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Das Change Management Forum
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 09.02.2008 - 18:48
Betreff: Verwöhnung
Liebe Change Manager,

noch nie hat ein neuer Artikel auf dieser Website innerhalb weniger Tage so viel Resonanz ausgelöst wie der zum Thema Verwöhnung. Zwar sind keine "Waschkörbe von Zuschriften" eingegangen, aber außergewöhnlich viele Blitz-Feedbacks und E-Mails – und das, obwohl der Artikel wegen seiner Länge eigentlich nicht zum Online-Lesen einlädt. Dass sie bislang durchweg zustimmend sind, freut mich einerseits, irritiert mich aber auch ein bisschen: Habe ich zu "sozialverträglich" formuliert? Sind Sie sicher, dass nur "die anderen" gemeint waren?

Mit diesem Forumsbeitrag möchte ich auf einige Punkte eingehen, die in den E-Mails und Feedbacks angesprochen wurden: teils um meine Aussagen zu präzisieren, teils um Missverständnisse zu korrigieren, teils um zur weiteren Diskussion dieses Themas anzuregen, das in meinen Augen ein Schlüsselproblem unserer gegenwärtigen Wirtschaft und Gesellschaft ist.

Verwöhnung in der Erziehung
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In einem Feedback wird kritisiert, dass der Artikel nur wenig auf die Verwöhnung von Kindern knapp eingeht. Das stimmt, ist aber beabsichtigt: Gegenstand dieser Website sind Veränderungsprozesse in Unternehmen und Organisationen – schon mit der Komplexität dieses Themenfelds haben wir auf Jahre hinaus genug zu tun. Wir werden uns daher hüten, auch noch das Fass der Erziehung aufzumachen. Statt einem ausführlichen Kommentar daher der Hinweis auf ein empfehlenswertes Buch:

Wünsch, Albert: Die Verwöhnungsfalle – Für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit; München (Kösel-Verlag) 2000; 238 Seiten

Ein Satz, der mich zunächst erschreckt hat, stand in einem weiteren Blitz-Feedback: "Zu dem Verwöhnen von Kindern hätte ich mir noch eine kleine Ausführung in die Richtung gewünscht: Zeit, die Eltern aktiv aufwenden, um mit ihren Kindern etwas zu unternehmen, ist auch Verwöhnen, aber im positiven Sinn, denn das gibt Motivation zu eigenständigem Denken und den Willen, etwas auszuprobieren. Eltern, die ihre Kinder weitgehend vor Fernsehen und Computer "ablegen", fördern die Konsumhaltung – ich werde unterhalten und ich muss dafür nicht aktiv werden."

Das ist ein grundlegendes Missverständnis, liebe(r) Schreiber(in): Liebevolle Zuwendung und gemeinsame Aktivitäten haben nichts, aber auch überhaupt nichts mit Verwöhnung zu tun! Offensichtlich lockt uns hier der von der Werbung und sonstigen Schludereien versaute Sprachgebrauch in eine Falle: Dort wird der Begriff "Verwöhnung" oft verwendet im Sinne von: sich selbst oder anderen etwas Gutes tun ("Verwöhnen Sie Ihre Haut ..." / "Wir laden Sie ein zu einem Verwöhn-Wochenende ..."). Im Grunde ist das eine grobe Irreführung, denn mit dem individualpsychologischen Begriff von Verwöhnung hat das überhaupt nichts zu tun – es liegt ja weder die Verweigerung eines angemessenen Beitrags noch eine Unausgewogenheit von Leistung und Gegenleistung vor. Im Gegenteil: Diese "Verwöhnangebote" sollen uns ja dazu veranlassen, mehr von unserem Geld auszugeben ("Gegenleistung") als wir eigentlich wollten, um uns etwas angeblich besonders Gutes zu tun.

Halten wir deshalb fest: Nicht alles, was gut tut, ist automatisch Verwöhnung!!

Die individualpsychologische Kritik an Verwöhnung darf keinesfalls als Aufforderung zu einem menschenfeindlichen Puritanismus missverstanden werden, à la "Gelobt sei, was hart macht!" Zuwendung, Körperkontakt und Kommunikation sind für die Entwicklung von Kindern ebenso wichtig wie Ernährung und Körperpflege. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass die sprachliche, geistige und soziale Entwicklung von Kindern nur durch Kommunikation mit anderen Menschen gefördert wird, nicht aber durch Fernsehen und Videos. Auch als Erwachsene brauchen wir Geborgenheit und soziale Beziehungen, und es hat nichts mit Verwöhnung zu tun, wenn wir uns das zugestehen.

