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Anzahl Nachrichten: 3 - Seiten (1): [1]
Autor: Sophie K.
Erstellt: 17.02.2008 - 16:41
Betreff: Berufsperspektiven
Guten Tag,
bei meiner Frage geht es um die Berufsperspektive im HR Bereich.
Ich studiere Psychologie im 5. Semester, habe mein Vordiplom und muss nun Schwerpunkte wählen.
Ich habe vor, in AO Psychologie ein sogenanntes Curriculum (gibt es nur in Bielefeld: Man besucht dann neben den Pflichtveranstaltungen 8 weitere Seminare, die einem separat bescheinigt werden) zu erwerben und dieses auch
neben Pädagogischer Psychologie als Schwerpunktfach zu wählen. Soweit nichts ungewöhnliches. Stimmt.
Aber jetzt zu meiner Frage: Ich bin in diesem Moment 32,5 Jahre alt und werde wahrscheinlich erst mit ca. 35 mein Studium abgeschlossen haben. Wie schätzen Sie den Arbeitsmarkt ein? Wird es wohl noch Arbeitgeber geben, die
mich trotz meines hohen Alters einstellen, oder sollte ich lieber zusehen, dass ich die Schwerpunkte woanders setze? Wann würden Sie mir empfehlen, Kinder zu bekommen?
Natürlich war ich bis zu meinem Studium nicht untätig:
Chronologische Abfolge:
- Abitur mit 19
- dann leider eine Fehlentscheidung: 3 Jahre Jurastudium (ohne Abschluss - Abbruch)
- 2,5 Jahre Hotelfachausbildung (4 Sterne in Hannover; große Hotelkette)erfolgreich beendet
- 2 Jahre Vertrieb in einer kleinen Eventagentur; davon 1 Jahr Vertriebsleitung
- 3,5 Jahre Promotionleiterin bei einem bekannten deutschen Spirituosenhersteller (gilt dort als Führungsposition, da alleinige Zuständigkeit für 25 studentische Aushilfen, Einsatzplanung, Durchführung etc.)
- Oktober 2005 Beginn des Studiums (Vordiplom nach dem 4. Semester)
- nebenbei arbeite ich in einem Bekleidungs-Outlet Store (höherpreisiges Segment) recht erfolgreich als "Verkaufsberaterin" in der Herrenabteilung
Mein Psychologiestudium habe ich begonnen, da ich insbesondere die in-house Trainings bei meinem früheren Arbeitgeber sehr spannend fand und weil ich mehr wissen wollte über Teamführung, Optimierung, Motivation etc.
Leider plagen mich manchmal Zukunftsängste, da ja gerade in dem Bereich, in dem ich tätig werden möchte (sprich Unternehmen), bevorzugt jüngere Mitarbeiter eingestellt werden.
Ich würde mich sehr über eine oder gern auch viele!!) Antwort von Ihnen freuen.
Mit freundlichen Grüßen
______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 31.10.2007
Autor: Winfried Berner
Erstellt: 17.02.2008 - 16:42
Betreff: re: Berufsperspektiven
Hallo Sophie,
zuerst mal herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Vordiplom!
Ich habe den Eindruck, dass Ihnen gar nicht bewusst ist, dass Sie Ihren Studienkolleg(inn)en nicht nur ein paar Lebensjahre voraus haben, sondern auch ein Bündel ungemein wertvoller Erfahrungen. Dazu zähle ich nicht nur die Erfahrung, schon ein paar berufliche Wege ausprobiert zu haben, die sich im Nachhinein als nicht "Ihr" Weg erwiesen haben, und diese Entscheidung korrigiert zu haben – obwohl ich auch das für eine wichtige Lebenserfahrung halte. Noch höher bewerte ich Ihre Erfahrung mit unterschiedlichen beruflichen Realitäten, die Sie vermutlich den allermeisten Ihrer Kommilitonen voraus haben: Hotellerie, Vertrieb, Verkaufsförderung, Einzelhandel.
Das scheint mir deshalb so wichtig, weil der volle Nutzen der Psychologie und des Psychologiestudium sich aus meiner Sicht erst dann entfaltet, wenn man mit der Realität vertraut ist, auf die man seine Psychologie anwenden will. Denn ohne dieses Realitätswissen tut man sich gerade als Psychologe sehr schwer, weil es kaum möglich ist, realistische Vorschläge zur Verbesserung einer Realität abzuliefern, die man nicht oder nur oberflächlich kennt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie schon im Vordiplom-Studium manche Dinge mit anderen Ohren gehört haben als Ihre Kommilitonen – nicht weil Sie durch Ihre Berufserfahrung klüger geworden wären, sondern weil manche Theorien und Modelle bei Ihnen vermutlich an Erfahrungen "andocken" konnten. Das dürfte sich im Hauptdiplom-Studium verstärkt fortsetzen, zumal, wenn Sie Ihre Verkaufstätigkeit bewusst als "psychologisches Dauerpraktikum" verstehen und nutzen.
Meine vorrangige Empfehlung an Sie wäre, dass Sie die Jahre, die Sie mit anderen Dingen verbracht haben, nicht als Umweg oder gar als verlorene Jahre betrachten, sondern als "Asset", also als Wettbewerbsvorteil. Das gilt auch für Ihr Jurastudium. Auch wenn Sie es abgebrochen haben, konnten Sie vermutlich kaum verhindern, dass Sie bis zum 8. Semester eine Menge über juristisches Denken und juristische Methodik mitbekommen haben. Gerade im Personalbereich, der ja sehr verrechtlicht ist, ist das ein nicht zu unterschätzender Vorteil, aber auch für fast alle anderen Management-Funktionen. So dürfte es Sie zum Beispiel weniger überraschen als viele Jungmanager (und -berater), dass es einen Betriebsrat gibt, dessen Mitbestimmungsrechte nicht ungestraft ignoriert werden können.
