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Anzahl Nachrichten: 4 - Seiten (1): [1]
Autor: WagTho
Erstellt: 04.02.2008 - 19:09
Betreff: Widerstand und schlechte Erfahrungen
Guten Tag Herr Berner,

ich bin Bediensteter einer Landesverwaltung und als solcher aufgerufen, mich an der Umsetzung von "Reformen" und "Verwaltungsmodernisierungen" zu beteiligen. Die Verwaltung bedient sich dabei auch externer Berater und möchte u.a. Methoden des CM zur Anwendung bringen. Entsprechende Lehrgänge, die den Zweck haben sollen, zu erwartenden Widerständen zu begegenen, stehen bevor. Ich habe nun Bedenken, ob die Umsetzung der Veränderungen nicht schon deshalb auf massiven (verdeckten) Widerstand der Bediensteten stoßen wird, weil man in der Vergangenheit Veränderungen grundsätzlich schlecht verkauft und damit ein Glaubwürdigkeitsproblem geschaffen hat. Beispiele: Vor wenigen Jahren wurde das Besoldungssystem zu Lasten aller Bediensteten verändert, um ein Anreizsystem (Leistungsprämien) finanzieren zu können. Die Leistungsprämien, an deren Verteilung wir uns mit Schwierigkeiten gewöhnt hatten, wurden nach nur 2 Jahren wieder abgeschafft, die strukturellen Verschlechterungen natürlich beibehalten. In der Folge kam es zur Streichung des Urlaubsgeldes, zur Kürzung des Weihnachtsgeldes, zur Anhebung der Arbeitszeit von 38,5 auf 41 Stunden und zu weiteren Verschlechterungen bei gleichzeitiger Arbeitsverdichtung. Nun stellen externe Berater das Ergebnis einer von der Landesregierung eingesetzten Expertenkommission zur Verwaltungsmodernisierung vor. Die Kommission hat Vorschläge zur Reform des Dienstrechts, zur Veränderung des Besoldungssystems und zur Verwaltungsmodernisierung gemacht. Präsentiert wurden nur die - relativ harmlosen - Ergebnisse zur Verwaltungsmodernisierung, die höchst heiklen anderen Themen wurden bewusst ausgespart (in ca. 10 Monaten sind Landtagswahlen). Im Zuge einer gut gemeinten Informationskampagne werden aus meiner Sicht Ängste und Befürchtungen der Bediensteten geradezu angeheizt. Nach den Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit muss eine Mehrheit der Bediensteten davon ausgehen, die anstehenden Veränderungen müssten geradezu persönliche Nachteile mit sich bringen. Zudem sind auch die fachlichen Veränderungen nicht unumstritten. Hier wird der Verwaltung von "Altgedienten" oft der Vorwurf gemacht, den Ast abzusägen, auf dem man sitzt, nur weil gerade Brennholz gebraucht wird.

Ich sehe nun das Problem, an sich berechtigte Anliegen durchzusetzen, weil m.E. die Glaubwürdigkeit verspielt, mindestens aber beschädigt ist. Sehen Sie Lösungsansätze?

Mit freundlichen Grüßen

Thomas

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Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert. Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 26.7.2004
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 04.02.2008 - 19:10
Betreff: re: Widerstand und schlechte Erfahrungen
Hallo Thomas,

das ist wirklich ein harter Brocken, den Sie uns da zu knacken geben. Ohne sarkastisch sein zu wollen, fällt mir auf Anhieb kein Fehler ein, den man bis dato ausgelassen hat. Aber es gibt noch reichlich Potenzial für weitere.

Doch der Reihe nach. Da sind zunächst einmal die Altlasten aus der Leistungsprämien-Geschichte. Ich gehe davon aus, dass sich die Beschäftigten hier schlicht betrogen fühlen – und kann es nachvollziehen. Im Nachhinein spielt kaum eine Rolle, ob das von vornherein so beabsichtigt war oder ob es sich erst im Laufe der Zeit dorthin entwickelt hat. Selbst wenn Letzteres der Fall gewesen sein sollte: Das können Sie nachträglich niemanden mehr erklären. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, ob die Kürzungen möglicherweise erforderlich waren – entscheidend ist, auf welchem Weg sie zustande kamen. Genau aus diesem Grund würde ich die Streichung von Urlaubs- usw. -geld an sich anders einordnen, weil sie offenbar nicht unter falschen Voraussetzungen zustande kam. Aber angesichts dieser Vorgeschichte wirkt sie natürlich trotzdem wie Salz in einer offenen Wunde.

Sofern sich an der Spitze Ihrer Verwaltung nicht die Personen geändert haben, wirkt diese Vorgeschichte nach, und zwar in Form von Misstrauen gegenüber den verantwortlichen Akteuren, in Form des Gefühls, unfair behandelt worden zu sein, und in Form von Angst vor weiteren "Schweinereien".

Das ist natürlich eine glänzende Basis für eine "Verwaltungsmodernisierung". Man ahnt förmlich, dass sich die Mitarbeiter schon angesichts dieses Worts nur fragen: Was haben die da oben jetzt schon wieder für eine üble Sache ausgeheckt?!? Da zudem externe Berater im Spiel waren, dürfte erst recht der Verdacht vorherrschen, dass es sich "wieder mal" um eine Mischung aus unsinnigen, weil auf mangelndem Sachverstand beruhenden "Lösungs"konzepten Marke Schnapsidee und neunmalklugen Einsparvorschlägen handelt, die großkotzig als "intelligente Lösungen zur Effizienzsteigerung" ausgegeben werden, aber in der Realität wieder auf die Knochen der Beschäftigten gehen werden.