Der "angemessene Beitrag"
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Die Natur hat den Menschen nun einmal so geschaffen, dass er in seinen ersten (und letzten) Lebensjahren auf fremde Hilfe angewiesen ist. Damit ist seine "Leistungsbilanz" in diesen Jahren zwangsläufig im Minus. Die "Kindheit" ist eine Strategie der Evolution und keine Verwöhnung. Aber dies stellt den Menschen vor die Aufgabe, sich von dieser Fremdversorgung schrittweise zu emanzipieren und in eine wachsende Eigenverantwortung hineinzuwachsen – das natürliche Bedürfnis von Kindern, "groß" zu werden.

Verwöhnung setzt dort ein, wo ein Kind sich weigert oder – häufiger – durch Erwachsene daran gehindert wird, die altersgemäße Eigenverantwortung zu übernehmen und seinen altersgemäßen Beitrag zum Funktionieren des sozialen Systems zu leisten. In diesem Sinne hat die Zwischenlagerung von Kindern vor dem Fernseher oder Computer sehr viel mehr mit Verwöhnung zu tun als gemeinsame Aktivitäten – genau wie es die Leserin oder der Leser treffend beschrieben hat: "Ich werde unterhalten und ich muss dafür nicht aktiv werden." Überdies deutet sie auf eine verwöhnte Grundhaltung der Eltern: "Wenn mir meine Kinder zu viel werden, nutze ich Computer und Fernsehen, um sie ruhig zu stellen und selber meine Ruhe zu haben!"

Gemeinsame Aktivitäten fordern und ermutigen das Kind und helfen ihm so, Selbstvertrauen und Eigenverantwortlichkeit zu entwickeln: Es lernt, einen Ball zu fangen, auf einen Felsen zu klettern, auf einem Baumstamm zu balancieren – und ist am Abend stolz und zufrieden, etwas Neues gelernt, etwas geleistet zu haben. Anders wenn ein Kind (oder ein Jugendlicher oder ein Erwachsener) den Nachmittag vor dem Fernseher verbracht hat: Dies hinterlässt in aller Regel keine Zufriedenheit, sondern eher eine diffuse Unzufriedenheit: Eigentlich nicht gemacht, nichts erlebt, nichts gelernt, nur Zeit totgeschlagen.

Im Grunde ist das vergleichbar mit der Einarbeitung neuer Mitarbeiter. Das ist auch keine Verwöhnung, sondern eine sinnvolle und notwendige Investition des Unternehmens bzw. des Vorgesetzten und der Kollegen. Aber die Einarbeitung muss in die schrittweise (und eher zügige!) Übernahme von Eigenverantwortung und den baldigen Übergang zu echter eigener Wertschöpfung münden. Wenn sich Einarbeitungsphasen auf zahlreiche Monate oder sogar mehrere Jahre erstrecken, stellt sich die Frage, ob sie die Betroffenen nicht unterfordern und damit entmutigen. Auch bei manchen Trainee-Programmen wäre zu prüfen, ob sie nicht institutionalisierte Verwöhnung sind. Interessanterweise ist nach meinen Beobachtungen die Zufriedenheit der so "über-eingearbeiteten" Mitarbeiter nicht sonderlich hoch.

Verwöhnte Führungskräfte
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Ein weiterer kritischer Hinweis in einem Blitz-Feedback lautete: Der Artikel "vernachlachlässigt faule, verwöhnte und selbst-unkritische Führungskräfte". Wenn das so ist, besteht hier dringender Korrekturbedarf. Denn verwöhnte Führungskräfte sind in der Tat ein noch größeres Problem als verwöhnte Mitarbeiter, weil sie deren Verwöhnung nicht entgegenwirken, sondern sie potenzieren. So spielen die Führungskräfte bei betrieblicher Verwöhnung oftmals eine Vorreiterrolle, indem sie etwa darauf bestehen, dass ihnen bestimmte Dinge "ganz einfach zustehen". Nicht selten stehen gerade die Vorgesetzten dem Abbau von Verwöhnung im Wege, indem sie auf Status, Stellen und Privilegien beharren, statt sich um vernünftige Lösungen zu bemühen.

Auch wenn man sieht, welchen Saustall ehrbare deutsche Manager nach einem ganz normalen Inlandsflug in der Business Class einer Lufthansa-Maschine hinterlassen oder wie manche Meetingräume am Veranstaltungsende aussehen, muss man sich fragen, ob es zum Selbstverständnis von Führungskräften gehört, ihren Dreck einfach fallen zu lassen, damit andere ihn wegräumen.

