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Anzahl Nachrichten: 7 - Seiten (1): [1]
Autor: Rahul
Erstellt: 11.02.2008 - 19:09
Betreff: Nutzung des Mitarbeiterpotenziales
Sehr geehrter Herr Berner, liebe Forumsteilnehmer

Seit längerer Zeit verfolge ich die Beiträge in Ihrem Forum mit grossem Interesse. Es ist sehr aufschlussreich, was alles zum Thema „Wandel“ besprochen wird. Ich möchte Ihnen und allen Forumsteilnehmern ein grosses Lob für diese tolle Initiative aussprechen!

Als Berater für die Implementierung von ERP-Software, bewege ich mich täglich in einem von Wandel geprägtem Umfeld.
Was mich immer wieder erschreckt ist die Tatsache, dass ich bisher keine Unternehmung angetroffen habe, die den Wandel (z.B. ausgelöst durch eine ERP-Einführung) ganzheitlich betrachtet.
Mit ganzheitlich meine ich die sinnvolle Einbindung aller Mitarbeiter in den Veränderungsprozess.
Wobei sich eine Unternehmung immer mehr oder weniger im Wandel befindet, d.h. dass jeder Mitarbeiter tagtäglich in der Unternehmung Beachtung finden muss.

Ich bin überzeugt, dass jede Unternehmung über sehr viel „verstecktes“ Kapital verfügt: Nämlich die
Möglichkeit jedes einzelnen Mitarbeiters täglich Bestleistungen zu erzielen.

Dabei werde ich jedoch das Gefühl nicht los, dass dieses Kapital (aus welchen Gründen auch immer) nicht freigemacht wird.

Mich interessiert, welche Erfahrungen Sie bisher zu diesem Thema (ich nenne es einmal Mitarbeiterpotenzial) gemacht haben.
Gibt es das Unternehmen, das wirklich konsequent versucht, aus jedem Mitarbeiter das Optimum heraus zu holen? Dabei bewusst sämtliche Mitarbeiter motiviert täglich Bestleistungen zu bringen, indem diese ernst genommen werden und sich und ihre Ideen, Initiativen in der Unternehmung einbringen dürfen, ja sollen.

Sind die Unternehmungen dank der besseren Wirtschaftslage jetzt wieder eher bereit in das Freimachen dieses Unternehmenspotenziales zu investieren?
Eine Studie in der Schweiz besagt, dass sich momentan etwa jeder vierte Arbeitnehmer auf Stellensuche befindet ... Bei wie vielen dieser Stellensuchenden ist dies der Fall, weil sie bei ihrem aktuellen Arbeitgeber nicht genügend wahrgenommen wurden und jetzt entsprechend frustriert sind...

Ich würde mich sehr über eine spannende Diskussion freuen.

Viele Grüsse aus der Schweiz
Rahul

______________________________________
Dieser Thread wurde aus dem alten Diskussionsforum übernommen, deshalb hat sich das Datum geändert.
Der ursprüngliche Eintrag datiert vom 31.7.2006
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 11.02.2008 - 19:10
Betreff: re: Nutzung des Mitarbeiterpotenziales
Hallo Rahul,

was verstehen Sie unter ERP-Software, und in welcher Verbindung steht solch eine Software zu den Themen, die Sie beschrieben haben?

Freundliche Grüße

W. Berner
Autor: Rahul
Erstellt: 11.02.2008 - 19:10
Betreff: re: re: Nutzung des Mitarbeiterpotenziales
Guten Tag Herr Berner

ERP steht für Enterprise Resource Planning (betriebswirtschaftliche Standardsoftware, z.B. SAP, Oracle etc.)

Die Einführung von ERP-Software betrifft die ganze Unternehmung, ja sogar ihr Umfeld wie Lieferanten und Kunden. Häufig geht ein organisatorischer-und kultureller Wandel mit der Implementierung solcher Software durch die Unternehmung. Damit ERP-Projekte erfolgreich umgesetzt werden können, bedarf es der Einbindung der Mitarbeiter.

Ich habe ERP-Projekte beispielhaft im Zusammenhang mit der Nutzung des Mitarbeiterpotenziales genannt, weil dies aus meiner Sicht ein gutes Beispiel darstellt, wie Wandel (organisatorisch wie kulturell) in einer Unternehmung betrachtet werden sollte. Nämlich mit dem Einbezug der Mitarbeiter.

