenarbeite und deren Kompetenz ich schätze.

Und wie geht es mir mit der Entscheidung? – Um ehrlich zu sein: Hundertprozentig sicher bin ich mir nicht. Das ist vielleicht ein "Gebranntes-Kind-Syndrom", aber ein kleines Unbehagen mit der Entscheidung ist nach wie vor da. Ich werde damit wie folgt verfahren: Wenn sich die Entscheidung im Nachhinein als richtig erweist, werde ich dieses Unbehagen in ein paar Wochen wohl vergessen haben. Sollte sich die Entscheidung aber als falsch herausstellen, werde ich feststellen, dass mich meine Intuition von vornherein gewarnt hat ...

Und noch eine ganz andere Perspektive

Zufällig habe ich in dem (etwas mühsamen) "Lehrbuch der Sozialpsychologie" von Werner Herkner (5. Aufl. 1991) einen Gedanken gefunden, der dieses Intuitionsgemenge rund um Entscheidungen aus einer ganz anderen Richtung beleuchtet, nämlich aus der der psychologischen Reaktanz-Theorie. Ich zitiere: "Wichtig ist noch die Feststellung, dass Freiheitseinschränkungen nicht nur von außen (von anderen Personen) kommen. In bestimmten Fällen ist man selbst die Ursache für eine Freiheitseinschränkung, nämlich bei Entscheidungen in Konfliktsituationen. Jede Entscheidung ist vor der endgültigen Wahl einer Alternative eine Freiheitsausübung, aber nachher eine Freiheitseinschränkung – man hat Alternativen aufgegeben.

Je näher der Entscheidungszeitpunkt kommt, desto größer ist die Bedrohung der Freiheit. Daraus folgt die Hypothese, dass vor Entscheidungen Reaktanz auftritt, und zwar umso mehr, je näher die Entscheidung heranrückt. Die Hypothese wurde experimentell bestätigt (...)" (Herkner 1991, S. 99)

Was lernt uns dies? Dass das Unbehagen vor und nach einer Entscheidung vielleicht gar keine "intuitive Warnlampe" ist, sondern Ausdruck des Unwillens, mit seiner Wahl auf eine / zwei / viele Alternativen verzichten zu müssen. Aber vielleicht ist es ja, unabhängig von der Reaktanz-bedingten Akzentuierung, trotzdem eine intuitive Ahnung, die falsche Wahl getroffen zu haben? Genug Stoff zum weiteren Nachdenken ...

Aber lassen wir es erst mal dabei. Ich danke Ihnen ebenfalls für die spannende und anregende Diskussion. Und vielleicht fällt Ihnen ja irgendwann mal wieder etwas ein oder auf, das sich zu diskutieren lohnt – sei es zu diesem oder einem anderen Thema.

Herzliche Grüße

Winfried Berner
Autor: Winfried Diekmann
Erstellt: 03.09.2008 - 15:24
Betreff: re: Intuition - trainierbar?
Hallo Frau Niegot,

auch ich muss mich als Arbeitgeber oft in Sekundenschnelle auf meine Intuition verlassen. Und ich muss sagen, dass mich mein Bauchgefühl selten getäuscht hat. Egal ob man überlegt, einen neuen Mitarbeiter einzustellen oder Verträge mit Partnern aushandelt - die eigene Intuition ist unverzichtbar. Trainierbar ist sie sicherlich nicht, aber mit zunehmender Lebens- und Praxiserfahrung im Berufsalltag kann man die meisten Situationen besser beurteilen.
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