Prinzipiell gilt aber für den Abbau von Verwöhnung bei Führungskräften das Gleiche wie für den Abbau von Verwöhnung bei "normalen Sterblichen", und der ist in dem Artikel ausführlich und mit all seinen Widrigkeiten beschrieben. Hinzuzufügen wäre allenfalls noch: Wer als Top Manager sich selbst oder die mittleren Führungsebenen beim Abbau von Verwöhnung ausklammert, wird nicht weit damit kommen.

Soviel fürs Erste – ich bin gespannt auf weitere Anmerkungen und Feedbacks!

Eine in diesem Sinne nachdenkliche Vorweihnachtszeit
wünscht Ihnen

Winfried Berner

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Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 7.11.2003
Autor: Michael Kersten
Erstellt: 17.02.2008 - 11:26
Betreff: re: Abbau von Verwöhnung
Sehr geehrter Herr Berner,

ich habe ihre Webseite im Rahmen der Recherche zu einer Seminararbeit zum Thema Mitarbeitereinbindung in die Geschäftsprozessoptimierung entdeckt und war sofort von ihrem Schreibstil und der Qualität der angebotenen Informationen begeistert. Natürlich erlaubt es mir meine begrenzte Erfahrung eigentlich nicht die Qualität der Informationen zu beurteilen, aber die Argumentation war stets absolut überzeugend.
Die umfangreichen Informationen sowohl zu den psychologischen Hintergründen von Veränderungsprozessen, wie auch die Vielzahl an anschaulichen Beispielen für ihre Thesen hat mir extrem weitergeholfen. Herzlichen Dank schon einmal dafür.

Aber wirklich weitergeholfen hat mir ihr Artikel über Verwöhnung, ihre Ursachen und ihre Auswirkungen. Beim lesen dieses Artikels ist mir klar geworden, dass ich ein verwöhntes Kind (inzwischen junger Erwachsener) mit negativer Leistungsbilanz und hohem Anspruchsdenken bin, genau wie Sie es beschrieben haben. Diese Erkenntnis ist mir sehr nahe gegangen und mir fehlen ehrlich gesagt die Worte, wie nahe. Es ist schon erschreckend (für mich zumindest) das ich 27 Jahre lang dem süßen Gift der Verwöhnung erlegen bin und nicht erkannt habe, was in meinem Leben nicht richtig läuft. Für diesen Denkanstoß zur Selbsterkenntnis danke ich ihnen aus tiefstem Herzen.

Aber mit Selbsterkenntnis allein ist dieses Problem, ja noch lange nicht erledigt. Ich stehe wie Sie so schön ausgeführt haben am Beginn eines langen Weges, wenn ich mich ändern und zu einer beitragenden Grundhaltung gelangen will.

In Ihrem Artikel gehen Sie ja vor allem darauf ein, wie ein externer Berater den Prozess der Entwöhnung leiten kann und ich kann dies beim besten Willen nicht auf meine Situation übertragen. Meine Frage ist nun aber, wie kann ich mich selbst entwöhnen , wie kann ich die lang eingeübten Gedankenmuster und unbewussten Reaktionen dahingehend abwandeln, dass ich das Ziel einer Beitragenden Grundhaltung erreiche. Und zwar nicht nur rational, sondern vor allem auch emotional. Ich bin dankbar für jeden Hinweis.

Vielen Dank schon einmal im voraus,

Michael Kersten

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Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 20.12.2006
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 17.02.2008 - 11:31
Betreff: re: re: Abbau von Verwöhnung
Hallo Herr Kersten,

vielen Dank für Ihr positives Feedback – und für Ihren Mut, sich öffentlich als verwöhnter Mensch zu bekennen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihnen bei der Erkenntnis, selbst die Symptome von Verwöhnung an sich zu entdecken, erst einmal die Luft weggeblieben ist. Umso mehr haben Sie meinen Respekt dafür, dass Sie sich dieser Erkenntnis gestellt und sie nicht weggeschoben und den Artikel einfach weggeklickt haben.