Meine Frage ist jedoch sehr viel mehr grundsätzlicher Natur:
Schöpfen die Unternehmungen das Potenzial ihrer Mitarbeiter genügend aus? D.h. sind die Unternehmungen genügend bemüht, den Mitarbeitern eine Unternehmenskultur zu bieten, die motiviert dass jeder Einzelne täglich das bestmögliche leistet? Aufgrund meiner Einblicke in unterschiedlichste Unternehmungen stelle ich dies sehr in Frage.
Gibt es aus Ihrer Erfahrung Unternehmungen, die ganz bewusst Projekte durchgeführt haben, mit dem Ziel das vorhandene Mitarbeiterpotenzial zu wecken und dementsprechend besser zu Nutzen? Wenn ja, wie wurden solche Projekte gestaltet, wie kann die vorgehensweise aussehen? Wie können Unternehmungen überhaupt dazu gebracht werden, sich eventuell sogar von aussenstehenden Beratern überzeugen zu lassen, dass ihr Mitarbeiterpotenzial viel besser genutzt werden könnte?

Ich freue mich auf Ihr Feedback.

Freundliche Grüsse

Rahul
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 11.02.2008 - 19:13
Betreff: re: re: re: Nutzung des Mitarbeiterpotenziales
Hallo Rahul,

danke für die Zusatzinformationen; nun verstehe ich, glaube ich, besser, worum es Ihnen geht.

Leicht tue ich mir mit der Beantwortung allerdings nicht. Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich fürchte, viele Top Manager würden Ihre Frage gar nicht verstehen. Oder sie würden sie missverstehen in der Richtung, ob die Leute auch genug leisten. Wenige Manager, die ich in meinen mittlerweile bald 25 Beraterjahren erlebt habe, besaßen die Fähigkeit, in einem Menschen nicht nur zu sehen, was er heute leistet und kann, sondern auch, was aus ihm bei konsequenter Förderung und Forderung werden könnte. Viel eher haben wir die Fähigkeit kultiviert, rasch zu erkennen, was jemand nicht kann und wo seine Schwachpunkte und Grenzen liegen. Das erspart uns zwar Enttäuschungen, aber auch Entdeckungen. Und ich glaube, diese Defizitorientierung trägt maßgeblich dazu bei, dass viele Menschen weit unterhalb ihrer Fähigkeiten bleiben.

Umgekehrt habe ich im Laufe der Jahre auch immer wieder einzelne Manager erlebt, die in ihrer Umgebung ein ausgesprochen ermutigendes Klima schufen und damit erreichten, dass ihre Mitarbeiter über sich hinaus wuchsen, und zwar nicht nur in dem Sinne, dass sie bei ihrer momentanen Aufgabe Spitzenleistungen (und einen Spitzeneinsatz) brachten, sondern auch im Sinne von persönlicher Weiterentwicklung. Solche Manager üben in der Regel eine beinahe magische Anziehungskraft auf engagierte Mitarbeiter unterschiedlichster Provenienz aus, von der Sekretärin über High Potentialsbis hin zu externen Beratern. Und die beteiligten Personen sprechen oft noch Jahre später mit leuchtenden Augen von "damals".

Allerdings habe ich auch oft erlebt, dass die entsprechende Kultur relativ rasch zusammenbricht, wenn der betreffende Manager in Pension geht oder die Stelle wechselt. (Zwar sind das nicht unbedingt die Typen, die ihr Team wegen der nächstbesten Karrierechance im Stich lassen, aber wenn man etwa in den Vorstand berufen wird, wäre es ja auch unhöflich abzulehnen.) Offenbar schaffen sie es in der Regel nicht, eine solche "Ermutigungskultur" unabhängig von ihrer Person zu etablieren. Oder sie wollen es nicht, weil es ihnen durchaus auch schmeichelt, in ihrem Umfeld solch ein außergewöhnliches Klima zu verbreiten. Nicht selten nehmen solche Leute, wenn sie denn wechseln, einige ihrer besten Mitarbeiter mit – und die folgen ihnen auch auf dem Fuß, weil sie (spätestens nach einigen Wochen unter einem anderen Chef) wissen, was sie an ihm hatten und haben.

Trotzdem oder gerade deshalb ist die Frage spannend, ob es möglich wäre, eine solch ermutigende Unternehmenskultur (einigermaßen) personenunabhängig zu etablieren und wenn ja, wie man dies anstellen müsste. Meine bisherigen Erfahrungen sprechen eher dafür, dass solche kulturellen Merkmale niemals völlig unabhängig von den obersten Führungspersonen existieren. Vielmehr scheint der persönliche Mutpegel des Top Managements und seine Ermutigungsfähigkeit und -bereitschaft die zentrale Begrenzung und damit oft der kritische Engpass für das ganze Unternehmen zu sein. Ich halte es für realtiv schiwerig (wenn auch vielleicht nicht für völlig unvorstellbar), unterhalb eines entmutigenden Vorstands eine ermutigende Unternehmenskultur zu schaffen. Doch der Unterschied kann in diesem Fall wohl nur graduell sein.

