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Alle Kategorien > Fachliches, Technisches und Methodisches > Methoden der Veränderung > Teilnehmer-Erfahrungen mit Großgruppen-Konferenzen
Anzahl Nachrichten: 5 - Seiten (1): [1]
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 15:37
Betreff: Teilnehmer-Erfahrungen mit Großgruppen-Konferenzen
Liebe Forumsbesucher,

Großgruppen-Methoden wie Open Space, Appreciative Inquiry und Real-Time Strategic Change werden seit einigen Jahren in der Szene lebhaft diskutiert. Die Zahl der Anhänger unter Trainern, OE-Beratern und Personalentwicklern scheint immer weiter anzuwachsen.

Relativ wenig hört man hingegen darüber, welche Eindrücke und Erfahrungen solche Veranstaltungen bei ihren Teilnehmern hinterlassen. Die sporadisch bei mir ankommende Resonanz von Teilnehmern und Veranstaltern ist recht unterschiedlich, und auch meine eigenen Erfahrungen als Teilnehmer sind durchwachsen.

Daher meine Frage bzw. Bitte: Wenn Sie gute, schlechte oder sonstige Erfahrungen als "einfacher Teilnehmer" von Großgruppenveranstaltungen gemacht haben, schildern Sie uns Ihre Eindrücke hier im Forum, so kurz oder ausführlich Sie wollen!

Vielen Dank im Voraus!

Winfried Berner

PS: Bitte diesmal wirklich nur einfache Teilnehmer ohne Moderatoren-Ambitionen!
Autor: Jos Kayser
Erstellt: 18.02.2008 - 15:38
Betreff: re: Teilnehmer-Erfahrungen mit Großgruppen-Konferenzen
Hallo Herr Berner,

Vor drei Jahren habe ich als einfacher Teilnehmer ohne Moderatoren-Ambitionen an einer solchen Veranstaltung teilnehmen müssen. Kurz nach der Auslagerung eines Teils einer vormalig viel grösseren Firma ging es den Betreibern der nunmehr ausgegliederten Struktur in erster Linie und offiziell um die Identitätsfindung. Die sekundären Beweggründe wurden nicht mitgeteilt (auf Linie bringen). Die ganze Veranstaltung wurde von vorneherein nicht als das angekündigt, was es schlussendlich war...

In Konferenzräumen eines naheliegenden Hotels wurde mittels Detektivspiel die Frage gestellt: Wer sind wir? Um das ganze aufzulockern war ein als Detektiv verkleideter Coach während der achtstündigen, nur durch ein Mittagessen unterbrochenen Gehirnwäsche anwesend. Es war grauenhaft gekünstelt, unstrukturiert und oberflächlich. Menschen, die auch im geringsten nichts miteinander zu tun hatten wurden dazu genötigt, sich gegenseitig zu interviewen und Fragebögen auszufüllen. Fortwährend hing die Frage im Raum (und sie wurde zuweilen auch laut gestellt): Was soll das ganze hier, ich habe Arbeit zu erledigen!?!

Unmittelbar später wurde uns das Resultat dieses Workshops bekannt gegeben. Unter Schwachstellen waren eindeutig die mangelnden Weiterbildungsmöglichkeiten und die schlechte interne Kommunikation identifiziert worden.

In einem Anflug von Idealismus hatte ich damals der Geschäftsleitung ein Projekt unterbreitet, welches kommunikationsfördernde Massnahmen beinhaltete. Dabei wollte ich vor allem mein Wissen im Bereich -Zwischenmenschliche Kommunikation- weitergeben. Es war nie ein Problem in unserer Firma mit Outlook, Powerpoint oder anderen telefonischen oder microsoftischen Kommunikationsmitteln umzugehen, aber die Menschen hatten face-to-face so einige Probleme miteinander.

Anfangs wurde grosses Interesse vorgegaukelt. Einige Wochen lang recherchierte ich und machte schliesslich der Geschäftsleitung einige Vorschläge. Der Geschäftsführer verwies mich dann an den Technischen Vorstand, dieser liess mich einge Wochen zappeln und meinte dann, der Geschäftsführer müsse entscheiden... usw. Ich stellte letzteren dann an einem mutigen Tag zur Rede und erfuhr mehr oder weniger klar, dass meine Mitarbeit nicht erwünscht sei.