Nach meiner Einschätzung konkurrieren Sie im Arbeitsmarkt gar nicht wirklich mit Ihren Kommilitonen, die 8 oder 10 Jahre jünger sind als Sie. Wenn ein Unternehmen partout möglichst junge Studienabsolventen einstellen möchte, wird es Sie eh nicht in Betracht ziehen. Sie sind für Unternehmen interessant, weil Sie etwas zu bieten haben, was die wenigsten jungen Psychologen haben: Sie kennen die Anwendungsrealität, und zwar sogar in emotional relativ strapaziösen Arbeitsfeldern wie Hotellerie, Verkauf und Verkaufsförderung. Das heißt, Sie sind praktisch ab dem ersten Tag in ganz anderer Weise einsetzbar als junge Uni-Absolventen, die sich an die berufliche Realität erst mühsam herantasten müssen.
Zwei Anregungen noch, die über Ihre Fragen hinausgehen. Zum einen möchte ich Ihnen ans Herz legen, Ihre Ausrichtung auf den HR-Bereich noch einmal zu überdenken. Wenn das Ihr höchstes Ziel ist, dann sollten Sie es natürlich machen – aber eigentlich wäre es dort schade um Ihre ganzen Vertriebs- und Kundenerfahrungen. Prüfen Sie doch mal, ob eine Alternative für Sie als Psychologin nicht im Vertrieb liegt! In Großbanken gibt es zum Beispiel interne Vertriebs- und Managementtrainer, die die Mitarbeiter und Führungskräfte in Vertriebs- und Führungsfähigkeiten nicht nur schulen, sondern auch coachen. Aber auch für eine Stabs- oder Linienfunktion im Vertrieb halte ich Psychologie plus Praxiserfahrung für ein ideales Fundament. Schließlich sind zwar nicht alle, aber doch sehr viele Vertriebsfragen letztlich psychologische Fragen – wie zum Beispiel die, mit der ich mich gerade im Rahmen eines großen Projekts beschäftige: Wie viel Druck und interne Konkurrenz sind eigentlich optimal für die Performance eines Vertriebs?
Zweitens: Prüfen Sie noch mal, ob die Pädagogische Psychologie wirklich die ideale Ergänzung für Sie ist. Auf die Gefahr, es mir mit vielen Pädagogen und Pädagogischen Psychologen zu verderben, bekenne ich hiermit, dass ich dort den Stand der Wissenschaft und "Praxeologie" (anwendungsbezogene, wissenschaftlich fundierte Methodik) nicht für so eindrucksvoll halte, dass man damit mehrere Studiensemester zubringen müsste. Am weitesten entwickelt scheint mir in unserer Disziplin, einschließlich sämtlicher Irrwege, nach wie vor die Klinische Psychologie zu sein. Und glauben Sie mir, die Grenzen zwischen Management und Klinik sind fließender als die Schubladensystematik von Forschung und Lehre es vermuten lassen. Deshalb wäre meine Anregung, hier noch einmal kräftig einzutauchen, bevor Sie die Uni verlassen. (Ich selbst bedauere heute manchmal, dass ich mich im Studium nicht intensiver mit der Klinischen befasst habe. Denn neurotisch geprägte Denk- und Handlungsmuster kommen, wie Ihnen Ihre Vertriebserfahrung bestätigen wird, keineswegs nur innerhalb geschlossener Einrichtungen vor.)
Was Ihre Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für Kinder betrifft, meine ich, dass man nicht alles im Leben von der Berufsplanung abhängig machen sollte. Der Beruf ist wichtig, aber er ist nicht das Einzige im Leben, sondern nur eine von drei "Lebensaufgaben", wie sie der alte Alfred Adler genannt hat: Liebe – Beruf – Gemeinschaft. (Rudolf Dreikurs hat als vierte noch den Umgang mit sich selbst hinzugefügt; ich würde noch den Umgang mit unserer Umwelt ergänzen.) Ich hatte bei BCG mehrere Kolleginnen, denen es in bewunderungswürdiger Weise gelungen ist, Kinder und Beruf zu verbinden. Das war sicher nicht ganz stressfrei, doch ich habe den Eindruck, dass sich diese Kinder nicht schlechter, sondern eher besser entwickelt haben als viele, deren Mütter den ganzen Tag Zeit für sie hatten. (Wie ich insgesamt glaube, dass es nicht gut ist für Kinder, wenn ihre Mütter zu viel Zeit für sie haben. Sie entwickeln in dieser Konstellation sehr leicht die Überzeugung, das Zentrum des Universums zu sein – ein Irrtum, dessen Aufklärung im späteren Leben oft sehr schmerzhaft ist.)
So viel mal für den Moment – ich denke, das liefert Ihnen einigen Stoff zum Nachdenken ...
Freundliche Grüße
Winfried Berner
Autor: Sophie K.
Erstellt: 17.02.2008 - 16:42
Betreff: re: re: Berufsperspektiven
Sehr geehrter Herr Berner,
ganz, ganz herzlichen Dank für die ausführliche Antwort. Sie haben mich damit wirklich ein ganzes Stück nach vorne gebracht! Die Anregung mit dem dem Vertrieb klingt plausibel. Ich werde auf jeden Fall versuchen, in diesem Bereich ein Praktikum zu absolvieren. Nach nun vier Vorlesungen in Pädagogischer Psychologie bin ich übrigens zum gleichen Schluss gekommen, nämlich lieber Klinische als Schwerpunkt zu wählen...
Ganz liebe Grüße und vielen Dank für die Mühe
Sophie
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