Eine zentrale Aufgabe und – im wahrsten Sinne des Wortes! – Herausforderung ist in solchen Fällen die Ermutigung des Top Managements. Das mag paradox oder gar abstrus klingen, aber eine "Ermutigung von unten nach oben" ist durchaus möglich, ohne die Hierarchie auf den Kopf zu stellen oder noch größeres Unheil anzurichten. Gerade wir Berater können dabei eine wichtige Funktion haben: Zum einen, weil wir Expertise von außen einbringen; zum anderen aber auch, weil wir hierarchisch weniger einordenbar sind.

Wie könnten Unternehmen dazu gebracht werden, sich auf solch ein Vorhaben einzulassen? Ein Ansatzpunkt könnte sein, einen zentralen Gedanken von Wayne Cascio aufzugreifen, einem amerikanischen Professor für Managementpsychologie. Der verficht in seinem Buch Responsible Restructuring den Leitgedanken, Unternehmen sollten ihre Mitarbeiter nicht als Kostenfaktor betrachten, sondern als "Betriebsvermögen". Dementsprechend sollten sie nicht danach streben, Personalkosten zu senken, sondern danach, den größtmöglichen Nutzen aus ihrem "Human Capital" zu ziehen.

Ein anderer Ansatzpunkt ist das "Encouraging-Training" des Individualpsychologen Theo Schoenaker (vergl. sein Buch Mut tut gut). Er empfiehlt zum Beispiel in der Partner- und Familientherapie die geniale Übung, jeden Abend drei Punkte aufzuschreiben, die man an seinem Partner (oder an seinen Kindern oder an seinen Eltern) positiv findet. Warum sollte das nicht auch funktionieren, wenn es Vorgesetzte gegenüber ihren Mitarbeitern, Mitarbeiter gegenüber ihren Vorgesetzten oder Top Manager gegenüber ihrem Unternehmen machen?

Am besten wäre natürlich, dem Vorstand gleich ein Encouraging-Training zu vekaufen – doch das ist mir bislang noch nicht gelungen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden ...

Freundliche Grüsse
in die Schweiz

Winfried Berner
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 11.02.2008 - 19:13
Betreff: re: re: re: re: Nutzung des Mitarbeiterpotenziales
Hier als Nachtrag eine Meldung, die ich gerade der neuesten "BDU-Depesche" (Mitgliederinformation des BDU) entnommen habe:

Unternehmen vergeuden Ressourcen, weil sie die Kompetenzen ihrer Mitarbeiter nicht kennen

Die Kompetenzen ihrer Mitarbeiter sind vielen Unternehmen nicht bekannt, denn nur jedes dritte Unternehmen erhebt regelmäßig jährlich die Kompetenzen seiner Mitarbeiter. Die Personalarbeit, die zunehmend systematisiert und professionalisiert wird, hat demnach dem Kompetenzmanagement noch keinen adäquaten Stellenwert eingeräumt. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der Managementberatung Mühlenhoff + Partner, Düsseldorf und des Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, Stuttgart.
Autor: Rahul
Erstellt: 11.02.2008 - 19:14
Betreff: re: re: re: re: re: Nutzung des Mitarbeiterpotenziales
Guten Tag Herr Berner

Besten Dank für Ihre Ausführungen!

Deutschland scheint mir zu diesem Thema der Schweiz voraus zu sein... Ich habe zumindest im Internet wesentlich mehr deutsche als schweizerische Beiträge gefunden. Vielleicht geht es den Schweizer Unternehmungen immer noch "zu gut", als dass auf dem Gebiet der Förderung des Mitarbeiterpotenziales echte Anstrengungen unternommen werden (müssen)?!

Freundliche Grüsse

Rahul
Benutzerbild Autor: Winfried Berner
Erstellt: 11.02.2008 - 19:14
Betreff: re: re: re: re: re: re: Nutzung des Mitarbeiterpotenziales
Hallo Rahul,

wenn Sie mit "voraus" meinen, dass bei uns das Wasser schon höher steht, dann haben Sie wohl Recht ...

Ein schönes Wochenende

Winfried Berner
Anzahl Nachrichten: 7 - Seiten (1): [1]
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