Der Geschäftsführer wurde vor einem Jahr abgelöst! Schon vorher, und jetzt noch mehr, halte ich es mit Shakespeare: Die Despoten ziehen vorüber, das Volk bleibt ;-)

Der Idealismus hat mich nicht verlassen. Ich habe daraus gelernt und lasse mich nicht mehr so schnell blenden. Die Energie, die ich heute für mich aufwende, stelle ich nach wie vor gerne auch anderen zur Verfügung (wie zB hier). Und seit die Geschäftsführung geändert hat, hat auch das Chorum geändert.
So hat auch eine schlechte Erfahrung ihre guten Seiten...

Wenn Sie nähere Details erfahren möchten, bitte dann über e-mail. Das Internet wird jeden Tag gläserner!

Schöne Grüsse.

Jos Kayser
Autor: Manuela
Erstellt: 18.02.2008 - 15:39
Betreff: re: re: Teilnehmer-Erfahrungen mit Großgruppen-Konferenzen
Hallo Herr Berner,

ich wollte mal nachfragen, ob sich zu diesem Thema schon etwas neues ergeben hat.
Haben Sie zufällig aus persönlichen Gesprächen durch Ihre Beratertätigkeit weitere Erkenntnisse gewinnen können ?

Wenn man sich die Literatur zum Thema Großgruppen-Moderation anschaut, ist diese doch sehr euphorisch geschrieben und es werden immer nur positive Beispiel zitiert. Dies liegt ganz sicher daran, dass sie von Berater-Seite geschrieben ist und diese ihre Leistungen ja verkaufen wollen.

Mit freundlichem Gruß

Manuela
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 15:39
Betreff: re: re: re: Teilnehmer-Erfahrungen mit Großgruppen-Konferenzen
Hallo Manuela,

danke für Ihre Nachfrage! Sie kommt witzigerweise wenige Tage bevor ich am kommenden Dienstag zu einem Seminar in die Schweiz aufbreche, wo ich hoffe, von den Kollegen der "frischer wind AG" eine intensive Einführung in Theorie und Praxis der Großgruppenmethoden zu erhalten.

Trotzdem war und bin ich ein bisschen traurig, dass außer dem treuen Jos Kayser niemand auf meinen Aufruf reagiert hat, über seine Erfahrungen mit Großgruppenkonferenzen zu berichten. Die Zahl der Teilnehmer sollte doch eigentlich die Zahl der Moderatoren übersteigen, hatte ich mir gedacht, gerade bei Großgruppen.

Und es geht ja nicht um die Frage, ob diese Methoden Teufelszeug sind oder die Lösung sämtlicher Menschheitsprobleme (auch wenn Veröffentlichungen zum Teil so klingen). Spannend wäre, wo die Stärken und Schwächen dieser Methoden liegen, wie des Teilnehmern geht, wenn sie tagelang in einem solchen Prozess stecken - und wie in den Tagen / Wochen danach. Spannend wäre, welchen Einfluss die Struktur der Konferenz und das Verhalten der Moderatoren auf Ergebnisse und Befindlichkeiten hat. Vielleicht wäre es auf dieser Basis ja möglich, Aussagen über Indikationen und Gegenindikationen abzuleiten, aber auch über "Do's and Don't's" für Veranstalter und Moderatoren.

Aber vielleicht kann ich ja Ende nächster Woche mehr berichten. Und vielleicht gibt Ihr neuer Beitrag doch dem/der einen oder anderen den Impuls, seine/ihre Erfahrungen in das Forum einzubringen.

Mit gespannten Grüßen

Winfried Berner
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 18.02.2008 - 15:42
Betreff: re: re: re: Teilnehmer-Erfahrungen mit Großgruppen-Konferenzen
Hallo Manuela,
hallo Forumsbesucher,

hier ein kurzer Bericht von der "Lernwerkstatt Großgruppen", an der ich vorletzte Woche teilgenommen habe. Um das Resümee vorwegzunehmen: Obwohl ich nicht leicht entflammbar bin, haben es die Kollegen von der schweizerischen frischer wind ag geschafft, mich mit dem vielbeschworenen "Feuer großer Gruppen" anzustecken. Mein Fazit am Ende des viertägigen Seminars war: Ich habe einige hochinteressante Bausteine kennengelernt, die bloß noch nicht so recht in mein Gebäude passen. Doch begeistern mich diese Methoden insofern, als sie das "Missing Link" zur Beschleunigung von Veränderungsprozessen in großen Organisationen sein könnten, nach dem ich seit langem suche.