Genau dies, aber auch einige andere Anhaltspunkte lassen mich indes zweifeln, ob Ihre Selbstdiagnose völlig zutreffend ist. So ist Ihr Schreibstil gut nachvollziehbar und Ihr Text weitgehend frei von Tipp- und Grammatikfehlern. (Schauen Sie sich einmal die Beiträge in diesem Forum oder anderen öffentlichen Orten des Gedankenaustauschs an! Aber möglicherweise war das ja schon ein Schritt?) Untypisch für verwöhnte Menschen ist auch, dass Sie auf die Ausführungen zum Thema Verwöhnung mit Betroffenheit und Veränderungswillen reagieren: Die typische Reaktion verwöhnter Menschen ist eher Verleugnung und Wut. Ein "extrem krasses Exemplar" scheinen Sie nach meinem – zugegeben sehr oberflächlichen – Eindruck nicht zu sein.

Dennoch wird es gute Gründe geben, weshalb Sie sich so eingestuft haben. Sie berichten ja selbst, dass Sie einige Merkmale von Verwöhnung wie Anspruchsdenken und negative Leistungsbilanz an sich entdeckt haben. Es liegt mir fern, Ihnen das ausreden zu wollen; es ist aber möglicherweise angebracht, es ein bisschen zu relativieren.

Verwöhnung und Leistungsbilanz

Dazu zählt auch zu sehen, dass die Leistungsbilanz junger Menschen fast zwangsläufig im Minus ist, weil ja ihr Lebensunterhalt und ihre Ausbildung von deren Elterngeneration erwirtschaftet werden müssen (ein "Generationenvertrag", von dem kaum je die Rede ist). Je länger diese Lern- und Entwicklungsphase ist, desto größer ist unvermeidlich auch das kumulierte Minus, das jeder von uns in diesem Lebensabschnitt aufbaut – und desto größer damit natürlich auch Bedarf, es in den "produktiven Jahren" nicht nur ins Plus zu drehen, sondern auch noch für das – immer längere – Alter vorzuarbeiten. (So betrachtet, ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit keine Gemeinheit, sondern eher eine Entlastung von dem extremen Produktivitätsdruck, der darin besteht, in 40, 35 oder gar nur 30 produktiven Jahren den Lebensunterhalt für 80 oder 90 Lebensjahre erwirtschaften zu müssen – und möglicherweise noch einen Beitrag zum Funktionieren der Gemeinschaft dazu.)

Das heißt natürlich keineswegs, dass junge Menschen überhaupt keinen Beitrag leisten können oder sollten. Im Gegenteil: Schon kleine Kinder können und sollen ihren Beitrag zum sozialen und wirtschaftlichen Funktionieren ihrer Familie (wie auch ihrer Schulklasse und anderer sozialer Gemeinschaften, denen sie angehören) leisten, indem sie ihren möglichen Anteil der gemeinsamen Arbeit übernehmen, also beispielsweise im Haushalt helfen, bestimmte Einkäufe übernehmen und ähnliches. Dieser eigene Beitrag sollte mit dem Heranwachsen größer werden – aber es hilft enorm, wenn dies nicht nur von klein an eingeübt, sondern auch reflektiert und verstanden ist.

Und genau hier geht das Kuddelmuddel los. Kinder und Jugendliche können ja nicht wissen, was in diesem Zusammenhang für sie, ihre Familie und die Gesellschaft, die sie trägt, gut und richtig ist. Aber auch die wenigsten Erwachsenen (und damit auch die wenigsten Eltern, aber auch die wenigsten Politiker) haben davon eine klare Vorstellung. Wem aber eine Sache gedanklich nicht klar hat, dem fehlt es nicht bloß selbst an Orientierung, sondern er ist auch nicht dazu in der Lage, anderen Orientierung zu geben. Infolgedessen verkommen viele Dinge, über die wir eigentlich eine klare gemeinsame Orientierung bräuchten, zu einem wilden Gezerre und Gefeilsche – von der familiären Arbeitsteilung bis zur Rentenreform. Oder, beinahe noch schlimmer, sie werden, à la "Hotel Mama", in einseitiger und verwöhnender Weise von nur einer der beteiligten Seiten erbracht.

Selbst-Entwöhnung

Aber zu Ihrer Frage: Was kann man tun, wenn man an sich selbst Symptome von Verwöhnung erkennt, und sich entschieden hat, sich selbst "entwöhnen" zu wollen?

Der alte Spruch, dass "Selbsterkenntnis der erste Weg zur Besserung" ist, ist in diesem Fall tatsächlich richtig. Denn hinter die Einsicht, dass man ein verwöhnter Mensch ist, vor allem wenn es nicht nur eine rationale, sondern, wie in Ihrem Falle, auch eine emotionale Einsicht ist, kann man ja nicht mehr so ohne weiteres zurück. Der dritte Schritt zur Besserung ist die Entscheidung, dies ändern zu wollen – wobei wir Individualpsychologen das Vorliegen einer echten Entscheidung in erbarmungslosem Pragmatismus nicht an Worten, sondern alleine an dem Handeln festmachen.