Dazu kommt nun noch, dass, wie Sie schreiben, aus wahltaktischen Gründen vorerst nur die harmlosen Lösungen präsentiert werden. Derweilen blühen vermutlich längst die Gerüchte und Spekulationen über den Teil, der vorläufig noch unter der Decke gehalten wird. Und selbst wenn nicht: Wenn nach der Wahl das dicke Ende sprichwortgerecht nachkommt, werden die Mitarbeiter eine weitere Bestätigung dafür haben, dass ihrer Führung nicht zu trauen ist.

Wenn ungefähr das die Ausgangsbasis ist, dann muss Ihnen die angesprochene Informationskampagne eigentlich keine Sorgen mehr machen: Sie kann kaum noch etwas verschlechtern. Sie wird allenfalls das latent vorhandene Grundgefühl, von den eigenen Oberen verraten und verkauft zu werden, für ein paar Tage stärker ins Bewusstsein holen. Aber das legt sich nach einer Weile wieder; was hingegen bleibt, sind Misstrauen und Zukunftsangst.

Was kann man tun in solch einer Lage? Das hängt entscheidend davon ab, in welcher Position man sitzt. Als Mitarbeiter oder als mittlere Führungskraft sind die Möglichkeiten begrenzt; da kann man eigentlich nur versuchen, sich selbst so anständig und integer zu verhalten wie es unter den gegebenen Umständen möglich ist, und sich nicht von der allgemeinen "Alles-Scheiße-Stimmung" anstecken lassen. Als Projektleiter oder Projektbeteiligter ist die Situation fast noch schwieriger, weil man dem Verdacht ausgesetzt ist, das üble Spiel entweder aus Naivität oder aus Böswilligkeit aktiv voranzutreiben. Falls Sie in einer solchen Position sein sollten, ist es wichtig, den Kollegen zu erklären, was Sie tun und warum Sie es tun. Und auch, was Sie nicht tun. Das wird nicht alle erreichen, und noch weniger wird es alle überzeugen – dennoch ist es wichtig, sich darum zu bemühen, dass das eigene Handeln für die Kollegen nachvollziehbar ist.

Die Abwärtsspirale durchbrechen kann eigentlich nur jemand in einer Top-Position, der den Mut hat, die Wahrheit zu sagen. Denn Glaubwürdigkeit erwirbt man sich nicht durch das Aussprechen von angenehmen, gefälligen Dingen, sondern nur durch das offene Thematisieren der zentralen unangenehmen Dinge.

Nach meinem oberflächlichen Verständnis geht es im Falle Ihrer Verwaltung um mindestens drei "unangenehme Wahrheiten": Erstens, dass sich die Mitarbeiter durch die Geschichte mit den Leistungsanreizen und der Gehaltskürzung betrogen fühlen. Zweitens, dass es trotzdem nichts bringt, nun bloß noch zu hadern und sich gegenseitig unglücklich zu machen. Drittens, den vollen Inhalt der Reformvorschläge, und zwar beginnend mit den unangenehmsten Aussagen. (Natürlich nicht so im Schnelldurchgang, wie ich es hier skizziere, aber nach dieser Logik.)

Nur: Das Problem ist in aller Regel nicht, dass man sich aus einer verfahrenen Situation nicht befreien könnte. Das Problem ist, dass niemand den Mut hat, die dafür erforderlichen unangenehmen Wahrheiten auszusprechen. Stattdessen eiert man um den heißen Brei herum und gräbt sich mit vereinten Kräften noch tiefer in den Schlamm.

So weit meine Anmerkungen, Thomas. Ich fürchte, das liest sich nicht sehr ermutigend, was ich Ihnen da aufgeschrieben habe. Doch meine Erfahrung ist, dass eine der wichtigsten Sofortmaßnahmen in Krisen ist, der ungeschminkten Wahrheit ins Auge zu sehen. (Ein Beitrag dazu folgt in Kürze.)

Ich halte Ihnen die Daumen!

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Autor: WagTho
Erstellt: 04.02.2008 - 19:10
Betreff: re: re: Widerstand und schlechte Erfahrungen
Sehr geehrter Herr Berner,

ich danke für Ihre Ausführungen. Sie haben nicht nur den Kern der Sache, sondern auch meine persönliche Befindlichkeit gut getroffen. Es geht mir (auch) um meine persönliche Glaubwürdigkeit, auf die ich als Führungskraft der mittleren Ebene für die Tagesarbeit dringend angewiesen bin. Inzwischen bin ich für die übernächste Woche zu einem Lehrgang bestellt, der sich mit CM und dem Umgang mit Widerständen beschäftigt. Ich bin schon sehr gespannt, welche Handlungsvorschläge uns dort unterbreitet werden.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas
Autor: Manuela
Erstellt: 04.02.2008 - 19:11
Betreff: re: re: re: Widerstand und schlechte Erfahrungen
Hallo Thomas,

wie hat sich die Sache denn in den letzten drei Monaten entwickelt ? Welche neuen Erkenntnisse haben Sie gewonnen und was können Sie uns davon mitteilen ?

Gespannt wartend
Manuela
Anzahl Nachrichten: 4 - Seiten (1): [1]
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