Noch ist mir unklar, ob Großgruppen "nur" dazu in der Lage sind, einen emotionalen Konsens herbeizuführen oder ob sie bei geeignetem Vorgehen auch einen rationalen Konsens hervorbringen können. Manche Mechanismen der Großgruppen-Dramaturgie scheinen mir eher dahin zu steuern, den Mainstream herauszuarbeiten und Einzelmeinungen zu "neutralisieren".

Beispielsweise filtern Punktegewichtungen zwangsläufig eher die anschlussfähigen Vorschläge heraus als die innovativen. Das mag völlig genügen, um eine Gemeinde zu befrieden, in der unterschiedliche Zielvorstellungen und Interessen im Clinch liegen, aber es könnte tödlich sein für ein Unternehmen, das mit einer veränderten Markt- und Wettbewerbssituation konfrontiert ist. Denn dort ist die Mehrheit der Mitarbeiter oft noch im Status Quo oder gar in der besseren Vergangenheit verhaftet. Aber die gemeinsame Weigerung, die Realität zur Kenntnis zu nehmen, ändert in aller Regel nichts an der Realität, wohl aber an den Zukunftschancen derer, die sie verleugnen.

Dem kann man, wie wir gelernt haben, zum Beispiel beim "Real-Time Strategic Change" durch die geschickte Auswahl der Input-Redner entgegensteuern. Womit wir uns allerdings sehr stark im Bereich der steuernden Einflussnahme bewegen: Die Gruppen arbeiten dann unter dem (emotionalen) Eindruck, den der oder die Redner bei ihnen hinterlassen haben. Das kann unter günstigen Voraussetzungen die Realitätsdichte der Ergebnisse fördern – aber mit einem rationalen Konsens hat es nach wie vor sehr wenig zu tun. Vielmehr folgen sie bewusst oder unbewusst der Fährte, die einige "Vordenker" für sie gelegt haben. Ganz frei von Unbehagen bin ich an dieser Stelle nicht, zumal auch die Wirkung des "Inputs" auf einem schmalen Grat balanciert: Wenn der Redner überdramatisiert, dürfte er damit ganz andere Arbeitsergebnisse der Konferenz auslösen, als wenn er die Teilnehmer zum Beispiel durch arrogantes Auftreten vor den Kopf stößt und zu Trotzreaktionen provoziert.

Mehr als ich wollte habe ich in der "Lernwerkstatt" auch darüber gelernt, wie groß die Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland wirklich sind. Hannes Hinnens ungebrochenes Vertrauen in die "Weisheit großer Gruppen" kann wohl nur aus der schweizerischen Tradition der direkten Demokratie erwachsen. Angesichts der deutschen Vorgeschichte fällt es mir ungleich schwerer, mich Hannes' entspanntem und ungemein suggestivem Vertrauen in die Selbststeuerungsfähigkeit von Großgruppen anzuschließen.

Und so war es wohl kein Zufall, dass in dem abschließenden "Open Space" eines der Diskussionsthemen "Massenphänomene in Großgruppen" lautete – und dass es, wiewohl von einer Schweizerin angestoßen, hauptsächlich deutsche Teilnehmer fand. Spannend, aber auch beunruhigend, in welchem Ausmaß die Teilnehmer von Großgruppen (wie auch wir selbst in der Lernwerkstatt) bereit sind, ihre (Mit-)Verantwortlichkeit an die Moderatoren zu delegieren und "im Gemeinschaftserleben aufzugehen".

Und so sind für mich noch längst nicht alle Fragen beantwortet – aber eine schon: nämlich dass die Großgruppenmethoden einer vertiefenden Auseinandersetzung wert sind, und ebenso der praktischen Erprobung. Es gibt noch so viel zu lernen, zu denken, zu erfahren ...

Umso schöner wäre es, wenn der eine oder andere "Großgrüppler" bereit wäre, seine/ihre Erfahrungen und Gedanken auch in dieses Forum einzubringen.

Freundliche Grüße

Winfried Berner
Anzahl Nachrichten: 5 - Seiten (1): [1]
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