Dazwischen fehlt noch der zweite Schritt, und das ist der der Bewertung: Was soll ich davon halten, und wie soll ich über mich denken, wenn ich zu der Feststellung gekommen bin, ein verwöhnter Mensch zu sein? Ich finde es sehr wichtig, nicht verurteilend, sondern liebevoll und wohlwollend mit sich selber umzugehen. Das heißt, ich bin nicht schlecht und minderwertig, wenn ich Züge von Verwöhnung an mir trage. Ich bin dennoch ein vollwertiger Mensch und, in individualpsychologischen Worten, ein gleichwertiges Mitglied der menschlichen Gemeinschaft. Ich habe dann nur die (ethisch-moralische) Verpflichtung, an meiner "Beitragsquote" zu arbeiten und zu schauen, dass sie von Tag zu Tag besser wird (wobei es auch mal schwächere Tage geben darf, solange die Entwicklungslinie stimmt).

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Abbau von Verwöhnung in eigener Sache und der Aufbau einer beitragenden Grundhaltung sehr viel leichter gelingen, wenn wir nicht verurteilend, sondern wohlwollend mit uns selber umgehen. Und wenn wir die Messlatte nicht so hoch legen, dass wir im Grunde nur scheitern können. Da muss man sogar aufpassen, dass man sich nicht selbst hereinlegt. Das Stecken extrem hoher, faktisch unerreichbarer Ziele ist, final betrachtet, ein guter Trick, um sich nicht wirklich ändern zu müssen und seine Verwöhnung trotz Einsicht aufrechterhalten zu können: "Ich habe es trotz mehrerer Versuche leider nicht geschafft, über 2,50 Meter zu springen! Also lasse ich es bleiben und akzeptiere traurig, dass ich so bin wie ich bin."

Damit der Kampf gegen die eigene Verwöhnung nicht zum Selbstentmutigungsprogramm wird, ist es sinnvoll, ihn eher als "langen Marsch aus kleinen Schritten" zu verstehen denn als heroischen Akt. Also: Einfach anfangen – Gelegenheiten entdecken, wo man einen kleinen Beitrag leisten kann, und dann nicht lange nachdenken, sondern "Just do it!" Ich weiß nicht, wo und wie Sie Weihnachten verbringen, aber ich bin sicher, die bevorstehenden Weihnachtstage werden Ihnen mehr Gelegenheiten zum Training geben als Sie auf einmal nutzen können. Übernehmen Sie sich daher nicht, aber fangen Sie an!

Eigentlich ist der Abbau von Verwöhnung in eigener Sache ganz einfach – was freilich nicht heißt, dass er immer leicht ist: Einfach heute ein bisschen mehr beitragen als gestern! Machen Sie sich nicht zu viele Gedanken über "lang eingeübte Gedankenmuster und unbewusste Reaktionen". Wenn Sie sich entschieden haben, ihre Beitragsquote zu verbessern, können Sie diese Gedankenmuster und vorbewussten Bewertungen zwar ein bisschen plagen, aber nicht wirklich aufhalten. Möglicherweise reden Sie sich dann ein, dass es furchtbar anstrengend ist, beitragend zu sein, und dass es zudem eine Schweinerei ist, dass Ihre Anstrengungen von der Umgebung (kurzfristig) oft gar nicht gewürdigt werden. Vielleicht hilft es Ihnen dabei, wenn Sie sich selber sagen, dass es zwar manchmal anstrengend ist, einen Beitrag zu leisten, dass es aber gar nicht so schlimm ist, wenn mal etwas anstrengend ist.

Falls Sie damit größere Mühe haben sollten (womit ich nach Ihren Formulierungen gar nicht unbedingt rechnen würde), empfehle ich Ihnen einen Blick in das Buch Coach dich!, das ich kürzlich besprochen habe. Es kommt zwar eigentlich aus einer ganz anderen psychologischen Ecke, aber man kann es auch als einen Ratgeber zum Abbau von Verwöhnung und zur Linderung allfälliger Entzugssymptome lesen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und allen Ihren Leidensgenossen
"erfolgreiche" Weihnachtstage

Ihr Winfried Berner

Es ist nie zu spät, aber immer höchste Zeit (Erik Blumenthal)
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